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Schon mehrfach hatte ich auf diesem Blog über die menschenverachtende Episode 198 der RTL II-Doku-Soap „Frauentausch“ berichtet (siehe unten). Dort wurde eine (bereits aus anderen TV-Sendungen) bekannte Familie aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt derart vorgeführt, dass es zu drastischen Reaktionen kam, etwa Protesten, Bedrohungen und Sachbeschädigung. Mit den Folgen, die Reality TV haben kann, und was das über das Verhältnis von Wirklichkeit und Reality TV, genauer: dessen Rezeption, aussagt, hat sich Harald Staun von der Faz ausführlich beschäftigt:

[…] und wer sich ein wenig auskennt mit den Mechanismen des Boulevardfernsehens, dem fällt es leicht, den verletzten Lokalstolz für naiv zu halten; am Ende aber besteht diese Naivität nur darin, dass eben doch noch ein paar Menschen das Fernsehen ernst nehmen, wenn es behauptet, dass es sich bei dem Genre Reality-Doku-Soap trotz aller Schmiererei noch um die Abbildung der Wirklichkeit handelt. Wie gründlich in der Rezeption dabei die Ebenen durcheinandergeraten können, offenbart sich in den traurigen Auswüchsen, die der Protest zwischenzeitlich angenommen hatte […]

[…] Und umgekehrt erklärt vielleicht genau die Medialisierung der Familie, warum sich der Protest ihrer Mitbürger gegen die Opfer richtet, statt gegen die verantwortlichen Produzenten: Auch für die [Bewohner der Stadt] sind Yvonne und Christian längst identisch mit den Medienfiguren, zu denen sie das Fernsehen gemacht hat. […]

[…] Dass aber die Auftritte all der Akteure des Realityfernsehens überhaupt eine Fortsetzung in der Wirklichkeit haben, ist eine Konsequenz, die Zuschauer und Produzenten mittlerweile völlig ausgeblendet haben. Dabei fällt es der Rezeption nicht schwer, darüber zu erschrecken, wo das Fernsehen heute überall hinkommt. Manchmal aber fängt der Horror erst an, wenn es wieder wegfährt.

[via Stefan Niggemeier]

Mehr zum Thema „Frauentausch“ auf diesem Blog.

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Über die Frauentausch-Episode vom 8. Januar ( Folge 198 ) hatte ich auf diesem Blog schon zweimal geschrieben. Jetzt beschäftigt sich die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) mit der besonders menschenverachtenden und verantwortungslos produzierten Folge, in der eine Familie aus Sachsen-Anhalt quasi medial hingerichtet wurde.

In einer Pressemitteilung vom Mittwoch dieser Woche schreibt die ZAK:

Generell gilt: Auch wenn die Teilnehmer sich freiwillig für eine solche Doku-Soap bewerben und umfangreiche Verträge unterschreiben, berechtigt dass die Sender nicht, sie medial hinzurichten. Jeder hat ein Recht auf Menschenwürde. Ein Sender muss für sein Programm die Verantwortung tragen.

Die Kommission will nun prüfen, inwieweit RTL II mit der Frauentausch-Folge moralische und ethische Grenzen überschritten habe. Denn jenseits der Quote gäbe es auch noch Werte, die für die Sender verpflichtend sind. Nicht alles was legal ist, ist auch legitim“, sagt der ZAK-Beauftragte für Programm und Werbung, Prof. Dr. Norbert Schneider in der Pressemitteilung. „Programmverantwortung heißt auch, beizeiten die Folgen zu bedenken, die ein Programm haben kann“, so Schneider weiter.

Der Regionalzeitung Volksstimme zufolge soll die Prüfung so schnell wie möglich erfolgen. Im Wohnort war es (wie berichtet) nach der Ausstrahlung der Frauentausch-Episode zu Demonstrationen gekommen. Der Zorn der Bürger entlud sich letztlich auch in Sachbeschädigungen am Haus der Fernseh-Familie, die sich dadurch bedroht fühlte. Die Polizei wurde eingeschaltet.

