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Nick Griffin, Vorsitzender der britischen Nationalisten, bei seiner Ankunft vor dem BBC-Studio am Donnerstag dieser Woche.

Die BBC-Talkrunde „Question Time„, in der das Publikum die Fragen stellt, hatte am Donnerstag der vergangenen Woche mit etwa 8 Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote ihrer 30jährigen Geschichte. Normalerweise schauen zwei bis drei Millionen Briten zu. Grund war der Auftritt des rechtsextremen Vorsitzenden der British National Party (BNP), der schon im Vorraus für Kontroversen in der britischen Öffentlichkeit gesorgt hatte. Griffin und seine Partei hatten bei den Europawahlen im Juni über 6 Prozent der Stimmen gewonnen und damit zwei Plätze im europäischen Parlament errungen. Aus dem politischen Talk-Alltag kann man sie nunmehr nicht weiterhin ausschließen.

Vier weitere Gesprächspartner waren neben Moderator David Dimbleby am Tisch, um sich mit Nick Griffin auseinanderzusetzen: Jack Straw, der britische Justizminister und Mitglied der Labour Party; Baroness Warsi, Mitglied des Schattenkabinetts der Tories und dort zuständig für Soziales und Minderheiten; Der Innenpolitikexperte der britischen Liberalen Chris Huhne und die Autorin und Kritikerin Bonnie Greer.

Abgesehen von der farbigen Bonnie Greer, die Griffin grundsätzlich zumindest zur Hälfte den Rücken zudrehte und offensichtlich beschlossen hatte, ihn nicht ernst zu nehmen („Ich hab einen ganzen Stapel Bücher für Dich mitgebracht, Du kannst sie gebrauchen…“), hatten sich die übrigen Drei offensichtlich ernsthaft mit ihrem Kontrahenten auseinandergesetzt und waren hochmotiviert und bereit ihn nun als Nazi zu entlarven, seine Strategien und Lügen zu enthüllen. Genau das wird gemeinhin in der öffentlichen Debatte als auch auch das Richtige angesehen: Nazis soll man nicht ausschließen aus der politischen Diskussion (das wäre dann undemokratisch), sondern ihnen gut vorbereitet Argumente entgegensetzen, sie als das enthüllen, was sie sind.

Chris Huhne versuchte das folgendermaßen:

„I would like to have his view, see whether he has been misquoted on this. Because this was video footage. There’s no question of him beeing misquoted ; this is his technique. ‚Perhaps one day‘ – cause he’s gonna trying be very moderate today – ‚perhaps one day, once by beeing rather more settled, we got ourselves in a position where we control the british broadcasting media. Then perhaps one day the british people might change their mind and say: ‚Yes every last one must go, every single member of a ethnic minority““. And this is the man, when we thinking of churchill and fighting facism: „Yes Adolf went a bit too far“. Now, which bit too far, Nick Griffin, did Adolf Hitler go? Was it in gasing the jews? Was it in bombing british cities?“

Der erste Teil von Huhnes Zitat ist wichtig, und zu dem gibt es wirklich einen Videobeweis. Huhne macht jedoch den Fehler Griffins bewiesenes und enthüllendes Zitat mit einem weiteren zu verbinden (dem, er habe gesagt, Adolf Hitler sei ein bisschen zu weit gegangen), aus dem sich Griffin (vielleicht sogar zu Recht) mit dem Vorwurf des falschen Zitierung herausreden kann. Das ist überhaupt nicht nötig und zeigt eine gerade zwanghafte Weise, wie immer wieder versucht wird rechtsextremen Politiker mit der Nazikeule möglichst oft eins überzubraten.

Doch Moderator Dimbleby gelingt es in der Folge, dass Thema wieder auf Griffins Hauptstrategie des Wolfs im Schafspelz zu lenken (gekürzt):

Dimbleby: „And you were there with the american friends of the BNP, and you were with the head of the Ku Klux Klan, David Duke“

Griffin: „No“

D: „He’s there in the picture standing beside you. […] He’s there, I’ve seen it“

[…]

D (zitiert zunächst Griffin aus dem Video): „‚Instead of racial purity we talk about identity, use salable words: freedom, security, identity, democracy. Nobody can come and attack you on those ideas‘. But the truth is, what you were saying there is, that’s just the start of the story. And when we’ve won public support, then we can go to our propper agenda.“

[…]

G: „I shared a plattform arguing with him [David Duke]. And when you trying to win people over to a more moderate position, you have go somewhere to start with, […].“

(Anmerkung: Griffin rühmt seinen angeblichen Verdienst aus einer Horde unzivilsierter Nazis in der BNP eine gemäßigte rechtsnationale Partei gemacht zu haben.)

