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Shit, sie haben Abby gekidnappt! (c) BBC

Achtung: Spoiler falls Staffel 1 noch nicht gesehen, sowohl in den Videos als auch im folgenden Text.

Videorückblick – Staffel 1:

Endlich ist Survivors wieder da. Und wie! Etwas länger als nötig hatte die BBC gewartet – vielleicht ja wegen der Schweinegrippe – um das 2008 gestartete, tolle Remake des Kult-Klassikers Survivors wieder auf die TV-Bildschirme zu bringen. Schon 1975 und auch noch mit etwas schwächeren weiteren Staffeln in den Folgejahren schickte die BBC das von Terry Nation erdachte Endzeitdrama in die Wohnzimmer begeisterter Scifi-Fans. 2008 überzeugte das zeitgemäße Remake viele TV-Fans.

Schöne HD-Optik, aktualsierte Charaktere (vor allem hinsichtlich ethnischer Herkunft), mehr Action, weniger Philosophie – das waren die Grundwerte der ersten neuen Staffel. Mit Staffel 2 scheinen die Macher die Schraube noch einmal hinsichtlich Mainstream anzuziehen – und das klappt überraschend gut. Nach vielen im Verlauf eher lahmen neuen US-Serien (FlashForward, V) ist Survivors tatsächlich eine überaus angenehme Abwechslung. Locker nimmt es die BBC-Produktion mit den US-Dramen der letzten Zeit auf. Unnötig eigentlich, dass im Verlauf der Episode heftig bei Lost (und FlashForward) geklaut wird. Ich weiß gar nicht mehr, ob das Flashback-Element, auf das ich anspiele, auch schon in der ersten Staffel benutzt wurde?

Greg, der den Flashback hat, ist schwer verwundet, Anya und Al werden verschüttet. Und unsere gute Abby, „Mutter“ aller Überlebenden, wurde von bösen Wissenschaftlern gekidnappt. Tja, wenn ihr nun nicht mehr wisst, wer wer war und überhaupt – so gings mir auch. Viel Zeit sich an die Charaktere und die Handlunsgbögen der ersten Staffel zu erinnern bleibt nicht, denn Survivors legt gleich ein ordentliches Tempo vor. Also: falls überhaupt schon geschehen, vielleicht nochmal schnell mit der letzten Folge von Staffel 1 auf den aktuellen Stand bringen. Denn Staffel 2 geht schließlich da weiter, wo Staffel 1 aufhörte, und das war ja mit einem fiesen Cliffhanger…

Gegenüber der mehr als soliden Produktion und schnellen Action bleiben Storytelling und Dialoge jedoch zurück. Damit geht das Remake genau in die andere entgegen gesetzte Richtung des Original, bei dem, soweit ich es verfolgt bzw. nachgeholt habe, irgendwann nur noch gemenschelt wurde. Wie in einer Seifenoper. Ähnlich klingt auch ein Satz aus der aktuellen Folge: „It’s not weak to ask for help, Tom“, sagt Sarah an einer Stelle, „Some people still care about eachother“. Ahja. Ich dachte, bei der Beschreibung des Charakters Tom Price seien wir schon ein Stück weiter, als nur, dass es ihm angeblich schwer falle, Hilfe anzunehmen. Aber vielleicht blieb bei der Aufspaltung des originalen Greg Preston – dem rauhen Beschützer – in den neuen Greg Preston und den überarbeiteten Tom Price nicht genug Charaktertiefgang für beide Figuren übrig. Auf der anderen Seite hat die BBC erst jünst mit „Paradox“ bewiesen, dass – wenn sie will – es auch noch viel schlechter geht.

Dass Survivors nicht gerade ein neues Highlight des Qualitätsfernsehens hinsichtlich ausgefeilter Charakter oder Storytiefe ist, habe ich deutlich gemacht – abgesehen davon bleibt es das derzeit vielleicht beste Mystery-Drama, welches überhaupt zur Auswahl steht. Und in einer ganz wichtigen Sache ist das Remake dem Original sogar eindeutig überlegen: Abby Grant ist noch dabei. Schauspielerin Carolyn Seymour, die die Original-Abby spielte stieg nach der ersten Staffel aus, ich glaube, weil sie sich mit den Produzenten nicht über die Fortführung der Story einigen konnte. 2010 ist Abby in noch dabei, Schauspielerin Julie Graham ging zum Glück nicht verloren. Anders als Greg und Tom ist ihre Abby Grant auch eine durchaus überzeugende Neuinterpretation. Die liegt derzeit allerdings gefesselt in einem Untersuchungslabor des fiesen Wissenschaftlers Whitaker. Wird Zeit, dass sie da jemand rausholt. Nächste Woche vielleicht auf BBC.