Im Spiegel-Online Interview nutzte der Bürgermeister der Stadt die Gelegenheit noch einmal um am Thema vorbei die bösen Westdeutschen und ihre Ressentiments gegenüber dem Osten zu kritisieren. Doch auch er bemängelte das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der TV-Produzenten: „Aber die Schuldigen sitzen ja ganz woanders. Ich bin entsetzt über die Macher der Sendung. Die sollten sich schämen!“

Die Frauentauschfolge ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Unbedarfte Menschen werden in der Doku-Soap-Massenproduktion über alle Sender hinweg vor allem auch im Nachmittagsprogramm vorgeführt. Das nun ausgerechnet das von Constantin Entertainment verantwortete Frauentausch die Grenze wieder einmal überschreitet verwundert nicht. In keiner anderen Doku-Soap wird derart brutal mit den Protagonisten umgegangen, wie bei Frauentausch. Das Zynische daran ist: genau das macht die Beliebheit dieses Programms aus.

Von brutalem Sozialrealismus leben allerdings auch bessere Formate. In „Die Supernanny“ sah man (bezeichnender Weise in einer Folge, die in derselben Stadt spielte wie die Frauentauschepisode) auch schon wie ein Junge seine Mutter verprügelte. Doch hier wird wenigstens noch Lebenshilfe-Prinzip an die Schreckensbilder geknüpft. Nanny Katja Saalfrank gewann 2007 den Fernsehpreis als bester TV-Coach. Doch das muss wenig heißen. Der selbsternannte TV-Experte Thomas Gottschalk kommentierte den Fernsehpreis 2008 für die Straßenkinder-Doku-Soap „Die Ausreißer“ völlig unangemessen (manche der Kinder kämpften mit totaler Verwahrlosung, Sucht und langfristig dem Tod) mit den Worten: „Wir wünschen Euch, dass noch viele Kinder ausreißen, damit das… äh… weitergeht.”

Selbst da also, wo Fernsehen bewertet wird, gibt es kaum ein Gespür für angemessene Reaktionen auf das Gesehene. Während „Die Ausreißer“ auf der einen Seite also zeigen, wie es richtig geht (aber von Leuten wie Gottschalk gar nicht begriffen werden), fehlt auf der anderen Seite das völlige Bewusstsein für Qualitätskontrolle im Sinne moralischer Grenzen. Das völlige Versagen der TV-Macher im Falle Frauentausch kann nur mit einer fanatischen Quotenfixierung oder der mangelnde Ausbildung/Kenntnis derer erklärt werden, die das Programm produzieren.

Sozialrealismus im Fernsehen kann, soll und muss es geben, aber nicht unter dem Paradigma der reinen voyeuristischen Unterhaltung und verantwortungslosen Vorführung von Menschen.

Vor kurzem hatte ich polemisch über die Macher hinter den primitiven Frauentauschsendungen geschrieben. Anlass war eine besonders verantwortungslose und überzogene Ausgabe des Formats, dass in vielerlei Hinsicht unbedarfte Menschen aus purer Freude am Voyeurismus zur Schau stellt.

Für die betroffene Familie hat die Sendung nun unangenehme Folgen gehabt. Während die Bewohner und der Bürgermeister der Stadt, in der die Familie lebt, sich vor allem über ein wahrgenommenes Stereotyp des ostdeutschen Provinzlers empören („fett und gefräßig“), hat die RTL II-Zielgruppe (eben jene, die aus Schadenfreude und Geilheit am Voyeurismus oder purem Hass zuschauen), der Familie offensichtlich den Krieg angesagt. Die Lokalzeitung des 15.000 Einwohner Städtchens berichtet (Hervorhebung von mir, Ortsname zensiert):

Der Frust der Bürger kanalisierte sich in den vergangenen Tagen nicht nur mehr ins Schreiben von Leserbriefen. Die Menschen rebellieren, schaukeln sich gegenseitig hoch. Erst waren es nur Buh-Rufe vor dem Wohnhaus, dann fogen schon Flaschen. Den Höhepunkt erlebte die Stadt am Mittwochabend, als sich rund 50 [Einwohner] zu einer spontanen Demonstration vor dem Haus versammelten. Es f ogen rohe Eier an die Wand. Die in der Stadt bekannte Fernsehfamilie fühlt sich bedroht. “ Es liegen Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Beleidigung vor. Wir haben bereits Tatverdächtige ermitteln können „, erklärt Doreen Wendland, Pressesprecherin der Polizeidirektion Ost.

