Bei den Zuschauern wird es noch eine Weile dauern, bis sie X Factor Deutschland als das wahrnehmen, zu dem es sich wahrscheinlich entwickeln wird: der besten deutschen Casting Show. Nur 2,19 Millionen Deutsche sahen den Auftakt gestern auf RTL. DSDS sehen drei Mal so viele, das britische X Factor hat in der Spitze fast die 10fache Zuschauerzahl. Andererseits: auch „Unser Star für Oslo“ startete verhalten, überrannte dann aber schließlich mit Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest.

Das Uteil Kritiker allerdings, es fällt ebenso positiv aus, wie meine gestrige Kritik hier auf tvundso.com. Das fast einstimmige Urteil: Jury und Kandidaten sind top, es wird aber zuviel geheult. Die Sendung trägt noch zusehr die Handschrift von DSDS und Supertalent, bei dem wahlweise die Schicksale triefen oder unbedarfte Kandidaten lächerlich gemacht werden. Hier also meine kleine Presseschau zu X Factor aus den professionellen Online-Medien:

Absolut großartig ist die Kritik von Christian Buß bei Spiegel Online, die zu den kritischeren Tönen unter den ernstzunehmenden Medien gehört, hier könnte man fast jeden Satz zitieren. Buß konzenztriert sich vor allem auf Jurystar Sarah Connor, um die herum die erste Ausgabe und die Vorab-Promotion vor allem aufgebaut war:

„Keine Frage, auch Sarah Connor hat den Handy-Werbespot genau studiert und mit ihrer Visagistin eingeübt, wie man die Emotionen triefen lässt, ohne das Make-up zu versauen. (…) Ja, sie ist die perfekte Castingshow-Jurorin.

[…]

Kaum war am Freitag der erste der insgesamt 19.000 Bewerber auf der Bühne, da stand der Delmenhorsterin auch schon pittoresk das Wasser in den Augen

[…]

Eigentlich wollte Connor von dieser Art Homestory-Klatsch ja weg, doch durch ihre tränenfeucht vorgetragenen Gunstbezeugungen für die „X Factor“-Kandidaten ist sie näher bei dem alten Hochglanz-Trash, als sie denkt: Sarah in Love, schon wieder.

[…]

Bei der Ego-Performance der Jurorin konnte man dann glatt übersehen, wie großartig einige der Bewerber tatsächlich waren.

[…]

So gesehen reiht sich „X Factor“ trotz pädagogischen Konzepts und hervorragender Hobbysänger nahtlos ein ins Casting-Elend. Man agiert hier wie im Rest des deutschen Talentshowlands: verheult, egomanisch, verlogen.“

Antje Hildebrandts Kritik bei Welt Online fällt fast schon begeistert aus. Der Welt-Kritikerin gefällt vor allem die musikalische Qualität der Sendung, sie rückt die Talentsuche gar in die Nähe von Raabs hochgelobten Oslostar:

„Die gefühlte Wow-Wahrscheinlichkeit, sie lag deutlich über 90 Prozent. Und das war auch gut so.“

[…]

Wer hätte nach einer Dekade Popoversohlen bei den „Popstars“ (ProSieben) und Deppen-Roulette bei „DSDS“ (RTL) gedacht, dass eine Castingshow wieder das zutage fördert, was Castingshows eigentlich zutage fördern sollen, nämlich Talente?

[…]

„X-Factor“ setzt dort an, wo Stefan Raab mit „Unser Star für Oslo“ aufgehört hat. Die Show, produziert von der „DSDS“-erfahrenen Firma Grundy Light Entertainment, ist mehr als nur ein ambitioniertes Ringelpietz mit Anfassen im Dienste der Nachwuchsförderung. Sie besitzt jenen gewissen Glamour, den man in Raabs Talentschuppen vergeblich suchte.“

Gleichzeitig kritisiert Hildebrandt aber auch die bei Schicksalsstories, die RTL um einige der Kandidaten gestrickt hatte:

„Hatte die Show solche Szenen nötig? Nein. Sie konterkarierten sogar den Anspruch des Formats. Doch offenbar verließ den „DSDS“-erprobten Produzenten in letzter Minute der Mut, auf bewährte Stilmittel zu verzichten.“

Und Carin Pawlak vom Focus fast zusammen:

„X Factor hebt sich aus den üblichen Auswahlgockelschauen heraus. Es ist zum einen die positive Grundstimmung. Keine hammerturbogeilblöden Sprüche wie bei Bohlen. Kein tumbes Moderatoren-Geschreyl. Und kein aufreizendes Unterschichten-Personal wie sonst, sondern wirkliche Talente.“

Auch das britische Original musste sich im vergangenen Jahr einer vergleichbaren Kritik aussetzen, als sie zum Auftakt der Show zunächst ebenfalls auf die Tränendrüse drückte. Ich hatte das damals hier auf dem Blog zusammengefasst: Freaks und Tränen. Der britische Moderator Dermot O’Leary sagte damals:

„I find the sob stories quite awkward, so it’s great that we don’t really have them this year. At the end of the day, it’s a singing contest.“

Die verhältnismäßig schlechten Quoten für eine hochwertigere und international erfolgreiche Casting Show bei RTL sind hausgemacht. Jahreland hat der Sender sein Stammpublikum auf Trash trainiert. Da offensichtlich der Plan, die auf eben Freaks und Tränen konditionierten DSDS- und Supertalent-Zuschauer für X Factor zu werben nicht aufgeht, ist zu hoffen, dass man bei der Ausstrahlung auf Vox ganz auf diesen Quatsch verzichten wird und sich auf die Stärken der Show konzentriert: Ihre hervorragende Jury, Dynamik, ihren Glanz und vor allem: ihre Talente.


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