Hier der Trailer zu Staffel 2 (eventuell Spoiler):

Und noch mehr Survivors:

Survivors – Rezension zur ersten Staffel der Originalserie von 1975

Survivors – Kurzkritik zum Remake von 2008

Survivors bei Wikipedia

Survivors Fanblog

Survivors Website bei der BBC

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Wissenschaftler King, Polizistin Flint: Empfangen Bilder aus der Zukunft (c) BBC

Polizeiermittlungen verbunden mit ein wenig Sciences Fiction, das ist ein bewährtes Konzept.  Die neue BBC Serie „Paradox“ erinnert daher auch direkt an ganz viele anderen Serien, die ein ähnliches Thema hatten, oder sich ähnlich anfühlen. Ohne sich jedoch irgendwie von diesen abzuheben, soviel sei schonmal gesagt.

In der britischen Presse wird „Paradox“ vor allem mit „Life on Mars“ verglichen, in der ein Polizist in die Vergangenheit reist. Näher liegt allerdings der Vergleich mit „FlashForward„, das vor einigen Wochen auf ABC gestartet ist (und in UK auf Five), in der die Menscheit für einen kurzen Moment in die Zukunft sehen (träumen) konnte. Um eigentlich aber noch genauer zu sein, könnte man noch „Early Edition“ aus den 90ern erwähnen, in der ein Börsenmakler die Zeitung vom nächsten Tag bekommt und entsprechende Unglücke verhindern muss.

Ok, und jetzt sind wir wirklich bei „Paradox“. Das nämlich geht so: Der nüchterne, leicht merkwürdige Physiker Dr. Christian King empfängt auf seinen komplizierten Gerätschaften und Computermonitoren eine Art Botschaft aus der Zukunft. Die zeigt Bilder eines möglichen Unglücks, darunter eine zerstörte Brücke und ein totes Mädchen. Ein Zeitstempel scheint darauf hinzudeuten, dass das die Bilder 18 Stunden in der Zukunft gemacht wurde. King verlangt nach einer Kommissarin mit entsprechender Vorstellungskraft und findet sie in in Rebecca Flint (Tamzin Outhwaite). Zwischen beiden konstruieren die Autoren ein zunächst etwas zielloses Gegensatzpaar.

Kings wirft ein, dass neben der Möglichkeit, die Bilder stammten aus der Zukunft, es auch sein eigener Plan für einen Bombenexplosion sein könne. Schön wäre an diesem Punkt etwa gewesen, wenn das eine nüchterne wissenschaftliche Feststellung wäre, doch die Autoren entscheiden sich dafür die Zuschauer mit dem Entstehen des Bildes des verrückten Wissenschaftlers in die Irre zu führen, nur um kurze Zeit später eine dritte, die langweiligste Erklärung für seinen Einwurf zu liefern:

„You suggested, you may have planted a bomb. Why?“
„To get your attention“
„Why would you need my attention?“
„You don’t think you’re worth my interest?“

Die Frage, was hinter dem Blick in die Zukunft steckt, bleibt zunächst offen, dient allerdings am Ende nochmal dazu, unsere beiden Protagonisten (zwei weitere Polizeiermittler bleiben erstmal nicht in Erinnerung) gegeneinander zu setzen:

„Where did they [photos] come from?“
„Can’t answer that.“
„Can’t or won’t? Aliens? God? Maybe this is prove god does exist, he made the world and everything in it. If anyone knows, what’s gonna happen next, he should.“
(…)
„I’m a physicist. Prove means something different to me.“
„What does that mean? 74 people died today. Is it going to happen again.“
„Until it is established what the ‚it‘ in this context means, I don’t know.“
„I saw… We saw the future today. We saw the future burn right in front of us…“

Die kühlen, logischen Antworten des Wissenschaftlers, und die emphatische, fast schon religiöse (also eigentlich menschliche) Polizistin, das funktioniert hier leider nicht so richtig. Denn nicht nur Dr. King wirkt unterkühlt, alle Personen in dieser Episode sind es, so auch Polizistin Flint, und auch die Bilder, sehr grau, farblos, fast schon trist. „Warum sieht jeder, ohne Ausnahme, so verdammt unglücklich aus“, fragt der Telegraph in seiner Kritik.

