Google Bus. Foto: bradleypjohnson

In der vergangenen Woche startete Google den Dienst Buzz, der auf den ersten Blick aussieht wie Friendfeed, also ein Strom aus Statusmeldungen von verschiedenen sozialen Diensten im Netz:

Screenshot Google Buzz (Achtung: 4,7 MB)

(Beispiel: so sieht z.B. meine Liste bei Google Buzz aus, da es sich bei allen um öffentliche Beiträge handelt, gehe ich davon aus, dass es niemanden der dort zu sehenden stört, dass ich das so poste)

Auf den ersten Blick fällt ins Auge: es wird sehr viel kommentiert, dazu später mehr. Ich habe den Dienst inzwischen ausführlich ausprobiert und es macht nicht den Eindruck auf mich, als würde Google mit Buzz das Internet revolutionieren. Viele aus sozialen Netzwerken bekannte Meinungsführer oder Profis im Umgang mit dem Netz habe ich dort zudem noch nicht aktiv vorgefunden. Während die typischen Alles-Mitmacher schon da und überaus aktiv sind, hält sich der Rest noch zurück.

„Missverständnisse“ bei Datenschutz und Privatsphäre

Das hat vielleicht auch mit folgendem Paradox zu tun: Obwohl bekannt ist, dass Google seinen Maildienst, sowie das Verhalten seiner Nutzer ausführlichst analysiert, (angeblich) etwa um relevante Werbung einblenden zu können (Mail) oder die Suchergebnisse zu verbessern (Webprotokoll), nutzen viele Kommunikationsprofis den Freemail-Dienst wohl dennoch ausführlich für private oder geschäftliche Kommunikation (!?).  Als allerdings bekannt (besser: von Dritten erklärt) wurde, dass die als Empfehlung gedachten Follower-Listen von Google auf Basis eben solcher Analysen (häufiger Kontakt) erstellt wurden, reagierten die Kommunikations- und Internetprofis geschockt: Plötzlich durfte keiner mehr sehen, dass man mit den Leuten, denen man auf Twitter folgt, mit denen man auf dem eigenen Blog diskutiert oder mit denen man sich bei Facebook vernetzt hat, auch im Mailkontakt steht! Viele machten ihre Lese- und Mitleser-Listen bei Google Buzz daher unsichtbar. Folge: es ist schwer Personen bei Buzz zu finden, denen man folgen will. Inzwischen hat Google das Problem allerdings abgestellt.

Dabei ist allerdings die Selbstverständlichkeit mit der Google aus privaten Daten öffentliche Listen generierte tatsächlich ein ziemlicher Lapsus – die bigotte Art, in der manche Web-Experten (nicht der unter „geschockt“ verlinkte), die bis hin zur Komplettüberwachung via Foursquare/Gowalla sonst keinerlei Privatsphäre kennen, auf die relativ banale Angelegenheit reagierten kam mir persönlich allerdings irgendwie bizarr vor. Gleichwohl: ich habe das Paradox an dieser Stelle selbst schon aufgelöst. Abgesehen davon: bezüglich der angeblichen Allmacht Googles ist die Diskussionen eigentlich schon viel weiter.

Da Google Buzz zunächst mit Google Mail verbunden ist und sich also erstmal auf die bisherigen Mailkontakte stützt, haben bisher viele Nutzer (und auch Google selbst) den Dienst offensichtlich erstmal als eine Art private, kleine oder abgeschlossene Kommunikationsform missverstanden. Tatsächlich ist Google Buzz aber genau wie ein Blog oder Twitter kein privater Kommunikationsdienst, sondern eine öffentliche Diskussionsplattform.

Google Buzz als Diskussionsplattform

Diskussionsplattform: das trifft es zunächst einmal am besten. Es ist die Stärke und Schwäche von Google Buzz zugleich. Als es los ging, fanden in den Kommtarbereichen derjenigen, die direkt viele Follower hatten, so wie Markus Angermeier, mehr oder wenige sinnlose Diskussionen voller Wortspiele, Ironie und eben typischem Internethumor statt (daher auch die Illustration dieses Blogbeitrags). Neben der ausführlichen Diskussionen zur Zukunft und Wechselwirkung von Buzz, Twitter und anderen Diensten hat sich das bislang auch nicht geändert.

Google Buzz erscheint also zunächst einmal wie ein gut gelauntes Heise-Forum, in dem es möglich ist die redundanten IT-Diskussionen zu verfolgen ohne 500 Mal irgendwo auf verästelte Baumstrukturen zu klicken. Im Grunde ist Google Buzz in diesem Sinne eine Zurückentwicklung desjenigen Teils des Internets, in dem kommuniziert wird: Es ist wirr und überfüllt wie in einem großen Forum, wo kein Mensch mit normalen Zeitbudget mehr irgendwelchen Diskussionen folgen kann. Eine Art 4chan ohne Bilder. Es sieht aus wie 1995 und es geht praktisch erstmal nur um IT.

