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Ultrakommerziell, aber erfolgreich: die ehemalige X-Factor-Gewinnerin Leona Lewis ist längst ein ernstgenommener Popstar.

Der Erfolg ultrakommerzieller Mainstream Casting Show-Musik hat die angeblich alternative Pop- und Rock-Musik gestoppt; oder besser: deutlich gemacht, was wir unter „Alternative“ verstehen sollten. Eine Lobeshymne.

Kurz vor Weihnachten machte eine kleine Robin Hood-Geschichte die Runde im Internet: Die aus den 90er Jahren noch bekannte Metall-Combo „Rage Against the Machine“, die viele Blogger und Online-Journalisten vermutlich zu ihrem ersten Vollrausch hörten, war plötzlich Christmas-No.1 im britischen Musikmarkt. Mit der 17 Jahre alten Nummer „Killing in the name„. Die Weihnachtsnummer 1 in Großbritannien hat eine besondere symbolische Bedeutung. Und rebellische Internet-Robin Hoods hatten es über eine Facebook-Kampagne tatsächlich geschafft die alte Nummer zur Nummer 1 zu pushen, und somit dem bösen Platten-König Sony die Tour zu versauen, der normalerweise seit Jahren mit dem Gewinner der Casting-Show „The X Factor“ auf dem ersten Platz vertreten ist. Mehr dazu beim Independent und beim Guardian.

Dass aber auch „Rage Against the Machine“ bei Sony (Epic) unter Vertrag sind und mit der Aktion natürlich auch die Verkäufe von X Factor-Gewinner Joe McElderrys Single „The Climb“ (ein Miley Cyrus-Cover) gepusht wurden, wurde dabei irgendwie übersehen (siehe stern.de). Warum die Geschichte trotzdem so interessant ist, hat der popkulturjunkie ganz gut begründet: „Ein erstaunlicher Beweis dafür, wie Menschenmassen mit sozialen Netzwerken aktiviert werden können.“ Aber das nur am Rande, denn die Aktion verstellt den Blick auf eine bedeutend wichtigere Geschichte, da sie, zumindest Lesern, die sich nicht so mit Casting-Shows auskennen, das Gegenteil dessen impliziert, was derzeit passiert: Nämlich, das so ein Song aus dem Fernsehen recht locker aus den Charts zu verdrängen sei.

Das Gegenteil aber ist der Fall: 2009 dominierte Musik aus dem Fernsehen die Charts wie selten zuvor. „TV revives the Radio Star“ könnte man in Anlehnung an einen alten Song, bei dem es ums Gegenteil ging, sagen – das Fernsehen hat 2009 den klassischen Mainstream-Popact, wie er sich früher auf allen Radiowellen breitmachte, wiederbelebt. Komisch, ne. Denn eigentlich wäre das ja auch schon immer möglich gewesen, das Fernsehen ist ja nicht neu. Nur halt: Früher gabs keine Casting-Shows. Die wurden erst in den letzten 10 Jahren erfunden. Und früher gabs halt auch so Popstars, ohne Fernsehen. Die gingen dann ins Fernsehen, wurden maximal über Musikvideos im Fernsehen erst berühmt.

Aber natürlich spielte auch das Internet mal wieder eine Rolle. Schwer vorzustellen, dass ohne raubkopierte Inhalte wie den ersten Auftritt von Britain’s Got Talent-Runner Up Susan Boyle, der via Youtube millionenfach gesehen wurde, ihre weltweite Karriere möglich gewesen wäre. Inzwischen war oder ist ihr Album weltweit Nummer 1 gewesen, hat sich ebenfalls millionenfach verkauft.