Statt unglücklich könnte man auch bierernst sagen. Mir hat das ganz gut gefallen. Es macht das ganze irgendwie realer, so wie einen normalen TV Krimi. Nicht wie eine Scifi-Serie. Und dadurch wird das Thema mit dem Blick in die Zukunft interessanter, als es etwa bei FlashForward ist. Dort erwartet man irgendwie ganz viel Action, Verschwörungen, Aliens und was weiß ich. Bei „Paradox“ erwartet man viel weniger, so dass so ein kleines Foto aus der Zukunft gleich viel spannender ist. Auch gut gegenüber FlashForward ist die Geschwindkeit der Serie, die im letzten Drittel teilweise in Echtzeit abläuft und für Momente richtig spannend wird.

Dennoch: es stellt sich natürlich die Frage, was das alles soll. Also nicht die Sache mit den Bildern aus der Zukunft, sondern die Serie überhaupt. Es ist zwar so, dass man sie sich durchaus anschauen kann, aber weder ist die Geschichte innovativ noch gibt sie Anlass irgendetwas besonderes zu erwarten. Eigentlich sollte auf diesem Sendeplatz vermutlich die zweite Staffel des hervorragenden Remakes des Serienklassikers „Survivors“ laufen. Doch wegen der Schweinegrippe soll die BBC die Serie verschoben haben. Und das finde ich ja nun wieder total „paradox“.

Paradox, Polizei-Mystery-Drama, BBC, seit 24. November 2009 (5 Episoden)

Channel 4s Miniserie „Cast Offs“ mag nicht besonders spannend sein. Allerdings: Sie ist unaufgeregt, behutsam und vor allem: ungewöhnlich menschlich. Die sechs Geschichten von behinderten Menschen, die sich in der Rahmenhandlung in einer Reality Show auf einer einsamen Insel befinden, zeigen, wohin es mit Channel 4 bei der Suche nach einem neuen Profil (ohne Big Brother, ohne Frauentausch) gehen könnte: Zurück zu schönen, klug geschriebenen (sagen wir ruhig : lehrreichen) Geschichten.

Cast Offs Cast Foto

„18 months ago Channel 4 marooned 6 disabled people on a remote island…“ (Einleitungssatz von „Cast Offs“)

Zu jedem vorstellbaren Tabu gibt es früher oder später eigentlich auch eine Fernsehsendung, die es bricht. Besonders der britische TV Sender Channel 4 ist in der Vergangenheit nicht sonderlich zimperlich mit gewagten TV Experimenten gewesen. Eine alternative Weihnachtsansprache des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmedinedschad, Kinder sich selbst überlassen in einem Fernsehdorf, Briten (darunter ausgerechnet auch ein Schwuler), die ausprobieren, wie es ist Moslem zu sein und bald der Absturz eines realen Passagierflugzeugs als TV Show (dem Vernehmen nach allerdings ohne Passagiere) – allesamt Ideen, die bei Channel 4 über den Schirm gelaufen sind oder werden. Doch nicht alles wo Tabu steht, ist auch Trash TV.

Channel 4s neuster vermeintlicher Tabubruch, Cast Offs, erzählt von sechs Behinderten, die sich freiwillig auf einer abgelegenen Insel aussetzen lassen, um in einer fiktiven, Survivor ähnlichen Reality Show versuchen – trotz ihrer Behinderungen – zu überleben. Die Meinungen über dieses Format gehen in der britischen Presse auseinander. Die einen schreiben, es sei trotz allem eine (langweilige) Freakshow (man beachte, trotz der Ausage des Artikels, die Illustration), andere hingegen fanden es durchaus sehenswert oder schrieben, Bhinderte würden in einem neuen Licht dargestellt.