Gleichzeitig finden die Diskussionen hauptsächlich bei wenigen Personen statt: Zumeist denen, die auch sonst überall im Internet bekannt sind und sowieso überall mitmachen. Die sorgen mit nahezu beliebigen Stichworten oder Fragen für einen Schwall von Kommentaren. Inhalt und Qualität spielen dabei wie in Urzeiten des Webs kaum eine Rolle, wohl aber zählt neben mitreden wollen auch der Nutzwert, dass heißt Hilfe und Ratschläge wie in Zeiten des Usenet stehen erstmal im Vordergrund. Was wirklich zählt ist die Aufmerksamkeit. Gleichwohl: natürlich gibt es auch Gegenbeispiele: US Journalist Jeff Jarvis zum Beispiel.

Hier ist bereits eine Art Brainstorm-Funktion von Buzz zu erkennen. Jarvis stellt ein Thema oder einen Gedanken zur Diskussion, es entspinnt sich eine fachliche Diskussion. Möglicherweise können Meinungsführer, die genug Anhänger haben, welche sich freuen, wenn das Idol mit ihnen spricht (schreibt), hier mit einem öffentlichen Notizblog Mehrwert generieren. Dass Nutzer ohne Gegenleistung und klar erkennbare Motivation in dieser Form gerne Idee liefern und Recherchen, sagen mir mal vorsichtig: ergänzen und kollaborieren ist inzwischen aus zahlreichen Beispielen bekannt. Diese Crowdsourcing-Funktion könnte Buzz für Meinungsführer oder auch Broadcastmedien zu einem zentralen Tool im Netz machen.

Twitter-Spam bei Google Buzz

Neben vielen anderen technischen Problemen ist Twitter derzeit das größte Problem von Google Buzz. Ich habe die Verbindung zu Buzz inzwischen wieder getrennt, viele lassen aber ihre Twitter Nachrichten bei Buzz einlaufen. Dadurch, dass Google Buzz Twitter offensichtlich nur alle paar Stunden abruft (wurde das schon geändert?) kommt es erstens dazu, dass plötzlich dutzende Tweets wie Spam aus dem Nichts auftauchen und es zweitens zu völlig überflüßigen und unnützen Informationen bei Buzz kommt, wie in diesem Fall.

Obwohl bei diesem Account ausschließlich zeitversetzte Twitter-Meldungen automatisiert einlaufen und der Autor auch auf keinen der Kommentare antwortete, hat er 150 Mitleser. Das liegt einerseits daran, das ein Teil von ihnen vermutlich automatisch Mitleser wurde, spricht auf der anderen Seite aber auch eine klare Sprache gegen die Qualität und Sinnhaftigkeit von Buzz für Normalnutzer. Wenn ihr oben auf „Jeff Jarvis“ geklickt habt, dann habt ihr vielleicht auch gemerkt, dass die ganzen Tweets von ihm bei Buzz stören. Es ist damit zu rechnen, dass aus diesem Grunde, Tweets bei Buzz auch nicht diskutiert werden und daher nicht um einen Mehrwert durch ihr Erscheinen bei Buzz bereichert werden.

Wozu also Buzz?

Das also sind meine ersten und kritischen Anmerkung zu Buzz, zu seinen Nutzern und zu seiner Nutzung. Google Buzz wird meiner ersten Einschätzung nach weder Twitter noch Friendfeed oder einen anderen Dienst ersetzen. Dazu scheint es in der Praxis langfristig zuviel Lärm, Banalität und Redundanz zu produzieren (man denke an die zigfache Einbindung empfohlener Google Reader Artikel). Twitter liegt sowohl bei der Echtzeit-Kommunikation, etwa beim weltweiten Kommentieren von (TV)-Events via #Hashtag, und auch als Linkverteiler (via Listen und/oder Rivva Social) aus meiner Sicht deutlich vorne. Ich gehe davon aus, dass diverse Nutzer, die professionell mit dem Internet arbeiten dies ebenso sehen werden. Letzten Ende verschwendet Buzz derzeit erstmal nur Zeit.

Nichts allerdings spricht jedoch dagegen, einen Gedanken, eine Idee, einen Eindruck einfach mal zu buzzen. Vielleicht ergibt sich daraus später ein Blogartikel oder etwas anderes. Buzz ist für mich also ein öffentliches Notizbuch mit Brainstorming-Funktion. Es besteht allerdings die Gefahr, dass in der Praxis schlichtweg die Leute fehlen, die in diesem speziellen Fall: mir dabei helfen wollen. Gehe ich in ein klassiches Forum (z.B. ein TV Forum) und stelle dort eine Frage oder einen Gedanken zu Diskussion, erhalte ich als Mitglied des Long Tail in der Aufmerksamkeitsökonomie des Web 2.0 weitaus mehr Feedback als auf allen neuen sozialen Internetdiensten.

Mein Google Buzz

Mehr zur Informationsfilterung im Web 2.0:

Rivva Social: Erste Erfahrungen mit dem Informationsfilter

Twitter Listen: Was sie nutzen und wie sie Twitter verändern werden.

Weitere Meinungen und Analysen zu Google Buzz:

Google Buzz: Die beste aller Welten, nur ohne Social Graph (Matthias Schenk, Carta)

Wieso Google Buzz einen Traumstart hingelegt hat (Martin Weigert, netzwertig)

Google Buzz: Das MS Office für das Social Web? (Andreas Göldi, netzwertig)

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