oder: 10 Texte zu Internet, Onlinejournalismus und Digitaler Gesellschaft, die man 2009 gelesen haben sollte.

Drei Themen bestimmen im Jahr 2009 die öffentliche Debatte um das Internet als Medium: seine Einwohner, seine Freiheit und die Frage wie es sich zum Journalismus verhält.

Die Einwohner werden in diesem Jahr mit drei Begriffen bezeichnet: Digital Natives, Generation C64 und Generation Upload. Der letzte Begriff entstammt einer gescheiterten Werbekampagne von Vodafone, dürfte sich langfristig nicht durchsetzen. Die Digital Natives, die Ureinwohner des Netzes, rücken in diesem Jahr verstärkt in den Focus der öffentlichen Wahrnehmung, sie werden ernster genommen, zunächst von Medien und Unternehmen, später im Jahr auch von Politik und führenden Intellektuellen.

Die Freiheit des Internets sollte mit einem „Zugangserschwerungsgesetz“ in diesem Jahr eingeschränkt werden. Das führte dazu dass seine Einwohner gegen die Pläne der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen („Zensursula“) auf die Barrikaden gingen, sich über Blogs wie Spreeblick, Piratenpartei oder Online-Petition politisch organisierten und die Piraten schließlich über 800.000 Stimmen bei der Bundestagswahl erhielten.

Der Journalismus sollte neben den Dauerbrennern Urheberrecht und Datenschutz in diesem Jahr eine besondere Bedeutung in der Internet-Debatte bekommen. Das Vorhaben des privatwirtschaftlich organisierten Teils des Journalismus seine journalistischen Produkte doch lieber gegen Bezahlung zugänglich machen zu wollen, stieß die eigentlich erledigt geglaubte Paid-Contente Debatte neu an.

Die folgenden herausragenden Texte, die ich das Jahr über gesammelt habe, verdeutlichen rückblickend die Entwicklung und die wichtigsten Argumente dieser und anderer Debatten, und gehören zu den kuriosesten, lesenswertesten und/oder wichtigsten Texten des Jahres:

Miriam Meckel: In der Grotte der Erinnerung (FAZ, 12. Mai 2009)

Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel spricht sich in einem Essay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den Wert von professionellem Journalismus aus, schafft damit die intellektuelle Basis für die kommenden Vorstöße der Verlage. Eine Erwiederung, die andere (private) Akteure in alternativen Journalismusmodellen anspricht, findet sich bei Medial Digital.

Stefan Niggemeier: Was würde uns fehlen ohne Journalismus? (FAZ, 20. Mai 2009)

Nicht nur als Reaktion auf Miriam Meckel bringt sich Medienbeobachter Stefan Niggemeier in einem weiteren Essay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung in Position. Niggemeier spricht sich für ein Umdenken zu Gunsten neuer Formen und weniger strikten Grenzen zwischen etwa Bloggern und Journalisten, Print und Online aus, sondern vor allem für eine Unterscheidung: guter und schlechter Journalismus. Vor allem also für eines: Qualität.

Christian Stöcker: Die Generation C64 schlägt zurück (Spon, 2. Juni 2009)

In einem viel beachteten Artikel gibt Spiegel-Autor Christian Stöcker den wütenden, diskutierenden, sich organisierenden und einmischenden Akteuren in der hochkochenden Debatte um die Netzsperren als erster einen Namen: Generation C 64. Der Bann ist gebrochen: Ab jetzt sind sie keine Internetspinner mehr, sondern eine Gesellschaftsgruppe, die Ernst genommen werden muss.

Frank Schirrmacher: Die Revolution der Piraten (FAZ, 21. September 2009)

Völlig unerwartet erhebt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung den sogenannten „Nerd“ zu einem wichtigen Typus eines neuen Intellektuellen. Damit sind Piratenpartei und Netzbewegung aus Persepktive der gesellschaftlichen Elite als ernstzunehmende Akteure endgültig legitimiert. Später im Jahr betrachtet Schirrmacher das Internet in seinem Buch „Payback“ aber wieder kritischer.

Peter Glaser: Der große Tauschangriff (Berliner Zeitung, 25. September 2009)

In einem Beitrag für die Berliner Zeitung wirft Kult-Autor Peter Glaser einen ironischen Blick auf die Entwicklung des Urheberrechts. Es ist einer der Texte, der so lustig ist, weil er wahr ist. Zeigt er doch wie sehr sich die alten Vorstellungen von Unternehmen und Content-Industrie und die Realität im Netz wiedersprechen.

Susanne Gaschke: Ätzt bloß nicht gegen das Netz, sonst droht der Aufstand im Kindergarten (Falter, 14. Oktober 2009)

Auch 2009 sollte den einen oder anderen niedergeschrieben Angriff auf das Internet und seine Bewohner enthalten. Besonders aufgebracht äußerte sich Internet-Skeptikerin Susanne Gaschke im Falter. Amüsant und Vertreter der Kategorie: besonders misslungen.

Adam Soboczynski: Das Netz als Feind (Die Zeit, 2. Juni 2009)

Zeit-Autor Adam Soboczynski beschreibt in einem von vielen zerredeten, aber nachdenkswertem und vor allem toll zu lesendem Beitrag in Die Zeit, warum der Intellektuelle im Netz keine Chance hat.

Adam Soboczynksi: Höfische Gesellschaft 2.0 (Die Zeit, 22. Oktober 2009)

In einem weiteren Text für Die Zeit beschreibt Adam Soboczynski Soziale Netzwerke im Internet mit den Rollen und Verhaltensweisen höfischer Gesellschaften.

Silent Tiffy: Das Ich und das Twitter-Ich (silent-diva.blogspot.com, 12. Oktober 2009)

Manchmal ist nicht die analytische oder kulturkritische Perspektive von außen die aufschlußreichste, sondern der Blick von Innen. Dauer-Twitterin Silent Tiffy macht anhand eigener Verhaltensweisen und Reaktionen, sowie vermittels Tweets ihrer Freunde, anschaulich, wie so ein Ego-Twitterer tickt.

Kathrin Passig: Standardsituationen der Technologiekritik (Merkur Online, Dezember 2009)

Vermutlich in akribischer Fleißarbeit hat Kathrin Passig wiederkehrende Motive und Muster der Technologiekritik mit vielen Beispielen gesammelt und benannt. Die Autorin scheint sämtliche Argumente der Kulturkritiker und Internetpessimisten damit entkräften zu wollen, könnte man denken. Trotzdem ein überaus lesenswerter Texte, der tatsächlich auch hilft vieles besser zu verstehen und einordnen zu können.