Mein Eindruck allerdings ist ein ganz anderer. Ich kann zum Beispiel eine vermeintliche satirische Note oder Parodie einer Reality Show nur am Rande erkennen. Anders als bei den genannten Channel 4 Sendungen ist es diesmal wirklich gelungen, eine ehrliche und authentische Show zu machen, die sich dank gut gesetztem Sarkasmus nicht um politische Korrektheit schert und immer menschlich bleibt. Von billigem Voyeurismus keine Spur. Nachdem Channel 4 auf dem Weg der Selbstfindung das prollige Urformat des Tabubruch-TVs – Big Brother – erst in eine bunte, liebenswerte Reality Soap verwandelt hatte und nach der kommenden Staffel genau wie „Wife Swap“ (Frauentausch) ganz entsorgt, muss man „Cast Offs“ als Vorgeschmack auf neue Zeiten sehen.

Etwas sinnlos an „Cast Offs“ ist die (Umsetzung der) Idee der Reality Show, ohne die allerdings nicht erklärbar wäre, warum sich ein Blinder, eine Taube, ein Rohlstuhlfahrer, eine an Cherubismus (kastenförmiges Gesicht, Kinn) Erkrankte, ein Opfer der Nebenwirkungen von Contergan und eine Kleinwüchsige jetzt nun auf der Insel befinden. Sie müssen halt die fiktive Reality drehen. Davon allerdings bekommt man nichts mit. Gefilmt ist die leicht düstere Dramedy fast wie eine normale Serie. Dass da jetzt ein Kamerateam und Produktion mit dabei sein müsste, bekommt man nicht mit. Ist auch egal. Die Erzählweise geht nämlich eher so wie bei Lost als bei Survivor: In Flashbacks wird in jeder Episode die Hintergrundgeschichte eines der Gestrandeten (oder auch: Weggeworfenen, Ausgestoßenen – Mehrdeutigkeit von cast away/cast off) erzählt.

Episode 1 überrascht gleich mit einem äußerst einfühlsamen Einblick in das Leben von Rohlstulfahrer Dan, der erst seit kurzem (durch einen Unfall) im Rohlstuhl sitzt und mit dem Schicksal hadert.

Produzent: „We just want to hear a bit about you. Tell us about yourself“
Dan: „Uhmmm“
Dad: „You’re sporty. Say that!“
„I’m not that sporty.“
[…]
„He’s driven.“
„I can drive.“
[…]
„You are kind.“
„That’s not what they want dad.“
„That’s exactly what they want.“
„That’s not what they want.“
„Tell ‚em jokes, they want jokes.“
„They don’t want jokes, dad. They want cripples. Remember?“

Die Beziehung zwischen Dan und seinem Vater, dem es schwer fällt mit seinem Sohn umzugehen, obgleich er trotz seiner (erlernten) Hilflosigkeit alles versucht, um seinem Sohn zu helfen (und dabei sicher öfter scheitert) ist wunderschön eingefangen. Bedrückend ist die Situation in der Dan erstmals seit dem Unfall wieder ein Mädchen mit nach Hause bringt. Keiner der Vier weiß so recht, wie man da jetzt reagieren soll. „Wollen wir den Fernseher anmachen?“, „Ja, ok“, unterhalten sich die Eltern, während Dan in seinem Zimmer verschwunden ist, mit dem Mädchen. „Möchtest Du eine Tasse Tee“, fragt die Mutter, nachdem das Mädchen wieder gegangen ist. „Ich hätte sowieso eine für deinen Vater gekocht“. Worüber redet man in so einer Situation? Man merkt schon: Die Autoren haben Gespür bewiesen.

Auf der Insel ist es die Zuversicht einiger der anderen Gestrandeten – die mit ihrer Behinderung teilweise deutlich normaler umgehen – die Dan hilft, weniger depressiv zu denken. „This is not the day, where everything is over“, sagt Carrie, die Kleinwüchsige (sie meint die Trauer), „But you will get there. We’ll help you“. Dan hatte kurz zuvor von einem anderen Rohlstuhlfahrer erzählt, der ihm ungefähr gesagt: „Eines Tages, da hast Du so ein komisches Gefühl, Du wachst auf, und fühlst Dich plötzlich wieder normal“.

