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Kleines Fräulein, große Wirkung: Sentimentale Verbindung der Europäer.

Die Massenmedien als Opium fürs Volk werden in der Postdemokratie, auf die wir zugehen und vor allem in Krisenzeiten immer wichtiger, etwa um Revolutionen vorzubeugen. Britain’s Got Talent und X Factor brachten die Briten 2009 durch die Krise. Nun ist es die 19jährige Lena die Deutschland und Europa für den Moment wieder versöhnt. Ein Stück über die Propaganda in der Mediengesellschaft.

Als Lena Meyer-Landrut, die eigentlich nur noch Lena heißt, um die Herkunft aus einer Diplomatenfamilie abzustreifen, gestern Abend kurz nach 00 Uhr zur Siegerin des Eurovision Song-Contest (Artikel: Wir sind Lena) wurde, saßen 20,45 Millionen Deutsche vor den TV Geräten. Eine Einschaltquote für eine Unterhaltungssendung, die man aus den primitiven Produktionen von RTL, etwa DSDS, gar nicht und ansonsten nur aus Großbritannien kennt. Als die Briten im letzten Jahr von der Wirtschaftskrise so hart wie kaum ein anderes Land getroffen wurden, erzielten das britische Supertalent (Britain’s Got Talent) und Europas erfolgreichste Casting-Show „The X Factor“ ebenfalls Quoten von bis zu 20 Millionen in der Spitze.

Stabilisierung und Eskapismus

Die Flucht in ein alle Menschen verbindendes mediales Ereignisse, der Eskapismus in die Popkultur – er ist ein wichtiger Faktor zur Stabilisierung des kriselnden Kapitalismus und in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkter Regierungen. Gordon Brown halfen Susan Boyle (Britain’s Got Talent, über 20 Millionen Zuschauer), Lord Sugar (Apprentice, 10 Millionen) oder Joe McElderry (X Factor, 16 Millionen) zwar wenig, und auch Angela Merkel wird persönlich nicht viel von Lena profitieren – aber: sie beruhigt die Massen. Ihre gelassene Art mit dem Medienrummel umzugehen, ihr unverkrampftes Verhältnis zur ihrem Heimatland, ihr manchmal unschuldiges, manchmal freches Selbstbewusstsein, es hat die Deutschen und die Europäer ein Stückchen näher zusammengebracht.

Narkotikum und Stimulanz

Als Deutschland 1942 in den Wirren des zweiten Weltkriegs war gab es im Deutschlandsender die sogenannte Weihnachtsringsendung. Aus Köln rief der Sender damals 30 Nebenstellen an, Soldaten, Offiziere an den verschiedenen Fronten, an denen sich die Deutschen befanden. Das für die damalige Zeit eindrucksvolle Medienevent erzielte seine propgandistische Wirkung durch seine Unmittelbarkeit und seinen Livecharakter, erklärt das Deutschlandradio 1997 in einer Dokumentation (oben verlinkt).

Ein ähnliches Event, dass diesmal nicht der Motivation der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg, sondern einem humanerem Ziel: dem Zusammenhalt in der ersten großen Krise Europas dienen soll, hatten sich die Strategen der europäischen Rundfunkanstalten ausgedacht, einen Flashmob:

„Als Narkotikum und Stimulanz um die millitärischen Rückschläge vor allem bei Stalingrad zu erdulden, dazu diente die Weihnachtsringsendung des Deutschlandsenders. Auf Anordnung von Propagandaminister Joseph Goebbels wurde so zwischen den Soldaten an der Front, den Rundfunkanstalten und den Hörern zu Hause eine sentimentale Verbindung inszeniert, ein Menetekel aus Faszination und subtiler Gewalt.“ (Deutschlandradio)

Auch der Flashmob der Eurovision Song Contest-Macher hat es auf die sentimentale Verbindung zwischen den den Fans in Oslo, mit denen er einleitet, denen in europäischen Städten auf  Straßen und Plätzen und jenen 120 Millionen in den Wohnzimmern abgesehen. Genau wie bei der Weihnachtsringsendung ist nicht klar, wieviel von dem Geschehen wirklich live ist und wieviel vorab aufgenommen wurde.

System der Selbstberuhigung

Die großen Massenmedien schreiben diese Idee von der neuen Einigkeit Europas mit ihren Mitteln fort, nachdem sie wochenlang die Krise beschworen, auf die Griechen geschimpft und die Rückkehr der D-Mark diskutieren wollten:

„An diesem Abend in Olso ging es nicht um Rettungsschirme, Milliardenbürgschaften, Euroskepsis und Inflationsängste. Deutschland hat Europa einfach mal etwas geschenkt. Und Europa hat sich mit vielen ‚douze points‘ und ‚twelve points‘ bedankt.“ (FAZ)

Gideo Rachmann, ein Blogger der Financial Times, der uns von außen beobachtet hat, spürte sie auch, die Entspannung die Lenas Seg dem Deutsch-Europäischen Verhältnis schenkte:

„Many of these criticisms strike me as unfair – and also, rather unwise, given that they are often accompanied by a demand for the Germans to stand ready to write another large cheque.

But the deterioration in relations has left the Germans feeling distinctly unloved. You can sense the relief at Lena’s victory in the headlines in the German papers. Today’s Bild am Sonntag, shouted – ‚Europe Does Like Us.'“

Screenshot: bild.de

Der Onlineableger der auflagenstarken Springer-Zeitung überbietet sich heute schon den ganzen Tag mit Schlagzeilen, die einerseits die deutsche Seele trösten („Wir sind jetzt Schwarz Rot Lena“), andererseits nun auch plötzlich europäische Gemeinsamkeit in den Fordergrund stellen.Und im Fernsehen läuft eine Sondersendung nach der anderen.

Das interessante daran: Anders als in faschistischen Gesellschaften funktioniert die Propaganda nicht als Mittel der Herrschenden, sondern aus der Gesellschaft selbst heraus. Es ist offensichtlich, dass viel mehr Deutsche bereits europäisch denken und fühlen wollen, als man bei der Bild anfangs wohl dachte. Die neue Einigkeit Europas, sie ist vor allem eben auch eine in Deutschland gefühlte. In der ausländischen Presse habe ich kaum etwas über Lena lesen können.

Es ist, als hätten wir ein System der Selbstberuhigung geschaffen, dass inzwischen in der Lage ist entsprechende Götzen zu produzieren.