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Kleines Fräulein, große Wirkung: Sentimentale Verbindung der Europäer.

Die Massenmedien als Opium fürs Volk werden in der Postdemokratie, auf die wir zugehen und vor allem in Krisenzeiten immer wichtiger, etwa um Revolutionen vorzubeugen. Britain’s Got Talent und X Factor brachten die Briten 2009 durch die Krise. Nun ist es die 19jährige Lena die Deutschland und Europa für den Moment wieder versöhnt. Ein Stück über die Propaganda in der Mediengesellschaft.

Als Lena Meyer-Landrut, die eigentlich nur noch Lena heißt, um die Herkunft aus einer Diplomatenfamilie abzustreifen, gestern Abend kurz nach 00 Uhr zur Siegerin des Eurovision Song-Contest (Artikel: Wir sind Lena) wurde, saßen 20,45 Millionen Deutsche vor den TV Geräten. Eine Einschaltquote für eine Unterhaltungssendung, die man aus den primitiven Produktionen von RTL, etwa DSDS, gar nicht und ansonsten nur aus Großbritannien kennt. Als die Briten im letzten Jahr von der Wirtschaftskrise so hart wie kaum ein anderes Land getroffen wurden, erzielten das britische Supertalent (Britain’s Got Talent) und Europas erfolgreichste Casting-Show „The X Factor“ ebenfalls Quoten von bis zu 20 Millionen in der Spitze.

Stabilisierung und Eskapismus

Die Flucht in ein alle Menschen verbindendes mediales Ereignisse, der Eskapismus in die Popkultur – er ist ein wichtiger Faktor zur Stabilisierung des kriselnden Kapitalismus und in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkter Regierungen. Gordon Brown halfen Susan Boyle (Britain’s Got Talent, über 20 Millionen Zuschauer), Lord Sugar (Apprentice, 10 Millionen) oder Joe McElderry (X Factor, 16 Millionen) zwar wenig, und auch Angela Merkel wird persönlich nicht viel von Lena profitieren – aber: sie beruhigt die Massen. Ihre gelassene Art mit dem Medienrummel umzugehen, ihr unverkrampftes Verhältnis zur ihrem Heimatland, ihr manchmal unschuldiges, manchmal freches Selbstbewusstsein, es hat die Deutschen und die Europäer ein Stückchen näher zusammengebracht.

Narkotikum und Stimulanz

Als Deutschland 1942 in den Wirren des zweiten Weltkriegs war gab es im Deutschlandsender die sogenannte Weihnachtsringsendung. Aus Köln rief der Sender damals 30 Nebenstellen an, Soldaten, Offiziere an den verschiedenen Fronten, an denen sich die Deutschen befanden. Das für die damalige Zeit eindrucksvolle Medienevent erzielte seine propgandistische Wirkung durch seine Unmittelbarkeit und seinen Livecharakter, erklärt das Deutschlandradio 1997 in einer Dokumentation (oben verlinkt).

Ein ähnliches Event, dass diesmal nicht der Motivation der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg, sondern einem humanerem Ziel: dem Zusammenhalt in der ersten großen Krise Europas dienen soll, hatten sich die Strategen der europäischen Rundfunkanstalten ausgedacht, einen Flashmob:

„Als Narkotikum und Stimulanz um die millitärischen Rückschläge vor allem bei Stalingrad zu erdulden, dazu diente die Weihnachtsringsendung des Deutschlandsenders. Auf Anordnung von Propagandaminister Joseph Goebbels wurde so zwischen den Soldaten an der Front, den Rundfunkanstalten und den Hörern zu Hause eine sentimentale Verbindung inszeniert, ein Menetekel aus Faszination und subtiler Gewalt.“ (Deutschlandradio)

Auch der Flashmob der Eurovision Song Contest-Macher hat es auf die sentimentale Verbindung zwischen den den Fans in Oslo, mit denen er einleitet, denen in europäischen Städten auf  Straßen und Plätzen und jenen 120 Millionen in den Wohnzimmern abgesehen. Genau wie bei der Weihnachtsringsendung ist nicht klar, wieviel von dem Geschehen wirklich live ist und wieviel vorab aufgenommen wurde.

System der Selbstberuhigung

Die großen Massenmedien schreiben diese Idee von der neuen Einigkeit Europas mit ihren Mitteln fort, nachdem sie wochenlang die Krise beschworen, auf die Griechen geschimpft und die Rückkehr der D-Mark diskutieren wollten:

„An diesem Abend in Olso ging es nicht um Rettungsschirme, Milliardenbürgschaften, Euroskepsis und Inflationsängste. Deutschland hat Europa einfach mal etwas geschenkt. Und Europa hat sich mit vielen ‚douze points‘ und ‚twelve points‘ bedankt.“ (FAZ)

Gideo Rachmann, ein Blogger der Financial Times, der uns von außen beobachtet hat, spürte sie auch, die Entspannung die Lenas Seg dem Deutsch-Europäischen Verhältnis schenkte:

„Many of these criticisms strike me as unfair – and also, rather unwise, given that they are often accompanied by a demand for the Germans to stand ready to write another large cheque.

But the deterioration in relations has left the Germans feeling distinctly unloved. You can sense the relief at Lena’s victory in the headlines in the German papers. Today’s Bild am Sonntag, shouted – ‚Europe Does Like Us.'“

Screenshot: bild.de

Der Onlineableger der auflagenstarken Springer-Zeitung überbietet sich heute schon den ganzen Tag mit Schlagzeilen, die einerseits die deutsche Seele trösten („Wir sind jetzt Schwarz Rot Lena“), andererseits nun auch plötzlich europäische Gemeinsamkeit in den Fordergrund stellen.Und im Fernsehen läuft eine Sondersendung nach der anderen.

Das interessante daran: Anders als in faschistischen Gesellschaften funktioniert die Propaganda nicht als Mittel der Herrschenden, sondern aus der Gesellschaft selbst heraus. Es ist offensichtlich, dass viel mehr Deutsche bereits europäisch denken und fühlen wollen, als man bei der Bild anfangs wohl dachte. Die neue Einigkeit Europas, sie ist vor allem eben auch eine in Deutschland gefühlte. In der ausländischen Presse habe ich kaum etwas über Lena lesen können.

Es ist, als hätten wir ein System der Selbstberuhigung geschaffen, dass inzwischen in der Lage ist entsprechende Götzen zu produzieren.

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Thomas Gottschalk auf der „Wetten, Dass…?“ Couch mit Nicole und Lionel Richie, Michael Ballack, Dieter Bohlen und Michelle Hunziker.

Die Fernsehkritiken der professionellen Medien fallen kurz nach Thomas Gottschalks 60. Geburtstag sehr wohlwollend aus. Niemand traute sich an diesem Sonntag etwas Böses über Gottschalk und die 189. Ausgabe von Europas ehemals erfolgreichster Fernsehshow zu schreiben. Und dafür gab es noch einen anderen Grund als Gottschalks Geburstag: „Wetten, Dass…?“ und sein Moderator waren auf Mallorca gut wie schon lange nicht mehr.

Die Kulisse der mallorquinischen Stierkampfarena war wie schon im Vorjahr beeindruckend, Ein Set-Up, das man sonst aus dem deutschen Fernsehen nicht gewohnt ist und das neben den billigen, mehrfach verwertbaren Grundy-Kulissen bei DSDS oder Supertalent wie aus einer anderen TV-Welt wirkte.

