Die von RTL ausgetrahlte sogenannte Castingshow „DSDS“ (Deutschland sucht den Superstar) ist in ihrer mittlerweile siebten Staffel, die an diesem Mittwoch startete, eigentlich nur noch mit einem Wort, das auch gut zur neuen Niveaulosigkeit des Senders passt, zu beschreiben: beschissen.

Beginnen sollten wir diese Auseinandersetzung aber mit etwas Erfreulichem: dem Erfolg des (in Deutschland und auch allgemein nicht wirklich) konkurriendem Formats „The X Factor„. Um zu verstehen, wie schlechtes Fernsehen DSDS ist, muss man wissen, wie gut „The X Factor“ ist. X Factor konnte in Großbritannien in den vergangenen beiden Jahren seine Einschaltquoten deutlich steigern. Die Einschaltquoten haben sich seit der ersten Staffel mehr als verdoppelt. Dass Leona Lewis, die wir oben im Video sehen, der bislang einzige Weltstar ist, der aus der dritten Staffel der Show hervorging, wird möglicherweise so nicht bleiben: denn „The X Factor“ expandiert nach Amerika, wie bereits im Dezember bekannt wurde.

Zwar hat Fox angekündigt American Idol auch ohne Simon Cowell fortzusetzen und drei weitere Staffeln bestellt, doch dürfte klar sein, dass X Factor die Zukunft ist. Simon Cowell und sein Geschäftspartner Sir Philipp Green (Top Shop) wollen um „The X Factor“ herum offensichtlich ein weltweites Spektakel aufbauen: „Er glaubt, dass er Millionen Menschen überzeugen kann, bei einer weltweiten Version seiner Show ‚The X Factor‘ einzuschalten, indem er sie nach Las Vegas verlegt und sie im Internet ausstrahlt.“ Dieses Geschäftsmodell ist besonders symphatisch, da Simon Cowell nicht einfach auf die bösen Internetraubkopierer schimpft, die seine Show einfach illegal sehen, sondern statt dessen direkt ein Geschäft daraus macht. Verbunden mit der Zuspitzung auf eine Person und der vollen Kontrolle, die er, Cowell, über sein Produkt hat, kann man sagen: Simon Cowell ist der Steve Jobs der TV Branche. Machtbesessen, Vordenker, Kapitalist. So wie iTunes und iPod die Musikbranche verändert haben, so wird Simon Cowell die Casting-Shows verändern.

Größenwahnsinn, der war schon immer die Stärke von „The X Factor“. Das zeigt auch das Video von Leona Lewis, welches aus dem Finale der 2009er Staffel „The X Factor“ stammt. Lewis, der bislang größte X Factor-Star, steht erhöht auf einem Podest, von Schweinwerfern beleuchtet, auch farblich herausgehoben von dem ansonsten grauen Hintergrund. Auf Leinwänden werden Momente aus der vergangenen Staffel eingeblendet, während Leona Lewis „Crying Your Heart Out“ singt. Der Auftritt hat Größe, nicht zuletzt, weil die auch früher schon herausstechende Lewis inzwischen zu einem modernen Popstar von Format gereift ist. Der erste echte Edelstein aus Simon Cowells Diamantenmine.

Noch mehr gibt es zu sagen über diese viereinhalb Minuten Fernsehen: Im Bühnenbild, in jeder Einstellung, jeder Kamerafahrt, in jedem Lichtstrahl den die Beleuchter auf die Bühne, auf den Star, den sie einst geboren haben, schicken, in all diesen Dingen merkt man: die Leute, die da arbeiten, sie sind nicht nur Profis, vielleicht die besten Fernsehmacher der Welt, sie scheinen auch stolz darauf zu sein, welche Welt sie da gerade schaffen. Eine Welt, in die Millionen Menschen fliehen wollen. Man merkt, mit welchem Engagement und welcher Liebe zur Sache auch die kalkuliertesten Projektionen für Emotionen produziert werden. Das, liebe Leute, ist Fernsehen.

Zurück zu RTL und DSDS: In der heutigen ersten Episode sind die Macher allen Ernstes auf die Idee gekommen, einen Kandidaten darüber zu definieren, dass sich auf seiner Hose möglicherweise ein frischer Urinfleck befindet. Es könnte eventuell auch Sperma oder sonstige Flüßigkeit körperlicher Erregung sein. Zeit darüber zu spekulieren, ließen die Macher genug. Wie verachtenswert, schädlich diese Art von Fernsehen ist, darüber haben Medienkritiker schon geschrieben, doch RTL stellt sich bislang stur.

Wahrscheinlich wird der angebliche Moderator Marco Schreyl auch in diesem Jahr wieder auf die Einschaltquoten verweisen und sich über die Feuilletonisten lustig machen. Oder man wird auf die besseren Sachen bei RTL zeigen: Event Filme vielleicht, die Fußball WM, die eine oder andere gelungene Reportage, die letzten eigenen Serien. Die Wahrheit aber ist: RTL hat das deutsche TV Publikum längst auf zynisches, Menschen verachtendes Fernsehen konditioniert. Publikum und Macher sind quasi gefangen, in einem bislang noch funktionierendem Kreislauf aus Bequemlichkeit, Frustration, Zynismus und Alternativlosigkeit.

Doch wer sich in den TV Foren (oder halt Blogs wie hier) einmal umschaut, der wird sehen: Simon Cowells internationale X Factor Kunden sind schon da. Es sind diejenigen, die die Schnauze voll haben, von der erbärmlichen Mittelmäßigkeit, die uns RTL, Grundy Light und andere nicht nur bei DSDS vorsetzen, sondern auch beim Supertalent, Mitten im Leben oder gescripteten Doku-Soaps. Gerne möchte man den RTL-Verantwortlichen sagen, wie armseelig es ist, sich auf diese Art und Weise im Wirtschaftssystem eine goldene Nase zu verdienen, wie sehr sich die Macher schämen müssten. Doch das würde niemand Ernst nehmen: vermutlich kommen RTL-Chefin Anke Schäferkordt und ihre dressierten Produktionsaffen nachts vor Lachen über die Anspruchslosigkeit der eigenen Zuschauer kaum in den Schlaf.

Was wir übrigens von der deutschen Version von X Factor (neben Vox droht auch hier die Mitarbeit von Grundy und RTL) erwarten dürfen, darüber habe ich hier auf dem Blog schon geschrieben. Auch Peer Schader hat ein paar kritische Anmerkungen auf seinem Blog gemacht.

Doch wie singt Leona Lewis gleich in ihrem Song „Crying Your Heart Out“?

When all of the stars were faded away,
Just try not to worry,
You’ll see us some day.
Just take what you need,
And be on your way,
And stop crying your heart out.

In diesem Sinne: All das Meckern über das schlechte Programm von RTL ist vergebene Liebesmüh. Freuen wir uns lieber auf eine kommende internationale Version von „The X Factor“.  Ich glaube übrigens nichtmal, dass dann sowas wie eine „Zwei Klassen TV-Gesellschaft“ entsteht: also die Anspruchsvolleren schauen X Factor, die Dummen schauen DSDS. Ich denke, sobald die Leute merken, wie gut so eine Casting-Show eigentlich sein kann, wie bewegend, wie bombastisch, dann werden sie sich wundern, ihre TV-Zeit jemals für so einen Quark wie DSDS verschwendet zu haben.

War Ihnen dieser Text noch nicht genug „Klugscheißerei“, dann lesen Sie auch…

…wie ich den (von mir „erfundenen“) Dualismus zwischen ultrakommerzieller Casting-Show-Musik und Creativ Commons-Musik erkläre.