D: „So you where saying these things, not because you meant them, but because it was the way of winning him over? You know, you wanted to win over a racist to your view? And you said, we start by beeing moderate“

(Anmerkung: Was soll dieses Missverständnis eigentlich? Natürlich gibt Griffin nicht vor Duke für seine angeblichen gemäßigten Positionen gewinnen zu wollen, sondern die jungen US-Neonazis)

G: „Not to win over him, but to win over the youngsters […]“

Griffins Rechtfertigung, seine sprachliche, die wirklichen Ziele verhüllende Strategie als einen Versuch junge Nationalisten von zu extremen Überzeugungen zu bewahren, ist hier natürlich hochgradig lächerlich, und das wird auch deutlich. Griffin macht innerhalb dieses hier gekürzt wiedergegebenen Dialogs allerdings noch einen anderen Fehler, als er bezogen auf den Ku Klux Klan-Chef David Duke sagt, der unter ihm (Duke) geführte Teil des Klans sei übrigens ein recht gewaltloser. („I’ve shared a platform with David Duke, who once was the leader of a Ku Klux Klan, and always a totally non-violent one, incidentally…“)

Die BBC hat weitere Zitate aus der Diskussion gesammelt.

Ein weiterer Aspekt bei dem wiederum die BBC einen Fehler gemacht hat, war die Zusammensetzung des Publikums, die auch in einer britischen Seifenoper klischeehafter nicht hätte sein können. Fehler, denn natürlich will Griffin im Nachhinein Beschwerde dagegen einlegen und natürlich wirkt die vermutlich bewusste Auswahl von vor allem gebildeten Migranten auch wiederum als Manipulation, bestärkt jene, die die Mär von den linken Systemmedien allzu gerne hören.

Sämtliche vorstellbaren Minderheiten waren also aufgreiht (Anhänger den BNP waren allerdings auch im Publikum, applaudierten gelegentlich). Das ging sogar soweit, dass beim Thema Homosexualität zwei aus Sicht der Regie wohl eindeutig homosexuell aussehende Männer eingeblendet wurden (einer der beiden hatte zumindest die Frage gestellt). In diesem Punkt war Griffin übrigens eindeutig: Homosexualität gehöre in die Privatsphäre. Er finde es widerlich, Schwule in der Öffentlichkeit (beim Küssen) zu sehen.

Das Ironische an der Geschichte ist, das Griffin mit solchen Sprüchen vermutlich auch Protestwähler unter denen gewinnen könnte, die er eigentlich verachtet: Abweichend von Kontinentaleuropa sind britische Muslime entschieden und nahezu einstimmig gegen Homosexualität. Griffin fischt hier bewusst nach aus seiner Sicht Stimmvieh, indem er gönnerhaft sagt, auch Moslems und andere Minderheiten können natürlich weiterhin in Großbritannien bleiben (wenn sie keine Schmarotzer sind). Es ginge ihm vielmehr darum, dass keine neue hinzukommen. Das Boot sei quasi voll.

Für Griffin hat sich Question Time möglicherweise gelohnt. Focus berichtet, sein Auftritt hätte der Partei viele neue Mitglieder oder zumindest Interessenten beschert, 22 Prozent der britischen Wähler ziehen einer Umfrage zufolge zudem ernsthaft in Betracht die BNP zu wählen, vier Prozent sind fest entschlossen. Das wären weniger als bei der Europawahl und auch Vergleichszahlen nennt Focus nicht. Der Punkt ob solche TV Auftritte von Rechtsextremen ihnen Zulauf bringen, sollte gut untersucht werden. Wahr ist vermutlich, dass Probleme mit der Integration von Migranten und insbes. Moslems viele Briten in die Arme der BNP getrieben haben, so glaube ich.

Tatsächlich gelang Griffin ein eigentlich banaler Einwand auf die Frage, warum man ihm überhaupt glauben schenken sollte, der aber schwer wiegt:

Dimbleby: „Why should anybody trust what you say, why should anybody think it’s anymore than a fassade“

Griffin: „Why should anybody trust any politician, all of us?“

Hier zeigt sich das eigentliche Problem in der Wirkung von TV Auftritten von Rechtsextremen und dem Umgang mit ihnen. Zu Recht wird bei ihrer Behandlung eine Härte an den Tag gelegt, die im Umgang mit anderen Politikern zu vermissen ist. Der liberale Politiker, der sozialdemokratische, der konservative, sie alle lügen, zumindest müssen wir das vernünftigerweise annehmen. Nur sind die Folgen ihrer unaufgedeckten Lügen für die Gesellschaft vielleicht nicht so fatal, wie im Falle eines Rechtsextremen.