Nachdem ein verletzter Fußballer namens Michael Ballack, DSDS-Opi Dieter Bohlen und Schmuserock-Urgestein Lionel Richie neben der 60-Jährigen Moderationslegende Platz genommen hatten, scherzte ich noch auf Twitter: „Grad bei #wettendass: Zwei Senioren und ein Invalide auf dem Sofa. Willkommen im #ZDF ;)“

Der Gastgeber aber, er wirkte und war jung, konzentriert, gut gelaunt und entspannt. Diesmal gab es keine Meckerei über Quotendruck oder Selbstironie der Zielgruppe längst entwachsen zu sein, sondern gekonnte Seitenhiebe auf die Richtigen:

„Nachher lud Bohlen ihn zur nächsten Runde von „Deutschland sucht den Superstar“ ein – ‚zum Moderieren‘. Und Gottschalk wusste trotz seines Zögerns sofort: ‚Ja, da muss dringend was passieren.'“ (Spiegel Online)

Als die spätere Wettkönigin ansetzte ihre Traktorreifen-Hula-Hoop-Wette zu erklären und das Gewicht des Reifens, den sie um ihre schmalen Hüften kreisen lassen würde, verriet, holte Gottschalk zu einem besonders fiesen Witz aus: „35 Kilo? Soviel hat Nicole Richie mal gewogen.“ Die Adoptivtochter des Sängers litt einst unter einer Essstörung. Gottschalk darf sich inzwischen alles erlauben.

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Michelle Hunziker

Co-Moderatorin Michelle Hunziker, die „Wetten, Dass…?“ in dieser Staffel um viel Charme und Witz bereichert hatte, ging neben einem Gottschalk in Hochform völlig unter an diesem Abend. Auch optisch machte die schöne Moderatorin eine nicht ganz glückliche Figur: In ihrem Outfit war sie vor allem Brust, dabei hat sie doch längst bewiesen, dass sie ganz andere Qualitäten hat.

Nicht ganz so prall sieht es allerdings für die Quoten der in dieser Hinsicht schon länger schwächelnden TV-Show aus. Mit 8,65 Millionen Zuschauern und 32,3 Prozent Marktanteil muss sich die Sommerausgabe von „Wetten, Dass…?“ zufrieden geben. Das sind 600.000 Zuschauer weniger als noch im vergangenen Jahr. Wir wollen hoffen, dass sich Gottschalk darüber nicht all zu viele Gedanken und noch ein paar Jahre weiter macht. Politisch gesehen wäre ich hier für die Rente mit 70. Denn wie Stern.de schreibt:

„Viele Medien nutzten seinen 60. Geburtstag einmal mehr für einen Abgesang auf den Show-Dino und seine blonde Assistentin. Aber am Sonntagabend zeigte er seinen Kritikern, warum man ihn doch vermissen würde, wenn er irgendwann einfach nicht mehr da wäre.“

Und hier noch das Video mit der Wette der Wettkönigin (wird möglicherweise gelöscht werden):

Es war nicht unbedingt ein guter Start für die sechsteilige Sonderausgabe des britischen Erfolgsformats Apprentice am gestrigen Abend auf der BBC. Zumindest wenn es nach Zuschauerzahlen geht: 4,3 Millionen Briten, nur etwa die Hälfte der gewohnten Zuschauer, schalteten ein um „Junior Apprentice“ zu schauen. Doch gute Unterhaltung war die Show. Zwar wirkten vor allem die männlichen Teilnehmer unter den zehn 16- bis 17-jährigen Teenagern alles andere als authentisch, doch die Show punktete mit weniger Slapstick und gescriptet wirkender Comedy als noch in Staffel 5 des regulären Formats, dafür mit dem vertraut subtilen Humor vor allem in Schnitt und Fotografie.

Die Mädels:

Die Jungs:

Die Neue:

Neu ist bei Junior Apprentice aber vor allem eine: Die britische Fußballmanagerin Karren Brady. In die Fußstapfen von Margaret Mountford als Sidekick von Boss Lord Sugar zu treten ist kein so leichter Job. Die allseits beliebte Weggefährtin von Lord Sugar hatte nach fünften Staffel Apprentice verlassen, um sich auf ihre universitäre Karriere zu konzentrieren. Brady nun, bereits einmal als Kandidation in der Benefiz-Version „Comic Relief Does The Apprentice“ dabei gewesen, ist Herausforderungen gewohnt: Bereits mit 23 war sie Managerin des Birmingham City Football Clubs.

Jung sind auch die Kandidaten dieser Apprentice Staffel. Und nicht sonderlich authentisch, schreibt die britische Presse. Natürlich haben sie die anderen Staffeln gesehen und kennen die berühmten Kandidaten. Nun scheint es, als wollen sie sich so verhalten, wie die großen Vorbilder:

„As do the teenagers – especially the boys, who have been squeezed into shiny new suits to make them look more entrepreneurial. They all sound as if they are trying to act like the apprentices they’ve seen on TV, rather than be themselves“, schreibt der Guardian heute.

„“I’m ruthless in business. If somebody is there that I don’t need in my company – they’re gone. It’s as simple as that“, erzählt der Ire Jordan De Courcy gleich zu Beginn. Mit 12 habe er seine Internetfirma gegründet, verkauft seitdem Elektronik im Netz. Doch im Verlauf der Episode wirkt er zunehmend unsicherer, muss am Ende schließlich gehen. Die Jungs hatten verloren. Käse im Wert von 500 britischen Pfund waren sie nur mit Verlust losgeworden, Jordan als Teamleiter ist verantwortlich. As simple as that.

Irritationen gibt es zunächst auch bei den Mädchen, die zu Beginn der Episode – gerade ins Kandidatenhaus eingezogen – zum Smalltalk ansetzen. „My mom and dad bought me shares for my tenth birthday. ‚You want to own a bit of a chocolate factory?‘ They bought me shares in Cadbury“, erzählt Kirsty Cleaver, die noch aussieht wie ein Kind. „‚Ohhh ’shares‘. I thought you said ’shoes'“, entgegnet Zoe Plummer, die deutlich älter aussieht und über deren Verkaufskünste Nick Hewer später sagen wird, dass sie für eine 16Jährige beeindruckend seien.

„I think appearance is very important in business. No one wants to deal with an ugly person , really“, sagt Zoe später. Die britische Presse greift das Zitat dankbar auf. Fernsehunerfahrene und Kulturkritiker mögen von einer Show, die rücksichtsloses Unternehmertum zu propagieren scheint und dafür jetzt sogar Teenager bemüht, getriggert werden. Doch bewahrt sich auch Junior Apprentice durch den gewohnt ironischen, wenn auch affirmativen, Blick, der auch in diesen Zitaten deutlich wird, eine gewisse Distanz zur reinen systemstabilisierenden Verherrlichung des entfesselten Kapitalismus.

Zwar bringt Zoes Dominanz schließich sogar Teamchefin Hibah Ansary (Mitte) zu einem Tränenausbruch, doch als Belohnung versöhnt am Abend ein Restaurantbesuch bei Tom Aiken, einem der jüngsten Sterneköche Englands.

Das Verliererteam hingegen diskutiert die Niederlagen im tristen Bridge End Café. „Wind is my least favourite weather type“, sagt Tim Ankers später zur Entschuldigung der Teamniederlage im Boardroom. Eine seltsame Begründung. Doch diesmal hat sie ihm den Kopf gerettet. Der Boardroom selbst wirkte deutlich unspannender als sonst. Zum einen ist Lord Sugar zu den Teenagern natürlich nicht so fies wie gewohnt. Aber auch das Unterhaltungspotenzial der Rechtfertigungsversuche von Jugendlichen für Fehler, die nicht so ungewöhnlich für Jugendliche sind (ganz im Gegenteil zu Businessprofis) fällt deutlich ab.