Ein gutes Beispiel dafür, welche Folgen eine derart verantwortungslose Produktion wie „Frauentausch“ haben kann. Nicht zu vergessen, dass es sich bei den gezeigten Menschen nicht nur um Erwachsene, sondern auch um ein in der Familie lebendes Kind handelte. Und da frage ich gerne nochmal: Was sind das für abgebrühte Menschen, die beruflich an der Produktion einer solchen Sendung beteiligt sind und dererlei Folgen billigend in Kauf nehmen, solange die Quote stimmt?

Am vergangenen Donnerstag zeigte RTL II Episode 198 der Dokusoap „Frauentausch“ und begab sich damit wieder einmal in allertiefsten Niederungen der TV Unterhaltung. Das einzig gute, was man überhaupt über diese Dreckssendung sagen kann, ist, dass sie sichtbar macht, dass es solche Menschen gibt.

Aus dem Jahre 2004 gibt es von der Filmhochschule Potsdam Babelsberg eine Abschlußarbeit zum Thema „Identitätskonstruktionen in der Mediengesellschaft“. Der Autor Tobias Schäfer beschätigt sich darin mit Frauentausch. Abschließend schreibt er:

Darüber hinaus erfüllt die Sendung – indem sie Einblick in verschiedene gesellschaftliche Subsinnwelten, Milieus und Lebensauffassungen gewährt – eine Orientierungsfunktion für die jugendlichen Milieuangehörigen, die in der pluralisierten Gesellschaft vor die Aufgabe gestellt sind, ihre Identität zunehmend selbstverantwortlich herzustellen.

Vorab hatte Schäfer festgestellt, dass Frauentausch vor allem bei jungen Zuschauern Zuspruch findet, während ältere die Sendung eher ablehnen, da ihre „identitätsrelevanten Grund- und Werthaltungen durch die Sendung herausgefordert und z.T. in Frage gestellt werden.“

Abschließend stellt Schäfer fest:

Denn es stellt sich die Frage, was es für den Sozialcharakter des Menschen bedeutet, wenn er seine Identität in einer Gesellschaft, die von Medien durchdrungen ist, zunehmend durch mediale Interaktionen konstituiert und soziale Interaktionen dem gegenüber an Bedeutung verlieren.96 Dies ist auch deshalb von Interesse, weil viele mediale Interaktionsangebote, auch „Frauentausch“, aus ökonomischen Motiven produziert werden.

Das ist der eine Punkt. Ein anderer ist, dass angesichts solcher Szenen wie oben, Identität nur in Ablehnung des gezeigten gefunden werden kann, also nicht etwa durch Orientierung an Vorbildern, oder durch kritische Rezeption verschiedener selbstgewählter Lebensstile.

Darüber ob RTL II als privatwirtschaftliches Unternehmen hier überhaupt in der Verantwortung steht, ein Bewusstsein für die eigenen Arbeit und deren Auswirkungen zu schaffen kann man streiten. Würde es geschehen, wäre der logische Schluß diese Verantwortung dann wahrzunehmen, und Frauentausch entweder zu verändern, im Sinne der obigen Argumentation (Identifikation, Vorbilder) oder komplett aus dem Programm zu streichen.

Doch all das berührt noch gar nicht die moralische Seite der Medaille. Wie wenig Anstand muss man bitte haben, um überhaupt ein Programm zu produzieren, dass nicht nur negative Identifikation stiftet, sondern unter dem ökonomischen Aspekt eigentlich ausschließlich der Unterhaltung durch voyeuristische Vorführung unbedarfter Menschen dient. Wenn da geschrien, gepöbelt, verzweifelt und gekreischt wird, wenn da Konflikte herausgefordert werden, dann ist das perfekt gemachter Zynismus im Sinne quotenträchtiger Profitabilität.

Bei den zuständigen Autoren, Redakteuren und Programmverantwortlichen fehlt jegliches Gefühl für Moral und Anstand, für Verantwortung und Selbstreflexion. Wie abgebrüht muss man bitte sein, um damit sein Geld zu verdienen, etwa als Kameramann oder Redakteur. Welche Lügen reden sich diese Leute ein, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen? Wie kann man es überhaupt mit sich selbst ausmachen, Menschen die ganz augenscheinlich nicht in der Lage sind, zu verstehen und zu reflektieren, was sie da tun vorzuführen?

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