Wenn wir also etwas aus Question Time lernen wollen, dann das Härte, Beharrlichkeit, Quellensicherheit, solides Hintergrundwissen, die Frage nach der Motivation, was hinter den Worten steht, das all diese Dinge nicht nur im Falle des journalistischen Umgangs mit einem Rechtsextremen eine Tugend sind, sondern im Falle jedes Politikers. Das Erscheinen des Rechtsextremen macht erst wieder deutlich, was Journalismus eigentlich leisten könnte, und es wirkt oft so holprig, peinlich, daneben, weil Journalisten viel zu wenige Nazis interviewen.

Question Time mit Nick Griffin ist in mehreren Teilen auf Youtube verfügbar

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Vor einigen Jahren soll es bei der ARD ein Papier gegeben haben, „in dem steht, dass alle Filme, die in der ARD gezeigt werden, sofort verstanden werden müssen, dass sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten dürfen und dass Motive sich in bestimmten Abständen wiederholen müssen.“ (Faz)

5,36 Millionen Zuschauer sahen gestern auf der ARD den Film Frau Böhm sagt nein„, der ganz im Zeichen dieser Vorgaben gestanden haben könnte. Gemessen an seinem komplexem Thema – dem Verlust der Anständigkeit und Moral im neoliberalem Unternehmertum – war der Spielfilm geradezu banal. Er widerspiegelt all die Emotionen und oberflächlichen Einsichten, die man in den letzten Jahren als Zuschauer bereits in unzähligen Talkshows vermittelt bekommen hat. Dem guten deutschen Unternehmertum sind im Zuge der Globalisierung die Werte, die Moral verloren gegangen. Darüber sind wir nun alle sehr enttäuscht, können es aber auch nur beklagen, nicht ändern, sollten versuchen selbst anständig zu bleiben.

Im Gegenzug zu dieser Banalität bietet der Film eine durchdachte und tiefgründiger gezeichnete Hauptfigur, Rita Böhm, die als graue – aber nicht zuletzt durch Senta Berger, die sie spielt, auch elegante – Maus seit 25 Jahren in einem deutschen Unternehmen die Vorstandsbezüge bearbeitet. Ihre obersten Werte: Korrektheit, Verlässlichkeit, Verschwiegenheit.

Die sueddeutsche schreibt:

„Rita Böhms Leben ist Kargheit, Gewohnheit, Ritual. Ein Käsebrot auf einem Brettchen, ein Stück grüne Gurke dazu und Nachrichten aus dem alten Transistorradio, das ist ihr Feierabend. Tagsüber verlässt sie ihr schlichtes Büro mit Gummibaum selten. Ihre Loyalität isoliert sie vom Rest der Belegschaft. Aus Flurfunk und Kantinentratsch hält sie sich raus. Sie kannte noch den Firmengründer, Heinz Walter Rotenbaum. Der sagte immer ‚Vorstand bedeutet Vorbild für Anstand.‘ Früher.“

25 Jahre, 178 Tage Resturlaub, nie einen Fehler gemacht, immer loyal gewesen. Dann wird die Firma von einem ausländischen Investor geschluckt. In der neuen Sekretärin Ira Engel wird Frau Böhm mit der nachfolgenden Generation konfrontiert. Beide Frauen müssen erstmal in Beziehung zueinander gesetzt werden, was dadurch gelingt, dass sich Frau Böhm kurz um die Tochter von Ira Engel kümmert, nachdem die einen Hörsturz erlitten hat.

Die Befreundung mit der Tocher fällt gar nicht so schwer, besitzt Frau Böhm als verbindendes Element doch einen geretteten Igel als kleinen Freund, der Stacheln hat, so dass man ihm nicht zu nahe kommen muss. Der Film droht sich in der Mitte in solcherlei schönen (eigentlich aber unnützen) Beschreibungen seiner Protagonistin zu verlieren (Als Charakterstudie ist der Film wirklich nicht schlecht). Auch wird uns nicht vorenthalten, dass sich Rita Böhm zu Weihnachten neben einem Glas Sekt auch eine neue Brille gönnt, fast schon als kleine Rebellion nach dem Motto „Einmal denke ich auch an mich“.