Junior Apprentice war ursprünglich für den Januar geplant, wurde aber wegen der Wahlen verschoben. Lord Sugar war Teil des Teams von Wahlverlierer Gordon Brown. Zur Begrüßung seiner Kandidaten hatte Lord Sugar am Beginn der Sendung gesagt: „You see, I have a passion for helping young people to succeed, because ultimatly it’s up to your generation to rescue and revitalize the country. So no pressure then, right?“

Offizielle Website von Junior Apprentice

Mehr Apprentice auf tvundso.com

Roundup | Weiter sind: Cyril Krueger, Kerstin Freking, Jennifer Braun, Leon Taylor, Christian Durstewitz, Katrin Walter, Lena Meyer-Landsrut, Sharyhan Osman. Raus sind: Meri Voskanian, Maria-Lisa Straßburg

„Es geht einen Tick zu sehr um Musik und die Teilnehmer werden zu wenig gedemütigt“, sagte König Boris später am Abend bei TV Total scherzhaft über „Unser Star für Oslo„. Der deutsche Funrapper war neben Nena in der dritten Ausgabe der Casting Show Mitglied der wöchentlich wechselnden Jury. Als in der Woche zuvor zum zweiten Mal fünf von zehn Kandidaten für die dritte Show ausgewählt wurden, saßen Sarah Connar und Peter Maffay im Jurysessel. Wie immer war die Jury nicht unbedingt das Highlight der Show. Doch Stefan Raab als Jurychef bemüht sich inzwischen für etwas Lockerheit zu sorgen.

Sessel wie gesagt. Ein Pult wie in anderen Casting-Shows gibt es hier ja nicht. Das soll wohl die Barriere zwischen fiesen Juroren und Kandidaten auflösen. Nena rümpfte überhaupt die Nase darüber, großartige Bewertungen abgeben zu müssen, ähnlich wie Marius Müller Westernhagen in der ersten Show. Ganz auf die Publicity und darauf später die neueste Platte bei TV Total in die Kamera halten zu können, wollte die ewig junge Schmuserockerin aber nicht verzichten.

Vom Alter her optisch kaum unterscheidbar aber in realen Erdenjahren doch wenigstens eine Generation entfernt, waren die zehn Kandidaten, die in der aktuellen Show auftraten und von denen acht übrig bleiben sollten. Meri Voskanian, die schon in vielen Casting Shows, darunter DSDS und der armenische Eurovision Vorentscheid (oder so), ausgeschieden ist und die gesundheitlich angeschlagene Maria Lisa Straßburg sollten zu den anderen beiden gehören. Gleichwohl – darüber, in der zweiten Runde bei „Unser Star für Oslo“ auszuscheiden ist immernoch weniger beschämend als bei DSDS zu gewinnen. Um genau zu sein: eigentlich gar nicht.

Während ich mich die ganze Show über fragte, ob nicht DSDS-Kandidat und Shootingstar Menowin plötzlich auftauchen wird, um „99 Luftballons“ mit seiner Kinderstimme zu singen (Die durchaus nette und funktionierende „vom Knacki zum Schmusebär“-Storyline wäre sicher nach Nenas Geschmack), lieferte Kandidatin Sharyhan Osman einen beeindruckenden Beweis für die musikalische Überlegenheit des Raab-Formats. Sie sang einen beeindruckenden selbstgeschriebenen Song, der gefühlt 1000 Mal besser klang als alle Songs, die Dieter Bohlen jemals für einen DSDS-Gewinner geschrieben hat, zusammen. Auch Publikums-Favoritin Lena, die vier Schultage hintereinander Abitur-Klausuren geschrieben hatte („Das ist aber das Leben eines Schülers, das erlebe nicht nur ich“), konnte wieder einmal mit einem unbekannten Song überzeugen. Als Fundgrube für unbekannte aktuelle Musikperlen könnte die 18-Jährige locker ein Spex-Abo ersetzen.

Auch Katrin Walter („Warwick Avenue“), Kerstin Frecking („Not Ready To Make Nice“) oder Jennifer Braun („Like The Way I Do“) waren musikalisch besser als viele der Kandidaten, die sich am Wochenende bei DSDS mit deutlich leichteren Melodien herumquälten und in dem einem oder anderen Fall auch komplett versagten. Gleichzeitig stehen aber auch die Kandidaten von „Unser Star für Oslo“ dem Wiedererkennungswert eines Menowin, eines „Checkers“ oder dem mit dem Hut aus DSDS in nichts nach. Hatte ich am Anfang noch zahlreiche Kandidaten bei „Unser Star für Oslo“ als langweilig bezeichnet, so ist inzwischen das Gegenteil der Fall: „Jetzt wo man alle schon kennt, macht die Show auch gleich mehr Spaß!“, kommentierte ich auf Twitter.

Und tatsächlich: es macht inzwischen tatsächlich Spaß, sich die Auftritte der verbleibenden Kandidaten anzuschauen, auch wenn man nicht Musik studiert oder den ganzen Tag im Probekeller rumhängt. Nicht wenige waren am heutigen Abend der Meinung: Können wir nicht alle nach Oslo schicken!? Schon jetzt freue ich mich auf die Auftritte der verbliebenen Acht. Auch Moderator Obdenhövel kommt langsam in Normalform. Als König Boris einen Künstler aus seiner aktuellen Playlist mit den Worten „Kennt ihr wahrscheinlich nicht“ kommentierte, antwortete Obdenhövel in etwa „Stimmt, aber Lena wirds nächste Woche singen“. Darüber hinaus ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch Radiofrau Sabine Heinrich bis zum Finale in fünf Shows noch in der Rolle einer TV-Moderatorin ankommen wird.

Wer auch immer am Ende nach Oslo fährt, wird wohl erstmals im deutschen Publikum nicht nur mehr daumendrückende Fans als Kritiker haben, sondern seit gefühlten Jahrzehnten überhaupt Fans. Das hat „Unser Star für Oslo“ nämlich bereits jetzt schon geleistet: Was auch immer in Oslo passiert, Schadenfreude über das deutsche Versagen wird es diesmal nicht geben. Und ganz nebenbei hat „Unser Star für Oslo“ auch noch etwas bewiesen was eigentlich der Titel einer ganz anderen Show sein solle: „Germany’s Got Talent!

Alle Videos der Show auf der offiziellen Website: Unser Star für Oslo

Alle Texte zu „Unser Star für Oslo“ hier bei tvundso.com

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Hat ers mal wieder geschafft? Stefan Raab zeigt wie „Eurovison Song Contest“ und „Casting Show“ funktionieren.

Über 24 Stunden sind vergangen seit der ersten Ausgabe von „Unser Star für Oslo“ bei dem ARD und ProSieben gemeinsam nach einem deutschen Teilnehmer für den Eurovision Song Contest suchen. Das Urteil der Kritiker fällt nicht eindeutig aus, quantitativ überwiegen die wohlwollenden Kritiken. „Die nationale Aufgabe“ und das in Deutschland ungewohnt hohe Niveau der Casting-Show hatte die meisten Kritiker offensichtlich beeindruckt. Dabei ist es ein bisschen so, als würde man in einer Kritik über Mineralwasser begeistert feststellen, dass es so schön durchsichtig ist, und nicht so dunkel wie diese klebrige Cola. Doch dass „Unser Star für Oslo“ kein Trash wie DSDS ist, musste man den meisten Lesern offensichtlich erstmal sagen.