Die Geschichte über den blinden Tom in Episode 2 ist weniger erkenntnisreich. Natürlich hat Tom, offensichtlich seit seiner Geburt blind, ein normales Leben. Gleichwohl, die Geschichte um ein Date mit der Ex des Mitbewohners und den darauf folgenden Liebeskummer, ist überaus nett geschrieben. In einem Moment in der Geschichte stellt der Zuschauer fest, dass es gerade die fiese Art, wie sich der (was später sehr klar wird) ansonsten sehr gute Freund, in das Date einmischt, die Normalität ist, um die es hier geht. Weil, man denkt natürlich zuerst, dass es besonders gemein sei, einem Blinden ein Date versauen zu wollen. Aber genau das ist es natürlich nicht. Es ist gemein, vielleicht, aber nicht weil der Blinde blind ist. Auch in seinem Leben geht es um Frauen, Sex. Das ist kein Almosen. Und weil es das nicht ist, ist sein Mitbewohner sauer, dass es ausgerechnet seine Ex ist, für die sich Tom interessiert.

Die Geschichten in „Cast Offs“, sie sind voller Verzweiflung, sarkastischem Humor, Hoffnung, und nicht zuletzt: voller Normalität. Man kann „Cast Offs“ als Lehrstück über Diversity sehen, als überaus authentische Lektion über die Akzeptanz von Behinderten (und auch Schicksalschlägen im Allgemeinen). Die rührig-menschlichen Geschichten können einem aber auch schlichtweg zu gutmenschlich sein. Doch „Cast Offs“ ist ehrlich und fern jedes Zynismus. Gutes Fernsehen also.

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Nick Griffin, Vorsitzender der britischen Nationalisten, bei seiner Ankunft vor dem BBC-Studio am Donnerstag dieser Woche.

Die BBC-Talkrunde „Question Time„, in der das Publikum die Fragen stellt, hatte am Donnerstag der vergangenen Woche mit etwa 8 Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote ihrer 30jährigen Geschichte. Normalerweise schauen zwei bis drei Millionen Briten zu. Grund war der Auftritt des rechtsextremen Vorsitzenden der British National Party (BNP), der schon im Vorraus für Kontroversen in der britischen Öffentlichkeit gesorgt hatte. Griffin und seine Partei hatten bei den Europawahlen im Juni über 6 Prozent der Stimmen gewonnen und damit zwei Plätze im europäischen Parlament errungen. Aus dem politischen Talk-Alltag kann man sie nunmehr nicht weiterhin ausschließen.

Vier weitere Gesprächspartner waren neben Moderator David Dimbleby am Tisch, um sich mit Nick Griffin auseinanderzusetzen: Jack Straw, der britische Justizminister und Mitglied der Labour Party; Baroness Warsi, Mitglied des Schattenkabinetts der Tories und dort zuständig für Soziales und Minderheiten; Der Innenpolitikexperte der britischen Liberalen Chris Huhne und die Autorin und Kritikerin Bonnie Greer.

Abgesehen von der farbigen Bonnie Greer, die Griffin grundsätzlich zumindest zur Hälfte den Rücken zudrehte und offensichtlich beschlossen hatte, ihn nicht ernst zu nehmen („Ich hab einen ganzen Stapel Bücher für Dich mitgebracht, Du kannst sie gebrauchen…“), hatten sich die übrigen Drei offensichtlich ernsthaft mit ihrem Kontrahenten auseinandergesetzt und waren hochmotiviert und bereit ihn nun als Nazi zu entlarven, seine Strategien und Lügen zu enthüllen. Genau das wird gemeinhin in der öffentlichen Debatte als auch auch das Richtige angesehen: Nazis soll man nicht ausschließen aus der politischen Diskussion (das wäre dann undemokratisch), sondern ihnen gut vorbereitet Argumente entgegensetzen, sie als das enthüllen, was sie sind.

Chris Huhne versuchte das folgendermaßen:

„I would like to have his view, see whether he has been misquoted on this. Because this was video footage. There’s no question of him beeing misquoted ; this is his technique. ‚Perhaps one day‘ – cause he’s gonna trying be very moderate today – ‚perhaps one day, once by beeing rather more settled, we got ourselves in a position where we control the british broadcasting media. Then perhaps one day the british people might change their mind and say: ‚Yes every last one must go, every single member of a ethnic minority““. And this is the man, when we thinking of churchill and fighting facism: „Yes Adolf went a bit too far“. Now, which bit too far, Nick Griffin, did Adolf Hitler go? Was it in gasing the jews? Was it in bombing british cities?“