Denn draußen herum denken alle nur an sich. 80 Millionen Euro Boni möchte sich der Vorstand genehmigen, nach dem der Deal mit dem neuen Investor perfekt ist. Doch der Vorgang den Frau Böhm anweisen soll, er ist nicht formal nicht korrekt. Bislang ohne eindeutige Haltung wird ihr nun bewusst, dass es nicht mehr mit rechten Dingen zugeht. Frau Böhm sagt nein.

Der Tagesspiegel sieht den Auslöser von Frau Böhms Sinneswandel nicht nur darin, dass die fehlerhafte Zahlungsanweisung ihr die Missstände in einer Sprache deutlich macht, die sie versteht, sondern auch im positiven Einfluß der jungen Ira Engel: „Frau Böhm wiederum, die dem Unternehmen gegenüber jahrzehntelang loyal war und alle Chefs gedeckt hat, muss erst von Ira lernen, dass Loyalität nicht immer heißt zu schweigen und nichts zu unternehmen.“

„Die Perspektive im ARD-Film ist gut gewählt. Denn sie holt den moralischen Abwägungsprozess und die detektivische Recherche in ein dem normalen Zuschauer nachvollziehbares Milieu und zu authentischen Figuren herunter …“, schreibt der Spiegel lobend über die Vereinfachungen die der Film vornimmt, um niemanden zu überfordern. Nicht verwunderlich ist es daher, dass am Ende Frau Engel, die die Vorgänge zu ihrem eigenen Vorteil nutzte, von Rita Böhms moralischer Überlegenheit noch auf die Seite der Anständigen gezogen wird.

Der Versuch des Films über die Protagonistin eine Erkenntnis, Einsicht über das derzeit hochaktuelle Thema unternehmerischer Verantwortung und Moral zu vermitteln, glückt, bleibt aber oberflächlich. Die Aufgabe von „Frau Böhm sagt nein“ scheint es eher zu sein zu unterhalten, Emotionen beim Zuschauer zu bedienen, als mit komplexeren Hintergründigkeiten zu verwirren. Insofern sagt der Film vor allem etwas über den ARD-Fernsehfilm aus, weniger über den Zustand der Wirtschaft.

Dokumentationen wie „Unsere Erde“ erfreuten sich zuletzt auch auf DVD und im Kino großer Beliebtheit, schon zuvor genoss die BBC einen großen Ruf in Sachen Naturdokumentationen. Der neueste Vertreter dieser atemberaubenden Dokumentationen ist die von Sir David Attenborough erzählte Doku „Life„, die in zehn Teilen seit dieser Woche immer montags 21 Uhr GMT bei der BBC zu sehen ist.

Bei Life geht es allerdings nicht darum, uns deutlich zu machen, dass, wenn wir alle mehr ans Klima denken, das Eisbär-Baby nicht ertrinken muss, sondern um den natürlichen Kampf ums Überleben. „Ah, ha, ha, ha, stayin‘ alive, stayin‘ alive! That’s what the animals should be singing as the BBC’s sumptuous new natural history masterpiece unfolds“, schreibt der Mirror. Es ist die alte Geschichte vom Fressen, Gefressen werden, von Raubtier und Beute und von all jenen Strategien die Tiere und Pflanzen entwickelt haben, um demgegenüber ihr Überleben zu sichern.

„In the end, overcoming lifes challenges, whether finding enough to eat or outwitting your predators is only significant if lifes final challenge can be met. From a tiny frog, dedicating weeks to her few cherished tadpoles to an orang utan spending eight years bringing up her baby, individual animals strive to reach this one ultimate goal: to pass on their genes and to ensure the survival of the next generation. Ultimately in nature, that is what life is all about.“

So lautet die Moral der ersten Episode, die zugleich als Prolog für die kommenden Folgen erscheint. Ernüchternd, nicht wahr? Zumindest müssen die Tiere, gesteuert von Genen und Instinkt, sich nicht die Frage stellen, welchen Sinn das alles hat. Und dennoch: natürlich gibt es in „Life“ neben all dem auch die kleinen poetischen und die emotionalen Momente. Etwa als zwei Haubentaucher ihre Partnerschaft mit einem komplexen und wunderschönem Tanz auf dem Wasser erneuern. Und dann ist da die Geschichte von der Oktopus-Mutter, die ihre letzten Tage damit verbringt ihre Eier zu schützen und dabei willentlich verhungert, genau dann, wenn die klitzekleinen Oktopus-Babies schlüpfen.