Gelobt wurde vor allem Stefan Raab als Mastermind hinter „Unser Star für Oslo“ und die junge Lena, die am Ende der ersten Show das Publikum begeisterte. Kritik gabs hingegen für die viel zu unkritische Jury (inklusive Raab), die bemüht war, ja niemandem weh zu tun, allen voran Marius Müller Westernhagen. Darüber, ob die erste Ausgabe von „Unser Star für Oslo“ nun wohltuende Abwechslung und niveauvolle Unterhaltung war oder doch zu ernst, bieder und langweilig, ist kein eindeutiges Urteil auszumachen. Bei manchen Kritikern hatte ich den Eindruck, dass sie – ähnlich der gestrigen Jury – sich noch um ein klares Urteil drückten. Verissen hat die Show einzig die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das andere Ende der Fahnenstange markiert die Süddeutsche: hier war man völlig hin und weg.

Hier also ein paar Ausschnitte aus den Fernsehkritiken des vergangenen Tages:

Peer Schader | Spiegel Online

„Fast pedantisch arbeitete sich die Jury an kleinen Schwächen ab, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, zu großzügig Lob auszuteilen. Vor allem Müller-Westernhagen wirkte dabei so kleinkariert und besserwisserisch, dass man ihm vom Sofa aus gern mal zugerufen hätte, dass es doch auch darum geht, ein bisschen Spaß zu haben.“

„Etwas weniger Musikschulenatmosphäre wäre auch in Ordnung gewesen.“

„Das Schönste aber war, dass Raab sein Versprechen eingehalten hat, ausschließlich Leute auf die Bühne zu lassen, die wirklich singen können, und ernst mit ihnen umzugehen.“

Peter-Philipp Schmitt | FAZ

„Lena sang am Ende eines Abends, der viel zu gemächlich dahin plätscherte. Wer sich auf ein Spektakel gefreut hatte, mit Demütigungen, Beleidigungen, Anfeindungen oder doch wenigstens mit ein wenig Glamour, wurde enttäuscht.“

„Raab hatte ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und musikalische Stilrichtungen versprochen. Doch so ganz anders waren die Zehn und ihre Lieder letztlich nicht.“

„Westernhagen war nichts wichtiger, als keinem der Kandidaten mit seiner Kritik zu Nahe zu treten.“

Anne Wiegel | Der Westen

„Eine kleine Oase tat sich an diesem Dienstagabend auf, als 1Live-Moderatorin Sabine Heinrich mit ‚Schlag den Raab‘-Gastgeber Matthias Opdenhövel auf die Bühne trabte (…)“

„und die ewigen Abgrenzungsversuche zu DSDS nervten mitunter gewaltig“

„Doch es wurde gesungen, nur gesungen, es wurde kritisiert, nicht beleidigt, es gab Musik zu hören, keine Sozialdramen – geht doch!“

Christian Pohl | Die Welt

„Der Dank dafür gebührt vor allem einem: Stefan Raab. Dem kann man sicher vieles vorwerfen, nicht aber, dass er sich nicht besonnen und mit vollem Einsatz um die Rettung des Grand Prix bemühen würde.“

„Die Jury geriert sich nicht als Scharfrichter hinter ausladendem Pult, die von oben herab ihr einzig richtiges Urteil über unwürdige Bittsteller fällen, sondern sitzt in drei Sesseln und behandelt die Kandidaten mit Respekt wie freundliche Förderer.“

„Eben weil es bei Raab anders läuft als in anderen Casting-Shows, stehen hier andere Persönlichkeiten auf der Bühne als bei DSDS. Reifer, überlegter und mit echter Leidenschaft für die Musik.“

Hans Hoff | Süddeutsche

„Es war dies auch ein Signal, dass in dieser Show so manches möglich ist, dass in Deutschland mehr Musikalität steckt als bisherige Wettbewerbe zu zeigen wagten.“

„Zu verdanken ist das eindeutig Stefan Raab, der sich mit ganzer Kraft in die Sache geworfen hat, der dafür gesorgt hat, dass sich begabte Kandidaten bei ihm aufgehoben und nicht veräppelt fühlen.“

„Die 27-jährige Katrin, die mit Nobody Knows von Pink bei der Sache war, wirkte wie vom Himmel gefallen und provozierte die Frage, wo sie denn wohl in Zeiten der tagtäglichen Popstar-Auslese so lange gesteckt haben mag.“

Ingo Scheel | Stern

„unspektakulär, an der Grenze zum Schnarchigen“

„Solide Moderatoren mit niedrigem Stotterfaktor“

„Es wirkte zunächst hüftsteif, entpuppte sich mit Fortlauf der Sendung jedoch als wohltuende Alternative zu all den pöbelnden Bohlens, den überdrehten Soosts und heulenden Darnells.“

„Wer den Applaus und die Reaktionen am Abend in Köln gehört hat, vermag sich mit ein wenig Phantasie vorstellen, dass Lena es bis nach Oslo schaffen könnte.“

Thomas Lückerath | DWDL

„Man könnte aber auch sagen: Es war eine Wohltat, weil reduziert auf das, was bei einem ernsthaften Wettbewerb von Bedeutung ist. Es war einfach nettes Fernsehen. Das ist nicht spektakulär oder schlagzeilenträchtig – aber muss es ja auch (noch) nicht sein.“

„Ja, an Kuschelkurs mangelte es nicht am Dienstagabend in Köln-Mülheim. Und an langen aber leider nicht eindeutigen oder gar knackigen Jury-Statements auch nicht.“

Michael Reufsteck | Fernsehlexikon

„Dass sie so unspektakulär ist, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es sich wirklich um einen ernst gemeinten Musikerwettstreit handelt. Und so viele verschiedene Varianten gibt es nicht, einen solchen zu veranstalten. Da singen halt nacheinander Menschen Lieder vor, und später bestimmen die Fernsehzuschauer per Telefonabstimmung, wer in die nächste Runde kommt.“

„aber im Gegensatz zu anderen Castingshows kann man das, was ich gerade ‚Musik‘ genannt habe, bei Unser Star für Oslo tatsächlich ohne Gewissensbisse als solche bezeichnen.“

Alle Artikel zu “Unser Star für Oslo” hier bei tvundso.com

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Bester deutscher Schauspieler: Iris Berben überreicht Matthias Schweighöfer seine Goldene Kamera.

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Danny DeVito und Richard Gere mit ihren Frauen (jeder jeweils eine) bei der Goldenen Kamera in Berlin.

Mehr Fotos von der Goldenen Kamera 2010.

Am Samstag abend wurde in Berlin die Goldene Kamera verliehen. Der TV- und Film-Preis der TV-Zeitschrift „Hörzu“ (Springer) ging 2010 zum 45. Mal unter den wohlwollenden Augen von Friede Springer, Kai Diekmann, Mathias Döpfner und zahlreichen Prominenten oder solchen, die es mal waren, an deutsche und internationale Preisträger.

Und das sind sie (via goldenekamera.de):

  • Beste deutsche Schauspielerin: Senta Berger (Laudatio: Iris Berben, Robert Stadlober)
  • Bester deutscher Schauspieler: Matthias Schweighöfer (Laudatio: Iris Berben, Robert Stadlober)
  • Beste Schauspielerin International: Diane Kruger (Laudatio: Karl Lagerfeld)
  • Beste Musik International: David Garrett (Laudatio: Olli Dittrich)
  • Beste Information: „abenteuer wissen“ (Laudatio: Frank Schätzing)
  • Bester deutscher Film: „Entführt“ (Laudatio: Dr. Dieter Wedel)
  • Nachwuchspreis: Maria Kwiatkowsky (Laudatio: Cordula Stratmann)
  • Beste Musik National: Die Fantastischen Vier (Laudatio: Dieter Thomas Heck)
  • Lebenswerk: Joachim Fuchsberger (Laudatio: Desirée Nosbusch, Harry Belafonte)
  • Beste Fernsehunterhaltung: „Das Supertalent“, RTL (Laudatio: Paul Potts)
  • Bester Schauspieler International: Richard Gere (Laudatio: Diane Kruger)
  • Lebenswerk Musik International: Simply Red (Laudatio: Thomas Anders)
  • Lebenswerk International: Danny DeVito (Laudatio: Michael Douglas)

Anhand der Preisträger sieht man schon: es handelt sich um einen „Publikumspreis“ (insofern, als dass er sich nach dem Geschmack des Publikums richtet,  es gibt aber eine Jury), der gleichzeitig aber – und das unterscheidet ihn etwa vom Deutschen Fernsehpreis 2008 (inzwischen ist der ja auch wieder besser geworden) – sich eigentlich kaum Schwächen oder Tiefpunkte leistet, wohl aber Kuriositäten wie Dieter Thomas Heck als Laudator oder gar Thomas Anders.