Der erste Teil von Huhnes Zitat ist wichtig, und zu dem gibt es wirklich einen Videobeweis. Huhne macht jedoch den Fehler Griffins bewiesenes und enthüllendes Zitat mit einem weiteren zu verbinden (dem, er habe gesagt, Adolf Hitler sei ein bisschen zu weit gegangen), aus dem sich Griffin (vielleicht sogar zu Recht) mit dem Vorwurf des falschen Zitierung herausreden kann. Das ist überhaupt nicht nötig und zeigt eine gerade zwanghafte Weise, wie immer wieder versucht wird rechtsextremen Politiker mit der Nazikeule möglichst oft eins überzubraten.

Doch Moderator Dimbleby gelingt es in der Folge, dass Thema wieder auf Griffins Hauptstrategie des Wolfs im Schafspelz zu lenken (gekürzt):

Dimbleby: „And you were there with the american friends of the BNP, and you were with the head of the Ku Klux Klan, David Duke“

Griffin: „No“

D: „He’s there in the picture standing beside you. […] He’s there, I’ve seen it“

[…]

D (zitiert zunächst Griffin aus dem Video): „‚Instead of racial purity we talk about identity, use salable words: freedom, security, identity, democracy. Nobody can come and attack you on those ideas‘. But the truth is, what you were saying there is, that’s just the start of the story. And when we’ve won public support, then we can go to our propper agenda.“

[…]

G: „I shared a plattform arguing with him [David Duke]. And when you trying to win people over to a more moderate position, you have go somewhere to start with, […].“

(Anmerkung: Griffin rühmt seinen angeblichen Verdienst aus einer Horde unzivilsierter Nazis in der BNP eine gemäßigte rechtsnationale Partei gemacht zu haben.)

D: „So you where saying these things, not because you meant them, but because it was the way of winning him over? You know, you wanted to win over a racist to your view? And you said, we start by beeing moderate“

(Anmerkung: Was soll dieses Missverständnis eigentlich? Natürlich gibt Griffin nicht vor Duke für seine angeblichen gemäßigten Positionen gewinnen zu wollen, sondern die jungen US-Neonazis)

G: „Not to win over him, but to win over the youngsters […]“

Griffins Rechtfertigung, seine sprachliche, die wirklichen Ziele verhüllende Strategie als einen Versuch junge Nationalisten von zu extremen Überzeugungen zu bewahren, ist hier natürlich hochgradig lächerlich, und das wird auch deutlich. Griffin macht innerhalb dieses hier gekürzt wiedergegebenen Dialogs allerdings noch einen anderen Fehler, als er bezogen auf den Ku Klux Klan-Chef David Duke sagt, der unter ihm (Duke) geführte Teil des Klans sei übrigens ein recht gewaltloser. („I’ve shared a platform with David Duke, who once was the leader of a Ku Klux Klan, and always a totally non-violent one, incidentally…“)

Die BBC hat weitere Zitate aus der Diskussion gesammelt.

Ein weiterer Aspekt bei dem wiederum die BBC einen Fehler gemacht hat, war die Zusammensetzung des Publikums, die auch in einer britischen Seifenoper klischeehafter nicht hätte sein können. Fehler, denn natürlich will Griffin im Nachhinein Beschwerde dagegen einlegen und natürlich wirkt die vermutlich bewusste Auswahl von vor allem gebildeten Migranten auch wiederum als Manipulation, bestärkt jene, die die Mär von den linken Systemmedien allzu gerne hören.

Sämtliche vorstellbaren Minderheiten waren also aufgreiht (Anhänger den BNP waren allerdings auch im Publikum, applaudierten gelegentlich). Das ging sogar soweit, dass beim Thema Homosexualität zwei aus Sicht der Regie wohl eindeutig homosexuell aussehende Männer eingeblendet wurden (einer der beiden hatte zumindest die Frage gestellt). In diesem Punkt war Griffin übrigens eindeutig: Homosexualität gehöre in die Privatsphäre. Er finde es widerlich, Schwule in der Öffentlichkeit (beim Küssen) zu sehen.