„Life“ ist eine beeindruckende Mischung aus Spannung und Emotion. Fast überflüßig zu sagen, dass die Komposition aus Bildern, Musik und Erzählung sich genau auf dem hohem Niveau bewegt, das man von einer BBC-Produktion erwarten darf. Anders als in den Kinoproduktionen geht es hier weniger um Bildgewalt, vielmehr stehen überraschende, spannende oder lustige Details aus der Natur im Mittelpunkt. Mit 6,5 Millionen Zuschauern war „Life“ am Montag der Quotensieger in seinem Timeslot. Völlig zu Recht: Gibt es doch kaum etwas aufregenderes als die Natur. Ein echtes Muss für Fans des Genres und alle die es werden wollen.

BBC Website zu „Life“

Die politische Talentshow „Ich kann Kanzler“ muss man eigentlich auf zwei verschiedene Arten kritisieren. Erstens hinsichtlich der Botschaft die sie, und ihre Kandidaten über Politik und Politiker transportierten, zweitens hinsichtlich der Qualität der eigentlichen TV-Show. In beiden Fällen fällt das Urteil vernichtend aus. „Ich kann Kanzler“ war, kurz gesagt, „beschissen“. Und mit „beschissen“ kennt sich das ZDF hinsichtlich Unterhaltungssendungen ja auch bestens aus.

Das traurigste an „Ich kann Kanzler“ (IKK) war eigentlich das Bild vom Politiker das da transportiert wurde. Man hatte den Eindruck bei Politik ginge es darum, selbst eine Idee zu haben und diese dann möglichst irgendwie durchzukriegen. Wobei diese Idee dann aber nichtmal mutig und jenseits des Mainstream liegen darf, sondern möglichst keinen verschrecken soll. Es ist dieser merkwürdige Zwitter aus dem was einem selbst am meisten nützt und dem Versuch es mit populären Schlagworten, wie Familie, Bildung oder (Steuer)-Gerechtigkeit auf mehrheitsfähig zu trimmen. Also genau das, was Politik in Deutschland ist.

Und ich dachte immer, dass Politiker diejenigen sind, die Ideen, Kritik, Wünsche und Forderungen aus der Gesellschaft aufgreifen und diese dann in Politik umsetzen. Weit gefehlt. Es verwundert daher wenig, dass es da einen Geschäftsführer aus Bayern gab, der folglich in seinem Sinne ein einfacheres Steuersystem wollte. Die arbeitslose, alleinerziehende Mutter von vier Kindern wollte Elternkompetenzzentren (oder so) bauen lassen, der Abiturient wollte das Bildung billiger wird (für die zu Bildenden), die Migrantin will Migranten fördern, der rechte SPDler steht voll auf Ficken und Bildung (Macht Kinder, baut Schulen).

So kochte jeder mehr oder weniger sein eigenes, aber populäres Süppchen. Weder gab es Ideen jenseits des Mainstream (die waren vorher aussortiert wurden), noch ein klare politische Botschaft für eine andere, demokratischere Politik im Sinne aller. Nur die gleiche, geschmacklose, trübe Brühe nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner-Prinzip.

Viel schlimmer wiegt allerdings, dass, wenn die Kandidaten überhaupt etwas zu sagen hatten, 80 Prozent davon hohle Phrasen waren. Beinah hatte man das Gefühl, IKK sei gar keine politische Talentshow, sondern der Versuch Politiker möglichst treffend zu parodieren.

Überhaupt scheint es bei der Auswahl der sechs Finalkandidaten auch gar nicht um Talent gegangen zu sein, sondern darum, dass möglichst jeder Zuschauer sich nicht angepisst fühlt und jede irgendwie populäre Mainstream-Politik-Idee, an der es in der Realität noch happert (Steuern, Bildung, Integration) in der Sendung vertreten ist. Alle Kandidaten waren, wie die FAZ heute schreibt, potenziell mehrheitsfähig, auf der Höhe des Zeitgeistes und wie gemacht für die deutsche Politik. „Nur ja niemanden verprellen. Das hatten die sechs Finalisten der Politcastingshow übrigens gemeinsam.“

Das alles hätte wenigstens unterhaltsam sein können, wäre da eben nicht das ZDF gewesen, dass sich diese ansich ja supertolle Sendung ausgedacht hat. Steffen Seibert, eigentlich ja eher Journalist als Entertainer (was selbst im ZDF ein ungewöhnliches Gegensatzpaar ist), hatte definitiv den Tiefpunkt seiner TV-Karriere. Die nervöse, banale und stinklangweilige Art, wie er die Sendung verwaltete, sollte selbst hartgesottene ZDF-Zuschauern mit der Müdigkeit kämpfen lassen.