Video: Danny DeVito erhält die Goldene Kamera für sein Lebenswerk:

Teil 2 des Videos

Was es sonst noch so zu sagen gibt oder gab, dokumentiert dieser Einblick in meine Tweets während der Preisverleihung:

@TVundso

Ein themenfremder Beitrag hat sich reingeschlichen, und da das Screenshots sind, kann man da natürlich nichts anklicken! Hier ist der Link zum Thema Danny DeVito/ It’s Always Sunny in Philadelphia: http://tinyurl.com/ykwvkfq, und Cordula Strotmann heißt natürlich Cordula Stratmann.

Zu loben wäre vielleicht die Regie/Produktion der Sendung – ich glaube der Film zum Supertalent, bevor dass seinen Preis bekam war flotter und aufregender als das Supertalent selbst, und dass die Regie immer sehr passende Promigesichter zu dem, was gerade erzählt wurde, einblendete (im ironischen Sinn), fiel ebenfalls mehrmals auf.

Auf der anderen Seite: Dass Danny DeVito bei einem Gag falsch übersetzt wurde, dass ausgerechnet auf dem vermeintlichen Rentnersender ZDF sich jede Menge alte Leute treffen, um sich gegenseitig Preise zu verleihen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen und Springer trotz allem Streit in letzter Zeit zusammen eine solide Sendung produzieren. Es war schon in vieler Hinsicht ein Abend voller seltsamer Symbole aus Sicht der Fernseh- und Medienkritik.

Und als Marco Schreyl dann, als er sich für den Preis fürs Supertalent bedankte, auch noch RTL-Chefin Anke Schäferkordt lobte (tolle Chefin), dachte ich mir: Naja, fürs Aufregen ist es jetzt eh zu spät. Und: Wenigstens habe ich nicht DSDS geschaut. Dass Harry Belafonte, Michael Douglas und Danny DeVito allesamt sehr gut gelaunt und entspannt in einer Show zusammen kamen, war eine gute Alternative. Wobei ich mir die Drei eher als Besetzung einer Celebrity Big Brother Staffel wünsche würde. Im Gegensatz zur Goldenen Kamera wäre dass dann aber wirklich etwas würdelos.

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Die kanadische Comedy-Gruppe „Kids in the Hall“ verewigt sich 2008 auf dem kanadischen „Walk of Fame“. Im Januar 2010 kehren sie mit „Death Comes to Town“ auf die kanadischen TV-Schirme zurück.

Mit „Death Comes to Town„, einer comichaften, dunklen Sitcom, meldet sich die kanadische Komiker-Truppe „Kids in the Hall“ nach mehr als 15 Jahren mit einer neuen Show auf den kanadischen Fernsehschirmen zurück. Ihre gleichnamige erste TV Serie lief 1988/89 bis 1994/95 ebenfalls auf CBC und in den USA auf HBO, außerdem in Argentinien. In Deutschland lief die Serie mal auf Premiere. Die offizielle Website der Comedians besteht bis heute nahezu ausschließlich aus Werbung für die DVDs dieser uralten Serie. Kanada eben…*.

So hinterwäldlerisch wie ihre Website kommt auch das fiktive Örtchen Shuckton in Ontario daher, dass sich ironischer Weise um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2028 beworben hat. Zeitgleich mit der Absage an diesen großen Plan trifft auch der Tod in der verschlafenen Stadt ein. Bürgermeister Larry Bowmann wird dahin gemetzelt. Wer ist der Möder?

Die Komiker von „Kids in the Hall“ übernehmen in der düsteren Comedy jeweils direkt mehrere Rollen, darunter, wie das so üblich ist, beide Geschlechter, was kaum auffällt. Die Website twitchfilm.net bestätigt in ihrem Review – die Komikertruppe ist immernoch gut in Form (Hervorhebungen von mir):

„The worry with a show like this, with the principals so long removed from their glory days, is that it will not live up to the memories of what made the group special the first time.  But the absence here has not hurt a bit.  The Kids have not lost a step and, if anything, the shift in format has brought a new punch to their work, allowing them to work characters and develop gags over an extended period.  This is absolutely prime stuff.“

Tatsächlich ist „Death Comes to Town“ eine dieser überzogenen, respektlosen, mal bunten, dann wieder dunklen Comedies, wie sie auch sonst die Briten gerne machen und mögen. Wer zuletzt „Psychoville“ (BBC2) gerne gesehen hat, wird wahrscheinlich auch mit „Death Comes to Town“ seinen Spaß haben.

*die offizielle Website von „Death Comes to Town“ ist hingegen ganz hübsch.

Death Comes to Town – Trailer:

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Cate und Lux: Mutter und Tochter in „Life Unexpected“

„You and me walk on, walk on, walk on, ‚cause you can’t go back now“, heißt es in dem gleichnamigen Song „Can’t Go Back Now“ von „The Weepies„. Er schließt die Pilotepisode der neuen Feelgood-Serie „Life Unexpected“ ab, die nach dem Ende von „Privileged“ endlich wieder ein (auch quotentechnischer) Lichtblick ist, auf dem sonst von meist erfolglosen Hochglanz-Lifestyle-Serien und erfolgreicherer Fantasy-Durchschnittskost dominiertem Network The CW, mit denen sich auch ProSieben ohne großen Aufwand diverse Sendeplätze füllt (Gossip Girl, 90210, Vampire Diaries, Supernatural).

Mit dem unaufdringlich, einfühlsamem Song der Weepies haben sich die Produzenten einen unter vielen passenden Songs ausgesucht, der die Handlung der ersten Episode begleitet. Auch inhaltlich, denn zurück gehts für Radiomoderatorin Cate Cassidy (Shiri Appleby) und Kneipenbesitzer Nate Bazile (Kristoffer Polaha) nicht mehr. Als sie selbst noch Teenager waren, hatten sie eine Affäre, und deren Ergebnis, die 15jährige Lux (Brittany Robertson), steht nun plötzlich vor der Tür und ein neues Leben beginnt – für alle. Mit im Boot sitzt, neben zwei eher füllenden Sidekicks von Nate, noch der potenzielle Ehemann von Cate und Co-Moderator Ryan, der von Kerr Smith gespielt wird, den wir als Jack aus Dawsons Creek kennen.

Smith selber vergleicht „Life Unexpected“ auch mit dem großen „Dawsons Creek„, dass ähnlich wie vorher „The Wonder Years“ oder heute „How I Met Your Mother“ einer ganzen Zuschauer-Generation „Soundtrack“ ihres Lebens war. Dass „Life Unexpected“ derart große Fußstapfen ausfüllen kann, darf schonmal bezweifelt werden. Für mich kommt es nach der ersten Episode nichtmal an „Privilged“ ran, und das obwohl tv.com es als „Unexpectedly Charming“ bezeichnet. Ich persönlich würde eher von „solide“ reden.