Das Ironische an der Geschichte ist, das Griffin mit solchen Sprüchen vermutlich auch Protestwähler unter denen gewinnen könnte, die er eigentlich verachtet: Abweichend von Kontinentaleuropa sind britische Muslime entschieden und nahezu einstimmig gegen Homosexualität. Griffin fischt hier bewusst nach aus seiner Sicht Stimmvieh, indem er gönnerhaft sagt, auch Moslems und andere Minderheiten können natürlich weiterhin in Großbritannien bleiben (wenn sie keine Schmarotzer sind). Es ginge ihm vielmehr darum, dass keine neue hinzukommen. Das Boot sei quasi voll.

Für Griffin hat sich Question Time möglicherweise gelohnt. Focus berichtet, sein Auftritt hätte der Partei viele neue Mitglieder oder zumindest Interessenten beschert, 22 Prozent der britischen Wähler ziehen einer Umfrage zufolge zudem ernsthaft in Betracht die BNP zu wählen, vier Prozent sind fest entschlossen. Das wären weniger als bei der Europawahl und auch Vergleichszahlen nennt Focus nicht. Der Punkt ob solche TV Auftritte von Rechtsextremen ihnen Zulauf bringen, sollte gut untersucht werden. Wahr ist vermutlich, dass Probleme mit der Integration von Migranten und insbes. Moslems viele Briten in die Arme der BNP getrieben haben, so glaube ich.

Tatsächlich gelang Griffin ein eigentlich banaler Einwand auf die Frage, warum man ihm überhaupt glauben schenken sollte, der aber schwer wiegt:

Dimbleby: „Why should anybody trust what you say, why should anybody think it’s anymore than a fassade“

Griffin: „Why should anybody trust any politician, all of us?“

Hier zeigt sich das eigentliche Problem in der Wirkung von TV Auftritten von Rechtsextremen und dem Umgang mit ihnen. Zu Recht wird bei ihrer Behandlung eine Härte an den Tag gelegt, die im Umgang mit anderen Politikern zu vermissen ist. Der liberale Politiker, der sozialdemokratische, der konservative, sie alle lügen, zumindest müssen wir das vernünftigerweise annehmen. Nur sind die Folgen ihrer unaufgedeckten Lügen für die Gesellschaft vielleicht nicht so fatal, wie im Falle eines Rechtsextremen.

Wenn wir also etwas aus Question Time lernen wollen, dann das Härte, Beharrlichkeit, Quellensicherheit, solides Hintergrundwissen, die Frage nach der Motivation, was hinter den Worten steht, das all diese Dinge nicht nur im Falle des journalistischen Umgangs mit einem Rechtsextremen eine Tugend sind, sondern im Falle jedes Politikers. Das Erscheinen des Rechtsextremen macht erst wieder deutlich, was Journalismus eigentlich leisten könnte, und es wirkt oft so holprig, peinlich, daneben, weil Journalisten viel zu wenige Nazis interviewen.

Question Time mit Nick Griffin ist in mehreren Teilen auf Youtube verfügbar

Dokumentationen wie „Unsere Erde“ erfreuten sich zuletzt auch auf DVD und im Kino großer Beliebtheit, schon zuvor genoss die BBC einen großen Ruf in Sachen Naturdokumentationen. Der neueste Vertreter dieser atemberaubenden Dokumentationen ist die von Sir David Attenborough erzählte Doku „Life„, die in zehn Teilen seit dieser Woche immer montags 21 Uhr GMT bei der BBC zu sehen ist.

Bei Life geht es allerdings nicht darum, uns deutlich zu machen, dass, wenn wir alle mehr ans Klima denken, das Eisbär-Baby nicht ertrinken muss, sondern um den natürlichen Kampf ums Überleben. „Ah, ha, ha, ha, stayin‘ alive, stayin‘ alive! That’s what the animals should be singing as the BBC’s sumptuous new natural history masterpiece unfolds“, schreibt der Mirror. Es ist die alte Geschichte vom Fressen, Gefressen werden, von Raubtier und Beute und von all jenen Strategien die Tiere und Pflanzen entwickelt haben, um demgegenüber ihr Überleben zu sichern.