Und so ging es auch Anke Engelke, die völlig fehlplatziert war und irgendwie überhaupt nichts zu sagen hatte. Als es darum ging, dass beim späteren Sieger Jacob Schrot Politikerposter im Zimmer hängen, verfiel die Comedienne fast zwanghaft in eine ihrer Rollen aus Ladykracher, was aber auch nicht lustig, sondern irgendwie 2004 war. Die anderen Jurymitglieder Henning Scherf, einst selbst Politiker und Günter Jauch, der seit Jahren erfolgreich einen Journalisten simuliert, blieben im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Und es wundert mich auch überhaupt nicht, dass Jauchs Firma diese Sendung produziert hat.

Das alles war klar. Man muss schon sehr blauäugig sein, wenn man gedacht hatte, das ZDF könnte auch nur irgendetwas spannendes, unterhaltsames, mutiges, jenseits des Mainstream stehenden produzieren. Das ist allein deshalb schon nicht möglich, weil das ZDF sowieso nichts anderes ist, als ein dem Mainstream verpflichtetes Sprachrohr der deutschen Parteiendemokratie, dessen jüngste Ausgeburten es an diesem Abend präsentierte. Der stern schreibt (in seinen TV-Kritiken wie immer treffend):

Zwar wurde ständig etwas von „neuen Ideen für Deutschland“ erzählt, aber diese hießen: mehr Bildung, bessere Familienpolitik, mehr Integration, ein gerechteres Steuersystem, Optimismus und „Machen statt Meckern“. „Peacenicks“ oder „Dritte-Welt-Bewegte“, Globalisierungskritiker, strenge Ökologen oder Feministinnen; auch nur Ansichten, die quer zum Mainstream liegen oder parteipolitische Schemata sprengen, kamen gar nicht erst vor. Auf die Welt schaute keiner. Letztlich maßen nur innenpolitisch fixierte freundliche Kinder der Wohlstandsgesellschaft ihre Fähigkeit zu Rede und Selbstdarstellung.

Mit 6,3 Prozent Marktanteil sendete das ZDF erwartungsgemäß auch an der jungen Zielgruppe komplett vorbei. Mit jungen Ideen und Mut zu einer anderen Politik hatten die Nachwuchspolitker auch ohnehin nichts am Hut. Sie waren lediglich das Abziehbild jedes anderen Berufspolitikers in Deutschland. Immerhin kann man sagen, Jacob Schrot der mit deutlich absoluter Mehrheit zum Sieger des Abends gewählt wurde, hat eine glänzende Karriere als Politiker vorsich. Aber Achtung, nur nicht anecken. So habens Steffen Seibert, Günter Jauch, Anke Engelke und Henning Scherf ja auch zu was gebracht.

tvkritikundso

Habt ihr gestern auch „Wetten, Dass…?“ geschaut? Wahrscheinlich ja, insofern ihr den Abend vorm Fernseher verbracht habt, kam ja auch sonst nix. Vielleicht fangen wir mal mit dem Guten an. Das Publikum war super, die Luftbilder von der Arena auf Mallorca aus der das ZDF sendete, waren toll und die Sprüche die Thomas Gottschalk macht, wenn er ins Publikum geht, haben nichts von ihrem Witz verloren. Festzustellen ist auch: Otto ist immernoch ziemlich lustig.

Mein erster Eindruck am gestrigen Abend von „Wetten, Dass…?“ war der, das ich mich fragte, ob das ZDF Thomas Gottschalk gegen einen Bordellbesitzer als Moderator ausgetauscht hatte. Tatsächlich aber hatte sich Gottschalk nur als Bordellbesitzer verkleidet, um die Sommerausgabe zu moderieren. Im Laufe das Abends störte das Kostüm allerdings nicht weiter.

Gottschalks größtes Problem des abends war allerdings weder, dass Naomi Campbell wieder ausgeladen wurden war, noch das ab und an auchmal etwas schief ging, worüber Gottschalk souverän hinwegmoderierte, sondern seine Bessenheit vom Thema Zielgruppen-Quoten. Gleich mehrmals kokettierte er mit dem Thema in der Sendung. Nachdem unglaublich schrecklichen Auftritt Placido Domingos (eine Wetteinlösung) sagte Gottschalk sinngemäß, jetzt habe er sicher 200 bis 300 Zuschauer in der Zielgruppe verloren, die hole man sich jetzt aber zurück (mit einem Auftritt des mir unbekannten Highschool-Musical Stars Ashley Tishdale).