US Kritikerin Maureen Ryan fährt noch ein ein paar weitere große Namen auf, „Life Unexpected“ erinnere sie an „Gilmore Girls“ und „Everwood„. Und weiter: „Yes, ‚Life‘ does feature a fair amount of hugging, and its sheer adorableness threatens to overwhelm the proceedings at times. But this is a show with a sweet, earnest, witty heart, and to not give it a chance would be like kicking a puppy. In the face.“

Eine Chance kann man „Life Unexpected“ als Serienfan, der schon länger auf eine neue warmherzige, charmante Serie wartet, durchaus geben. Aber man sollte sich nicht zuviel erhoffen. In der Dreierbeziehung zwischen den „neuen“, richtigen Eltern von Lux auf der einen, und Ryan als quasi Stiefvater auf der anderen Seite, ist schonmal eine gefährlich altmodische Storyline, ein Hin- und Her der Mutter angelegt, auch wenn man die erste Episode als Absage an genau diese altbekannte Storyline verstehen kann, wenn man will. Aber eben auch als das Gegenteil.

Neumodisch hingegen und mehr als durchschnittlich ist der oben bereits verlinkte Internetauftritt von „Life Unexpected“ der sehr gut auf die Zielgruppe zugeschnitten ist. Viele der für die jungen Zuschauer produzierten TV-Serien, allen voran Glee, machen sinnvollen Gebrauch vom Internet. Egal ob Fangruppe auf Facebook, ein Forum, eine praktische Twitter-Übersicht oder dieses Widget, von dem ich allerdings nicht weiß, was man damit tolles machen soll…

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Nachtrag: Wie man wahrscheinlich sieht, funktioniert es nicht mehr. Irgendwie peinlich.

… im Internet ist „The CW“ und auch „Life Unexpected“ gut aufgestellt, oder auch nicht. Es fehlt eigentlich nur noch eine Möglichkeit die Musik aus der Sendung zu kaufen (oder in diesem Widgetdings abzuspielen), und damit kommen wir mal zurück zur Serie: Popmelodien, so weich wie das Fell eines Kätzchens, begleiten passend jede Gefühlregung, jede Storywendung in dieser äußerst ereignisreichen ersten Episode, die fast schon wie ein kurzer Film daher kommt. Dazu sieht alles auch noch ganz ordentlich aus. Ob aus „Life Unexpected“ allerdings mehr wird, als eine Serie, die an andere, sehr gute Serien erinnert, muss sich erst noch zeigen.

Life Unexpected Trailer

Kerr Van Cleve SmithKerr

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„Frau Kamps muss erfahren, und das wird sie auch, dass ihre Person weniger wichtig ist, als die 30 Personen, die ihr gegenüber sitzen“ (Schulleiterin Greta Hoffmann)

Drei Prominente hat ZDFneo, der neue Jugendsender des ZDF – den bislang nur die wenigen Leute schauen, die von seiner Existenz wissen – an eine Gesamtschule in NRW (Gesamtschule im Rhein-Erft-Kreis) geschickt, damit sie dort die Schüler unterrichten. Die Prominenten, das sind: Heide Simonis, ehemals Ministerpräsidentin von Schleswig Holstein, Manuel Andrack, einst Redakteur bei der Harald Schmidt-Show und Moderatorin Gülcan Kamps, die beruflich das Image des Dummchens pflegt.

Hier mal schnell die Klassen, Fächer und Themen der drei Promi-Pauker im Überblick:

  • Heide Simonis: 6. Klasse, Kunst (Picasso), Arbeitslehre (Geld) und Sexualkunde
  • Manuel Andrack: 5. Klasse, Deutsch (Märchen), Arbeitslehre (Holzbau), Naturwissenschaften (Wirbeltiere)
  • Gülcan Kamps: 8. Klasse, Englisch (New York), Biologie (Wald), Gesellschaftlehre (Jugendkriminalität)

„Ich wär schon enttäuscht, wenn ich den Prominenten nicht so kenne. Dann habe ich mich zu früh gefreut“, erzählt Schüler Justin bevor die „unangenehme“ Überraschung dann eintritt: Heide Simonis wird seine Klasse unterrichten. Doch Heide Simonis kennt von den Schülern der 6. Klasse niemand. Dass sie ihren Namen mit winzig kleinen Buchstaben an die Tafel schreibt, hilft da auch nicht gerade weiter. Die vielen politischen Ämter der SPD-Politikerin: laaaaangweilig. Das etwas plötzliche „Schattenboxen“ zu dem Simonis als erstes mal animiert – zum Aufwachen – allerdings scheinen die Schüler, sagen wir mal: „komisch“ zu finden. „Der Justin hätte fast geheult“, erzählt eine Klassenkameradin den ZDF-Kameras. Weil Gülcan nicht gekommen ist.

Gülcan (Foto oben) nämlich ist in einer anderen Klasse, was wir allerdings erst in der kommenden Woche sehen werden. „Frau Kamps muss erfahren, und das wird sie auch, dass ihre Person weniger wichtig ist, als die 30 Personen die ihr gegenüber sitzen“, kündigt die Direktorin Greta Hoffmann allerdings direkt an. Frau Hoffmann nämlich, sie hat eine Haltung zu diesem ganzen Promi-Pauker-Projekt, wie sie betont: „Sollte ich der Meinung sein, das klappt nicht, dann beenden wir das ganze.“ Eine andere Lehrerin: „“Was ich höre so über Frau Kamps, interessiert mich nicht“ Um das Bild der Lehrer solle es gehen. Und das muss in der Öffentlichkeit richtig dargestellt werden. Bis hierhin ist das gelungen würde ich sagen.

Gülcan Kamps selber sieht die Sache so: „Ich kann mir gut vorstellen, dass mich da einige unterschätzen. Ach Gülcan, kann die überhaupt lesen, kannse schreiben, kannse rechnen. Ja, sie kanns.“ Als Gülcan dann mit einer Lehrerin erörtert, wie das Unterrichtsthema „Laubwald“ am besten angegangen wird, sorgt sie aber sogleich für Irritation: „Man kann ja auch in Zoo. Da sind ja auch Bäume!“

Solche Probleme hat Manueal Andrack erstmal nicht. „Ich hab den Eindruck, dass wir mit ihnen eher einen seriösen Promi bekommen haben“, sagt einer der beiden Lehrer, die Andrack betreuen werden zur Begrüßung. „Absolut“, antwortet Andrack. Dass er sich aber erstmal 60 Minuten lang der Klasse vorstellen soll, behagt dem Medienprofi nicht so. „Wer ist denn Fan vom 1. FC Köln?“, zieht er am Ende seinen Notjoker.

„Bei Manuel heißen erstmal alle ‚Du'“, stellt der Sprecher der Doku-Soap leicht süffisant fest, weil sich Andrack die Namen der Schüler nicht gemerkt oder erfragt hat. Diese Art erinnert – so wie die ganze Sendung – von der Machart an „Das Perfekte Dinner“, die eher hochwertige Doku-Soap von Vox. Auch die Promi-Pauker sind symphatisch, unaufgeregt, natürlich und am Rande auch noch informativ. Auch die Musikuntermalung ist anders als bei den Privaten: Keine Charthits und Popklassiker, sondern mehr Instrumentalstücke.

Schließlich muss ZDFneo, wenn sie eine Darstellungform wie eine Reality-Soap wählen, etwas anderes leisten, als die privaten Programmanbieter. Am Ende muss was bei rumkommen, eine Botschaft, eine Erkenntnis, irgendwas Sinnvolles. Was genau das ist oder sein soll, wurde zwar nicht besonders deutlich, aber der Blick in eine ganz normale deutsche Gesamtschule – die im Übrigen äußert modern und angenehm ausschaut – in den Schulalltag heutzutage, bei gleichzeitigem Verzicht auf Konflikt, Absurdität und Extreme – das ist schon mal ganz ok. Man ist um eine gewisse Seriösität bemüht, was auch dazu führt, dass die bislang ohnehin nur selten vorhandene Komik nicht künstlich aufgeblasen wird.

