Die gestrige, erste X Factor Liveshow dieses Jahres, sie war anders als wir sie noch aus den vergangenen Jahren kennen. Jedward waren erst der Anfang schrieb ich zu Beginn dieser Staffel, und ich hatte Recht. Das britische X Factor es schien zeitweise, als wäre RTL Unterhaltungschef Tom Sänger dafür verantwortlich gewesen, bunt, skurril, voller Diversity und verrückter Acts. Statt 12 waren diesmal 16 Kadidaten angetreten, vier hatten die Macher noch einmal zurüclgeholt, darunter die talentierte Treyc Cohen und den symphatischen Paije Richardson, der irgendwie an die Cosby Show erinnert – aber auch zwei Acts, die es eigentlich nichtmal bei Britain’s Got Talent so weit schaffen dürften: ein nerviges Tuntenduo und bezeichnender Weise jemandem mit einem deutschen Namen: Wagner, eine Art Karaokesänger. Doch auf der anderen Seite wartet X Factor in diesem Jahr mit einigen der beeindruckensten Kandidaten, die wir seit langem gesehen haben.

Aiden Grimshaw in der Kategorie Boys gehört sicherlich schon jetzt zu den heißesten Tipps für einen Finalplatz. Nicht nur scheint er alle positiven Eigenschaften der letztjährigen Finalisten Joe McElderry und Olly Murs zu vereinigen, er wirkt in all seiner fast schon klischeehaften Altmodischkeit seltsamerweise auch irgendwie sehr aktuell. Stimme und Ausstrahlung sind die eines Popstars. Der wird uns noch viel Freude bereiten und britischen Mädchen schlaflose Nächte.

Eine ziemliche Überraschung war der Auftritt der 50jährigen Supermarkt-Verkäuferin Mary Byrne, die auf mich wirkt wie eine Susan Boyle 2.0. Sie sieht besser aus, sie ist selbstbewusster und kann besser singen. Vom Publikum bekam sie jedenfalls begeisterten Applaus. Von all den „Misfits“ ist sie zudem auch die einzige, die dann doch in dieser Rolle in die Show passt, musikalisch sich nicht hinter den Favoriten verstecken braucht.

Supergespannt gewartet hatte ich natürlich auf Cher Lloyd, von der ich am liebsten schon jetzt eine Platte kaufen würde. Nach ihrer Schwäche im Judges House meldete sich der kommende Popstar mit einer von Mentorin Cheryl Cole gut ausgesuchten Nummer zurück. Ich mag auch die connection die zwischen beiden seit der Audition besteht und offensichtlich weiter forciert wird. Aber auch bei diesem ersten Auftritt waren, wie einst bei Diana Vickers, die gesanglichen Schwächen von Lloyd zu hören. Ihre Stimme reicht zum Popstar, aber vermutlich nicht um ausreichend Stimmen bei X Factor zu sammeln, nach aufregenden Performances werden wir uns im letzten Drittel der Show von ihr verabschiden müssen, denke ich – bis zur ersten Platte.

Auf Nummer sicher ging meine persönliche Favoritin auf den Gewinn dieser Staffel, Rebecca Ferguson, die neben den 15 anderen Acts wenig im Gedächtnis blieb, aber wieder einmal bewies, wieviel Potenzial in ihr steckt. Vermutlich wird die zurückhaltende Sängerin auch eine Weile unter dem Radar durchfliegen, um letztlich ähnlich wie Alexandra Burke 2008 ganz weit oben aufzutauchen. Anders als Kandidaten wie Cher Lloyd, Storm Lee oder Katie Waissel ist sie noch nicht auf irgendein Image festgelegt. Sie ist erstmal nur eine herausragende Sängerin. Dazu ist es auch noch zu früh.

Apropos Katie Waissel: sie war sicherlich, aber irgendwie auch erwartungsgemäß die größte Enttäuschung des Abends. Es ist traurig, dass deutlich bessere weibliche Kandidaten wegen ihr nicht in die Liveshows kamen. Waissel ist zwar ein überaus interessanter Charakter und hat hier auch ein irres Outfit verpasst bekommen, aber mit einer solchen Leistung wird es ganz schwer werden.

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Schwerer hat es auch, allerdings zu unrecht, Storm Lee. Simon Cowell mag ihn nicht, und Mentor Louis Walsh machte aus dem Schotten igrndeine Art Rockoper-Queen, um die herum sich die X Factor Bühnenbildner und Choreografen ein weiteres mal austoben durften. Irgendwie schienen die ohnehin auf Speed gewesen zu sein. In jedem Fall: so eine riesige Spielwiese für Kreativität, wie sie X Factor an diesem Wochenende bot, muss man auch im Fernsehen erstmal finden. Geschwindigkeit war übrigens auch das Motiv dieser ersten Show aus Misfits und Popstars. Nur die wie immer langweiligen Jurystatements unterbrachen den pace der Show, die wieder einmal ein Stück schneller geworden ist.

X Factor spielt also weiter oben mit, erfindet sich neu, bleibt beim Alten. Die nächsten Monate dürfte es schwer werden in den britischen Medien um den wichtigsten Musikwettbewerb der Welt herumzukommen. Der Höhepunkt ist noch lange nicht erreicht.