Danach kam Europas erfolgreichste Casting Show „The X Factor„. Egal ob Vorjahres-Gewinnerin Alexandra Burke (auch folgend jeweils Youtube-Videos verlinkt), Super-Star Leona Lewis (Video illustriert sehr schön diesen Text), Jurorin Cheryl Cole, die gemeinsame Single der Finalkandidaten oder eben auch Joe McElderry, sie alle stürmten die britischen Charts, dominierten die oberen Positionen wochenlang. Dass Joe McElderry letztlich an Weihnachten nicht Nummer 1 war: lediglich ein Schönheitsfehler. Jetzt ist ers. Doch damit nicht genug: Auch ehemalige Radio Stars wie Whitney Houston, Robby Williams, Paul McCartney oder George Michael nutzen „The X Factor“ um ihre neuste Musik bekannt zu machen.Und über Pop Idol (American Idol) und die Karriere von Runner Up Adam Lambert haben wir noch gar nicht gesprochen…

Und auch mit fiktionalen Serien lies sich 2009 Musik verkaufen. Die Musical-Comedy Glee, über die ich schon öfter geschrieben habe, schaffte es mit ihrem Soundtrack ebenfalls in die Charts. „But the show, created by Nip/Tuck writer, Ryan Murphy, has caused just as much of a stir through its impact on the album and single charts. Glee has proved that there is a new way to make TV shows profitable and sell music“, schreibt der Guardian über „Glee“. Und dann gibt es noch Querverbindungen: Dass X Factor Gewinner McElderry ausgerechnet den alten Journey-Klassiker „Don’t Stop Believing“ so oft bei X Factor sang hat einen Grund: es war auch die erfolgreichste Single-Auskopplung aus „Glee“. Und war Journey wiederum nicht auch irgendwie einer der Radio Stars?

Nicht jedem gefällt diese Entwicklung: „Is The X Factor killing pop?„, fragte der Guardian in einem kritischen Artikel über den unglaublichen Charterfolg von „The X Factor“. Das Schlimme an der Sache: X Factor würde die Popmusik um Jahre zurückwerfen, schreibt der Guardian unter Bezug auf Musiker Sting und Musikexperte John Savage: „After the Beatles, you had the idea that people could write their own material and be in charge of their own destiny. What The X Factor does is return popular music to its pre-Beatles state.“

Ob diese vermeintliche Rückentwicklung der kommerziellen Pop-Musik wirklich ein Problem ist? Vielleicht. Aber auf der anderen Seite sollten wir nicht vergessen, dass über das Internet heutzutage jeder Musik sehr einfach publizieren kann. Über entsprechende Creative Commons-Lizenzen ist, wenn man es nicht auf die Kohle abgesehen hat, dem Willem zur Verbreitung von persönlichem Ausdruck und Kunst keine Grenze gesetzt. Das nenne ich mal wirklich „Independent“ oder „Alternative“. Die Radiosendung breitband (Deutschland Radio Kultur) bietet einen guten Einstieg in dieses Themenfeld.

Es gibt jetzt also offensichtlich einen neuen Dualismus zwischen ultrakommerzieller Casting-Show-Musik/Musik aus dem Fernsehen und einer sehr freien, absolut nicht kommerziellen CC-Musikszene. Beides, Casting-Shows und CC, gefällt mir persönlich sehr gut, denn beides ist ehrlich: beim ersten gehts um die Kohle, beim zweiten um die Kunst. Das ist die ganze Wahrheit: weil es eine Alternative gibt, die jedem kostengünstig zugänglich ist, ist die ultrakommerzielle Casting-Show-Musik legitim. Wozu braucht es da noch eine weitere kommerzielle Alternative? Wieso sollte es überhaupt andere kommerzielle Musik geben, als massentaugliche über Casting-Shows verbreitete Tunes?

Der Verlierer dieses Dualismus scheint die vermeintliche Independent-Musik, die letzten Endes dann doch wieder bei einem Major unter Vertrag steht. Wer heute Musik machen will, die ein bisschen anders klingt (weil, was viele gut finden, muss ja schlecht sein…), aber trotzdem Kohle verdienen will, der hat wegen Casting-Shows und Raubkopien keine Chance mehr. So ist das. Wer hätte das gedacht. Das wirft doch gleich einen ganz anderen Blick auf die Geschichte Joe McElderry vs. Rage Against The Machine.

Nachtrag: Ein jetzt (4. Februar 2010) erschienener Artikel bei BlackBook.com passt ganz gut, schon wegen dem Titel: Video Saves The Radio Star

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