„In the end, overcoming lifes challenges, whether finding enough to eat or outwitting your predators is only significant if lifes final challenge can be met. From a tiny frog, dedicating weeks to her few cherished tadpoles to an orang utan spending eight years bringing up her baby, individual animals strive to reach this one ultimate goal: to pass on their genes and to ensure the survival of the next generation. Ultimately in nature, that is what life is all about.“

So lautet die Moral der ersten Episode, die zugleich als Prolog für die kommenden Folgen erscheint. Ernüchternd, nicht wahr? Zumindest müssen die Tiere, gesteuert von Genen und Instinkt, sich nicht die Frage stellen, welchen Sinn das alles hat. Und dennoch: natürlich gibt es in „Life“ neben all dem auch die kleinen poetischen und die emotionalen Momente. Etwa als zwei Haubentaucher ihre Partnerschaft mit einem komplexen und wunderschönem Tanz auf dem Wasser erneuern. Und dann ist da die Geschichte von der Oktopus-Mutter, die ihre letzten Tage damit verbringt ihre Eier zu schützen und dabei willentlich verhungert, genau dann, wenn die klitzekleinen Oktopus-Babies schlüpfen.

„Life“ ist eine beeindruckende Mischung aus Spannung und Emotion. Fast überflüßig zu sagen, dass die Komposition aus Bildern, Musik und Erzählung sich genau auf dem hohem Niveau bewegt, das man von einer BBC-Produktion erwarten darf. Anders als in den Kinoproduktionen geht es hier weniger um Bildgewalt, vielmehr stehen überraschende, spannende oder lustige Details aus der Natur im Mittelpunkt. Mit 6,5 Millionen Zuschauern war „Life“ am Montag der Quotensieger in seinem Timeslot. Völlig zu Recht: Gibt es doch kaum etwas aufregenderes als die Natur. Ein echtes Muss für Fans des Genres und alle die es werden wollen.

BBC Website zu „Life“

Psychoville Cast (c) BBC

Psychoville Cast (c) BBC 2

Von den Machern von „The League of Gentlemen“, Reece Shearsmith und Steve Pemberton, einer in Großbritannien überaus beliebten Comedy, kommt in diesem Sommer eine kleine, morbide neue Horror-Comedy -Serie: „Psychoville„.  Wer so wie ich, kein riesiger Fan dieses seltsamen britischen Humors  ist, wird  ein wenig irritiert schauen, wenn er sich die Serie ansieht. Sie ist ein bisschen  „komisch“, im doppelten Wortsinne.

Pschoville, erzählt, wie der Name erahnen lässt, von fünf Psychophaten, die verteilt über Großbritannien ihre seltsamen Leben führen. Da wäre das von Serienmördern faszinierte Muttersöhnchen, die Hebamme, die eine Puppe wie ein reales Baby behandelt, der Kleinwüchsige mit dem Killerblick, der blinde Millionär und Stofftiersammler und schließlich der einhändige aggressive Clown. Sie alle verbindet eins: Sie erhalten in der ersten Episode einen Brief der nur die Worte „Ich weiß, was Du getan hast“ enthält. Das Rätselraten beginnt.

Liverpool Echo schreibt über die Charaktere:

The silly and sinister creations are spread throughout the country – Salford, Bristol, Ilkley, Eastbourne and Wood Green in London – but heaven help us if they ever find themselves under the same roof.

Die erste Episode konzentriert sich ganz nach dem Motto „Schaut Euch die mal an“ auch ganz auf diese seltsamen, typisch britischen Charaktere und ihre Einführung. Keiner von ihnen scheint wirklich böse zu sein, aber man muss schon ein Fan dieses Formats sein, um sie auch nur ein bisschen mögen zu können. Mehr noch, man kann auch nicht wirklich viel über sie lachen. Sam Walloston vom Gaurdian sieht das ähnlich:

It just leaves me a bit cold – and not in a chilling way. I didn’t laugh much, which is a bit of a problem in a comedy.

Psychoville ist eine makabere, dunkelbunte und bizarre Horror-Comedy, die viel Wert auf ihr Ensemble legt und mit den üblichen Klischees (Muttersöhnchen = Serienkiller, böser Clown, Kleinwüchsige) spielt, die wohl niemals aus der Mode kommen werden, wenn es darum geht, Briten zum lachen zu bringen. Ich kann nicht drüber lachen, aber irgendwie möchte ich trotzdem wissen wies weitergeht. Genrefans mit Vorliebe für britischen Humor riskieren einen Blick.

Psychoville, BBC 2, seit 18. Juni (7 Episoden)

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