Ob die Promi-Pauker am Ende die Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks davon überzeugen werden, dass auch Darstellungsformen wie etwa hier die Promi-Doku-Soap zum Repertoire des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags gehören müssen? Wahrscheinlich nicht. Denn wenn es nach denen ginge, dürfte es vermutlich nur die Tagesschau geben – allerdings nicht auf dem iPhone. Auf der anderen Seite werden 6 Millionen standhafte DSDS-Zuschauer oder „Mitten im Leben“-Fans nicht plötzlich gefallen an Promi-Paukern finden. Dazu ist es viel zu unspektakulär. „Die Promi-Pauker sind genaugenommen Fernsehen für eine Zielgruppe, die es in Deutschland noch gar nicht richtig gibt. Aber genau dieses Fernsehen, nämlich verantwortungsvollere, authentischere, an der Normalität orientierte Reality-Formate muss es natürlich geben.

Die Promi-Pauker, donnerstags 19:30 Uhr, ZDFneo

ZDFneo: Interaktive Website zu „Die Promi-Pauker“

ZDF Mediathek: Folge 1 online anschauen (zeitlich begrenzt verfügbar)

Shit, sie haben Abby gekidnappt! (c) BBC

Achtung: Spoiler falls Staffel 1 noch nicht gesehen, sowohl in den Videos als auch im folgenden Text.

Videorückblick – Staffel 1:

Endlich ist Survivors wieder da. Und wie! Etwas länger als nötig hatte die BBC gewartet – vielleicht ja wegen der Schweinegrippe – um das 2008 gestartete, tolle Remake des Kult-Klassikers Survivors wieder auf die TV-Bildschirme zu bringen. Schon 1975 und auch noch mit etwas schwächeren weiteren Staffeln in den Folgejahren schickte die BBC das von Terry Nation erdachte Endzeitdrama in die Wohnzimmer begeisterter Scifi-Fans. 2008 überzeugte das zeitgemäße Remake viele TV-Fans.

Schöne HD-Optik, aktualsierte Charaktere (vor allem hinsichtlich ethnischer Herkunft), mehr Action, weniger Philosophie – das waren die Grundwerte der ersten neuen Staffel. Mit Staffel 2 scheinen die Macher die Schraube noch einmal hinsichtlich Mainstream anzuziehen – und das klappt überraschend gut. Nach vielen im Verlauf eher lahmen neuen US-Serien (FlashForward, V) ist Survivors tatsächlich eine überaus angenehme Abwechslung. Locker nimmt es die BBC-Produktion mit den US-Dramen der letzten Zeit auf. Unnötig eigentlich, dass im Verlauf der Episode heftig bei Lost (und FlashForward) geklaut wird. Ich weiß gar nicht mehr, ob das Flashback-Element, auf das ich anspiele, auch schon in der ersten Staffel benutzt wurde?

Greg, der den Flashback hat, ist schwer verwundet, Anya und Al werden verschüttet. Und unsere gute Abby, „Mutter“ aller Überlebenden, wurde von bösen Wissenschaftlern gekidnappt. Tja, wenn ihr nun nicht mehr wisst, wer wer war und überhaupt – so gings mir auch. Viel Zeit sich an die Charaktere und die Handlunsgbögen der ersten Staffel zu erinnern bleibt nicht, denn Survivors legt gleich ein ordentliches Tempo vor. Also: falls überhaupt schon geschehen, vielleicht nochmal schnell mit der letzten Folge von Staffel 1 auf den aktuellen Stand bringen. Denn Staffel 2 geht schließlich da weiter, wo Staffel 1 aufhörte, und das war ja mit einem fiesen Cliffhanger…

Gegenüber der mehr als soliden Produktion und schnellen Action bleiben Storytelling und Dialoge jedoch zurück. Damit geht das Remake genau in die andere entgegen gesetzte Richtung des Original, bei dem, soweit ich es verfolgt bzw. nachgeholt habe, irgendwann nur noch gemenschelt wurde. Wie in einer Seifenoper. Ähnlich klingt auch ein Satz aus der aktuellen Folge: „It’s not weak to ask for help, Tom“, sagt Sarah an einer Stelle, „Some people still care about eachother“. Ahja. Ich dachte, bei der Beschreibung des Charakters Tom Price seien wir schon ein Stück weiter, als nur, dass es ihm angeblich schwer falle, Hilfe anzunehmen. Aber vielleicht blieb bei der Aufspaltung des originalen Greg Preston – dem rauhen Beschützer – in den neuen Greg Preston und den überarbeiteten Tom Price nicht genug Charaktertiefgang für beide Figuren übrig. Auf der anderen Seite hat die BBC erst jünst mit „Paradox“ bewiesen, dass – wenn sie will – es auch noch viel schlechter geht.

Dass Survivors nicht gerade ein neues Highlight des Qualitätsfernsehens hinsichtlich ausgefeilter Charakter oder Storytiefe ist, habe ich deutlich gemacht – abgesehen davon bleibt es das derzeit vielleicht beste Mystery-Drama, welches überhaupt zur Auswahl steht. Und in einer ganz wichtigen Sache ist das Remake dem Original sogar eindeutig überlegen: Abby Grant ist noch dabei. Schauspielerin Carolyn Seymour, die die Original-Abby spielte stieg nach der ersten Staffel aus, ich glaube, weil sie sich mit den Produzenten nicht über die Fortführung der Story einigen konnte. 2010 ist Abby in noch dabei, Schauspielerin Julie Graham ging zum Glück nicht verloren. Anders als Greg und Tom ist ihre Abby Grant auch eine durchaus überzeugende Neuinterpretation. Die liegt derzeit allerdings gefesselt in einem Untersuchungslabor des fiesen Wissenschaftlers Whitaker. Wird Zeit, dass sie da jemand rausholt. Nächste Woche vielleicht auf BBC.

Hier der Trailer zu Staffel 2 (eventuell Spoiler):

Und noch mehr Survivors:

Survivors – Rezension zur ersten Staffel der Originalserie von 1975

Survivors – Kurzkritik zum Remake von 2008

Survivors bei Wikipedia

Survivors Fanblog

Survivors Website bei der BBC

Manchmal fühlt man sich als Freund von qualitativ hochwertigem Fernsehen ja irgendwie in der Unterzahl. Da würde man am liebsten das Land verlassen, was zumindest medial per DVD oder Internet ganz einfach geht. Passend dazu diese Szene aus der großartigen britischen Familien-Comedy „Outnumbered„, die manche Kritiker 2007 nicht lustig fanden, deren nur leicht idealisierte Fernsehfamilie aber viel Charme, Wärme, Humor und Optimismus versprüht. „Outnumbered“ ist in diesem Sinne das genaue Gegenteil von deutschem Fernsehen. Im vergangenen Jahr räumte „Outnumbered“ – völlig zurecht – bei den Britsh Comedy Awards ab.

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Ultrakommerziell, aber erfolgreich: die ehemalige X-Factor-Gewinnerin Leona Lewis ist längst ein ernstgenommener Popstar.

Der Erfolg ultrakommerzieller Mainstream Casting Show-Musik hat die angeblich alternative Pop- und Rock-Musik gestoppt; oder besser: deutlich gemacht, was wir unter „Alternative“ verstehen sollten. Eine Lobeshymne.