Und auch als die unerträglichen Prominenten-Kinder von Howard Carpendale und Hardy Krüger auf dem Sofa Platz nahmen, musste direkt nochmal über das Thema Zielgruppe gesprochen werden (die beiden spielen in so komischen Serien mit, die Namen wie „Forsthaus Falkenau“ oder „Der Landarzt“ haben, fragt mich jetzt aber nicht, was das ist). Gottschalk scheint es ziemlich mitzunehmen, dass er in der Zielgruppe nicht mehr so gut ankommt. Dabei gibt zumindest Quotenmeter heute Entwarnung: Gottschalk räumt ab, vergangene Quoten wurden überflügelt, schreibt das Portal über die Ausgabe von „Wetten, Dass…?“ in himmlische Höhen. Und zur Ehrenrettung Gottschalks sei auch gesagt, das er von einem schlechten Moderator noch zu unterscheiden ist und der nachlassende Erfolg von „Wetten, Dass…?“ am wenigsten an ihm liegt.

Mit 9,29 Millionen Zuschauern erreichte Gottschalk allerdings nichtmal so viele Zuschauer wie „The Apprentice“ am vergangenen Sonntag in UK. Darüber, dass britische TV Sendungen die angeblich erfolgreichste Fernsehsendung Europas seit einiger Zeit locker schlagen, hatte ich gestern schon ausführlich geschrieben (Großbritannien hat 20 Millionen weniger Einwohner als Deutschland). Es waren immerhin 60.000 Zuschauer mehr als im März und sogar 35,8 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. „Wetten, Dass…?“ bleibt also erstmal auf Augenhöhe mit Sendungen wie DSDS oder Dschungelcamp (das es zumindest 2010 auch gar nicht mehr gibt).

Auch die Mallorca-Ausgabe von „Wetten, Dass…?“ funktionierte genauso so, wie man das von „Wetten, Dass…?“ gewohnt ist. Das heißt, so wie die Macher glauben, die gesamte Familie erreichen zu können. Es gibt Gäste für die Mutti und Omi, so mal nen Opernsänger zum Beispiel, einen Actionschauspieler für Papi und beinah enthüllte Titten für den Opi, einen Teeniestar und Ice Age (war im Grunde nur eine Werbeeinblendung der Content-Industrie) für die Kleinsten. Das alles für sich genommen nichtmal Mittelmaß ist, wird dabei gerne übersehen.

Bewunderswert ist es, dass Gottschalk immer Gäste einladen kann, die vor allem er selbst toll findet (was dazu führt, dass manche Promis schon gefühlte 50 PR-Termine auf dem „Wetten, Dass…?“ Sofa hatten; Michelle Hunziker war allerdings gerade erst zum vierten Mal da, ich glaube, da muss noch nachgelegt werden). So war es offensichtlich, wie sehr Gottschalk die Musikauftritte von dieser Beatles Coverband und den Simple Minds (nein, dass sind keine öffentlich-rechtlichen Programmplaner) genoß. Da steht er dieser Mann, der sich trotzig und heuchlicherisch gegen die Quotendebatte wärt (die man im ÖR prinzipiell gar nicht führen sollte) inmitten von 9000 Menschen in bester Laune, die Kameras kreisen durch die Arena und für einen Moment hat man das Gefühl eine gute Fernsehshow zu sehen.

Bei diesem Moment bleibt es. Denn es ist vor allem Gottschalks Moment. Alles andere ist handwerklich professionelles Mittelmaß, das Regeln folgt, die vielleicht in den 80er und 90er Jahren mal galten um eine Samstagabendshow zu machen, die aber 2009 keinen mehr vom Hocker reißen. Dieser Moment der Freude, wenn Gottschalk begeistert seinen Lieblingsmusikern zuhört, er überträgt sich nur schwer auf das Publikum zu Hause, und er ist von kurzer Dauer.

In der nächsten TV-Saison wird sich Gottschalk wieder dem Alltag stellen müssen. Da sich RTL in der Werbekrise scheinbar vorgenommen hat kleinere Brötchen zu backen und erstmal nicht mehr als 6 Millionen Zuschauern braucht, die locker mit bewährten und nicht zu teuren Formaten eingefahren werden, droht „Wetten, Dass…?“ auch fürs erste keine Gefahr auf dem deutschen Fernsehthron. Was weiterhin fehlen wird, ist die Fernsehsendung am Samstagabend über die wirklich alle sprechen, in der etwas passiert, was man sehen muss, was man noch nie gesehen hat, die uns verbindet und sprachlos macht.

andere Blogs zu Wetten, Dass…?: Peer Schader über die seltsamen Reaktionen der Spon-Forenuser auf eine Spiegelkritiküber Wetten, Dass…? (von ihm selbst).