Kurz vor Weihnachten machte eine kleine Robin Hood-Geschichte die Runde im Internet: Die aus den 90er Jahren noch bekannte Metall-Combo „Rage Against the Machine“, die viele Blogger und Online-Journalisten vermutlich zu ihrem ersten Vollrausch hörten, war plötzlich Christmas-No.1 im britischen Musikmarkt. Mit der 17 Jahre alten Nummer „Killing in the name„. Die Weihnachtsnummer 1 in Großbritannien hat eine besondere symbolische Bedeutung. Und rebellische Internet-Robin Hoods hatten es über eine Facebook-Kampagne tatsächlich geschafft die alte Nummer zur Nummer 1 zu pushen, und somit dem bösen Platten-König Sony die Tour zu versauen, der normalerweise seit Jahren mit dem Gewinner der Casting-Show „The X Factor“ auf dem ersten Platz vertreten ist. Mehr dazu beim Independent und beim Guardian.

Dass aber auch „Rage Against the Machine“ bei Sony (Epic) unter Vertrag sind und mit der Aktion natürlich auch die Verkäufe von X Factor-Gewinner Joe McElderrys Single „The Climb“ (ein Miley Cyrus-Cover) gepusht wurden, wurde dabei irgendwie übersehen (siehe stern.de). Warum die Geschichte trotzdem so interessant ist, hat der popkulturjunkie ganz gut begründet: „Ein erstaunlicher Beweis dafür, wie Menschenmassen mit sozialen Netzwerken aktiviert werden können.“ Aber das nur am Rande, denn die Aktion verstellt den Blick auf eine bedeutend wichtigere Geschichte, da sie, zumindest Lesern, die sich nicht so mit Casting-Shows auskennen, das Gegenteil dessen impliziert, was derzeit passiert: Nämlich, das so ein Song aus dem Fernsehen recht locker aus den Charts zu verdrängen sei.

Das Gegenteil aber ist der Fall: 2009 dominierte Musik aus dem Fernsehen die Charts wie selten zuvor. „TV revives the Radio Star“ könnte man in Anlehnung an einen alten Song, bei dem es ums Gegenteil ging, sagen – das Fernsehen hat 2009 den klassischen Mainstream-Popact, wie er sich früher auf allen Radiowellen breitmachte, wiederbelebt. Komisch, ne. Denn eigentlich wäre das ja auch schon immer möglich gewesen, das Fernsehen ist ja nicht neu. Nur halt: Früher gabs keine Casting-Shows. Die wurden erst in den letzten 10 Jahren erfunden. Und früher gabs halt auch so Popstars, ohne Fernsehen. Die gingen dann ins Fernsehen, wurden maximal über Musikvideos im Fernsehen erst berühmt.

Aber natürlich spielte auch das Internet mal wieder eine Rolle. Schwer vorzustellen, dass ohne raubkopierte Inhalte wie den ersten Auftritt von Britain’s Got Talent-Runner Up Susan Boyle, der via Youtube millionenfach gesehen wurde, ihre weltweite Karriere möglich gewesen wäre. Inzwischen war oder ist ihr Album weltweit Nummer 1 gewesen, hat sich ebenfalls millionenfach verkauft.

Danach kam Europas erfolgreichste Casting Show „The X Factor„. Egal ob Vorjahres-Gewinnerin Alexandra Burke (auch folgend jeweils Youtube-Videos verlinkt), Super-Star Leona Lewis (Video illustriert sehr schön diesen Text), Jurorin Cheryl Cole, die gemeinsame Single der Finalkandidaten oder eben auch Joe McElderry, sie alle stürmten die britischen Charts, dominierten die oberen Positionen wochenlang. Dass Joe McElderry letztlich an Weihnachten nicht Nummer 1 war: lediglich ein Schönheitsfehler. Jetzt ist ers. Doch damit nicht genug: Auch ehemalige Radio Stars wie Whitney Houston, Robby Williams, Paul McCartney oder George Michael nutzen „The X Factor“ um ihre neuste Musik bekannt zu machen.Und über Pop Idol (American Idol) und die Karriere von Runner Up Adam Lambert haben wir noch gar nicht gesprochen…

Und auch mit fiktionalen Serien lies sich 2009 Musik verkaufen. Die Musical-Comedy Glee, über die ich schon öfter geschrieben habe, schaffte es mit ihrem Soundtrack ebenfalls in die Charts. „But the show, created by Nip/Tuck writer, Ryan Murphy, has caused just as much of a stir through its impact on the album and single charts. Glee has proved that there is a new way to make TV shows profitable and sell music“, schreibt der Guardian über „Glee“. Und dann gibt es noch Querverbindungen: Dass X Factor Gewinner McElderry ausgerechnet den alten Journey-Klassiker „Don’t Stop Believing“ so oft bei X Factor sang hat einen Grund: es war auch die erfolgreichste Single-Auskopplung aus „Glee“. Und war Journey wiederum nicht auch irgendwie einer der Radio Stars?

Nicht jedem gefällt diese Entwicklung: „Is The X Factor killing pop?„, fragte der Guardian in einem kritischen Artikel über den unglaublichen Charterfolg von „The X Factor“. Das Schlimme an der Sache: X Factor würde die Popmusik um Jahre zurückwerfen, schreibt der Guardian unter Bezug auf Musiker Sting und Musikexperte John Savage: „After the Beatles, you had the idea that people could write their own material and be in charge of their own destiny. What The X Factor does is return popular music to its pre-Beatles state.“

Ob diese vermeintliche Rückentwicklung der kommerziellen Pop-Musik wirklich ein Problem ist? Vielleicht. Aber auf der anderen Seite sollten wir nicht vergessen, dass über das Internet heutzutage jeder Musik sehr einfach publizieren kann. Über entsprechende Creative Commons-Lizenzen ist, wenn man es nicht auf die Kohle abgesehen hat, dem Willem zur Verbreitung von persönlichem Ausdruck und Kunst keine Grenze gesetzt. Das nenne ich mal wirklich „Independent“ oder „Alternative“. Die Radiosendung breitband (Deutschland Radio Kultur) bietet einen guten Einstieg in dieses Themenfeld.

Es gibt jetzt also offensichtlich einen neuen Dualismus zwischen ultrakommerzieller Casting-Show-Musik/Musik aus dem Fernsehen und einer sehr freien, absolut nicht kommerziellen CC-Musikszene. Beides, Casting-Shows und CC, gefällt mir persönlich sehr gut, denn beides ist ehrlich: beim ersten gehts um die Kohle, beim zweiten um die Kunst. Das ist die ganze Wahrheit: weil es eine Alternative gibt, die jedem kostengünstig zugänglich ist, ist die ultrakommerzielle Casting-Show-Musik legitim. Wozu braucht es da noch eine weitere kommerzielle Alternative? Wieso sollte es überhaupt andere kommerzielle Musik geben, als massentaugliche über Casting-Shows verbreitete Tunes?

Der Verlierer dieses Dualismus scheint die vermeintliche Independent-Musik, die letzten Endes dann doch wieder bei einem Major unter Vertrag steht. Wer heute Musik machen will, die ein bisschen anders klingt (weil, was viele gut finden, muss ja schlecht sein…), aber trotzdem Kohle verdienen will, der hat wegen Casting-Shows und Raubkopien keine Chance mehr. So ist das. Wer hätte das gedacht. Das wirft doch gleich einen ganz anderen Blick auf die Geschichte Joe McElderry vs. Rage Against The Machine.

Nachtrag: Ein jetzt (4. Februar 2010) erschienener Artikel bei BlackBook.com passt ganz gut, schon wegen dem Titel: Video Saves The Radio Star

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