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Erwachsen auf Probe (c) RTL

Erwachsen auf Probe (c) RTL

Nachdem ich die ersten beiden Episoden von „Erwachsen auf Probe“ (mittwochs, RTL) angeschaut habe, muss ich sagen, drei der vier Teenager-Paare hätte ich, wenn ich ein Kind hätte, dieses nicht anvertraut. Weder dem Gangster-Paar aus Köln, noch der schwer zu verstehenden Hauptschülercombo, und auch nicht unbedingt dem ansich durchaus symphatischen Schmuddelpärchen aus Hannover. Lediglich Lila und Sebastian machten einen einigermaßen soliden und fähigen Eindruck sich um ihr Kind kümmern zu können.

Das Schlimme ist, in der Realität bekommen gerade solche Leute wie die ersten drei Paare vermutlich Kinder in jungen Jahren. Zumindest muss man das annehmen, um die Dokusoap der Logik der negativen Identifikation nach, der solche Realities immernoch folgen, anschauen zu können. So wie die will ich nicht sein. Loser eben, wie Peer Schader im Faz-Fernsehblog schreibt.

Der erste Schock folgt mit dem Einzug in das ultraspießige Suburbia, vier Einfamilienhäuser in einer Gegend, die trostloser nicht sein könnte, müssen die Teenagerpaare bewohnen. Der zweite Schock ist dann die Aussage des RTL-Sprechers, für den Notfall gäbe es Hilfe von Katja Kessler. Das ist die ehemalige Bild-Kolumnistin, die ein bisschen aussieht wie eine Mangafigur und neben dem Buch von Dieter Bohlen auch eins übers Muttersein geschrieben hat, womit sie sich auskennt, da sie das selbst viermal geworden ist.

Später wird der Eindruck allerdings revidiert Klatschjournalistin Kessler sei hier die Expertin, als RTL zur Absicherung, das niemand das Reality-Format noch mehr missversteht als ohnehin schon, mehrmals echte Erziehrinnen einblendet, die überwachen wie die Teenager mit den geliehenen Babies umgehen.

Und was waren das jetzt nochmal für Leute, zu denen die Eltern da ihre Kinder verleihen? Also einer hat 15 Strafanzeigen bekommen und sich früher gerne mal geprügelt. Ein anderer, Hauptschüler Elvir, erzählt aus dem Beziehungsalltag:

„Das gibts manchmal mit uns Streit. […] Ich hab gesehen, ok, die hört nicht auf, die schreit mich an, die beleidigt mich, die sagt, ich wär ein Wichser, ein Penner. Ok, die geht jetzt ein bisschen zu weit, dass ich ihr dann eine geklatscht habe. Und von da hat die aufgehört. Jetzt macht die das nicht mehr. […] Ich würde die Nadine nochmal schlagen, wenn die das gleiche macht wie damals“

Elvir, der, um seine wahre Identität als Nichtsnutz und Dummkopf zu verbergen, ausschließlich Anzüge zu tragen scheint, ist dann auch jener, der sich nachts auf die Babypuppe legt und sie damit tötet.

Man kann durchaus auch gutes über die etwas zu langatmig geratene erste Doppelfolge sagen, und zwar das sie lustig ist, was auch beabsichtigt zu sein scheint. Man kann auch darüber sagen, dass sie auch irgendwie so etwas lehrreiches hat, womit RTL ja auch gerne argumentierte, da es in Deutschland so viele Teeniemütter gäbe.. Das ganze Geschrei um die Show entpuppte sich allerdings recht schnell als viel Lärm um nichts.

Letzteres tut die Show aber leider auch. „Erwachsen auf Probe“ ist eine schwer zu ertragende Mischung aus dem alten Reality-Format, indem wir uns Asis anschauen sollen, um das Gefühl zu bekommen, besser zu sein, und aus einem biederen spießbürglerichen Lehrstück über das Erwachsen werden, das mit der ewig monotonen Musik aus dem Leierkasten der Realityproduzenten untermalt wird. Es ist nicht so trist und depressiv wie die tägliche Prekariatsschau „Mitten im Leben“, und unterm Strich recht unspektakulär.

Trotz allem Trubel erreichte „Erwachsen auf Probe“ in der Zielgruppe gestern auch nur 19,1 Prozent Marktanteil, was mehr als schmeichelhaft ist und vermutlich auch nicht unbedingt mehr werden wird, denn das einzig Sehenswertes, nämlich wie die Teenager die Babies bekommen und auf sie reagieren ist jetzt auch schon vorbei im Grunde. Alles andere wäre im Nachmittagsprogramm besser aufgehoben.

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