Channel 4s Miniserie „Cast Offs“ mag nicht besonders spannend sein. Allerdings: Sie ist unaufgeregt, behutsam und vor allem: ungewöhnlich menschlich. Die sechs Geschichten von behinderten Menschen, die sich in der Rahmenhandlung in einer Reality Show auf einer einsamen Insel befinden, zeigen, wohin es mit Channel 4 bei der Suche nach einem neuen Profil (ohne Big Brother, ohne Frauentausch) gehen könnte: Zurück zu schönen, klug geschriebenen (sagen wir ruhig : lehrreichen) Geschichten.

Cast Offs Cast Foto

„18 months ago Channel 4 marooned 6 disabled people on a remote island…“ (Einleitungssatz von „Cast Offs“)

Zu jedem vorstellbaren Tabu gibt es früher oder später eigentlich auch eine Fernsehsendung, die es bricht. Besonders der britische TV Sender Channel 4 ist in der Vergangenheit nicht sonderlich zimperlich mit gewagten TV Experimenten gewesen. Eine alternative Weihnachtsansprache des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmedinedschad, Kinder sich selbst überlassen in einem Fernsehdorf, Briten (darunter ausgerechnet auch ein Schwuler), die ausprobieren, wie es ist Moslem zu sein und bald der Absturz eines realen Passagierflugzeugs als TV Show (dem Vernehmen nach allerdings ohne Passagiere) – allesamt Ideen, die bei Channel 4 über den Schirm gelaufen sind oder werden. Doch nicht alles wo Tabu steht, ist auch Trash TV.

Channel 4s neuster vermeintlicher Tabubruch, Cast Offs, erzählt von sechs Behinderten, die sich freiwillig auf einer abgelegenen Insel aussetzen lassen, um in einer fiktiven, Survivor ähnlichen Reality Show versuchen – trotz ihrer Behinderungen – zu überleben. Die Meinungen über dieses Format gehen in der britischen Presse auseinander. Die einen schreiben, es sei trotz allem eine (langweilige) Freakshow (man beachte, trotz der Ausage des Artikels, die Illustration), andere hingegen fanden es durchaus sehenswert oder schrieben, Bhinderte würden in einem neuen Licht dargestellt.

Mein Eindruck allerdings ist ein ganz anderer. Ich kann zum Beispiel eine vermeintliche satirische Note oder Parodie einer Reality Show nur am Rande erkennen. Anders als bei den genannten Channel 4 Sendungen ist es diesmal wirklich gelungen, eine ehrliche und authentische Show zu machen, die sich dank gut gesetztem Sarkasmus nicht um politische Korrektheit schert und immer menschlich bleibt. Von billigem Voyeurismus keine Spur. Nachdem Channel 4 auf dem Weg der Selbstfindung das prollige Urformat des Tabubruch-TVs – Big Brother – erst in eine bunte, liebenswerte Reality Soap verwandelt hatte und nach der kommenden Staffel genau wie „Wife Swap“ (Frauentausch) ganz entsorgt, muss man „Cast Offs“ als Vorgeschmack auf neue Zeiten sehen.

Etwas sinnlos an „Cast Offs“ ist die (Umsetzung der) Idee der Reality Show, ohne die allerdings nicht erklärbar wäre, warum sich ein Blinder, eine Taube, ein Rohlstuhlfahrer, eine an Cherubismus (kastenförmiges Gesicht, Kinn) Erkrankte, ein Opfer der Nebenwirkungen von Contergan und eine Kleinwüchsige jetzt nun auf der Insel befinden. Sie müssen halt die fiktive Reality drehen. Davon allerdings bekommt man nichts mit. Gefilmt ist die leicht düstere Dramedy fast wie eine normale Serie. Dass da jetzt ein Kamerateam und Produktion mit dabei sein müsste, bekommt man nicht mit. Ist auch egal. Die Erzählweise geht nämlich eher so wie bei Lost als bei Survivor: In Flashbacks wird in jeder Episode die Hintergrundgeschichte eines der Gestrandeten (oder auch: Weggeworfenen, Ausgestoßenen – Mehrdeutigkeit von cast away/cast off) erzählt.

Episode 1 überrascht gleich mit einem äußerst einfühlsamen Einblick in das Leben von Rohlstulfahrer Dan, der erst seit kurzem (durch einen Unfall) im Rohlstuhl sitzt und mit dem Schicksal hadert.

Produzent: „We just want to hear a bit about you. Tell us about yourself“
Dan: „Uhmmm“
Dad: „You’re sporty. Say that!“
„I’m not that sporty.“
[…]
„He’s driven.“
„I can drive.“
[…]
„You are kind.“
„That’s not what they want dad.“
„That’s exactly what they want.“
„That’s not what they want.“
„Tell ‚em jokes, they want jokes.“
„They don’t want jokes, dad. They want cripples. Remember?“

Die Beziehung zwischen Dan und seinem Vater, dem es schwer fällt mit seinem Sohn umzugehen, obgleich er trotz seiner (erlernten) Hilflosigkeit alles versucht, um seinem Sohn zu helfen (und dabei sicher öfter scheitert) ist wunderschön eingefangen. Bedrückend ist die Situation in der Dan erstmals seit dem Unfall wieder ein Mädchen mit nach Hause bringt. Keiner der Vier weiß so recht, wie man da jetzt reagieren soll. „Wollen wir den Fernseher anmachen?“, „Ja, ok“, unterhalten sich die Eltern, während Dan in seinem Zimmer verschwunden ist, mit dem Mädchen. „Möchtest Du eine Tasse Tee“, fragt die Mutter, nachdem das Mädchen wieder gegangen ist. „Ich hätte sowieso eine für deinen Vater gekocht“. Worüber redet man in so einer Situation? Man merkt schon: Die Autoren haben Gespür bewiesen.

Auf der Insel ist es die Zuversicht einiger der anderen Gestrandeten – die mit ihrer Behinderung teilweise deutlich normaler umgehen – die Dan hilft, weniger depressiv zu denken. „This is not the day, where everything is over“, sagt Carrie, die Kleinwüchsige (sie meint die Trauer), „But you will get there. We’ll help you“. Dan hatte kurz zuvor von einem anderen Rohlstuhlfahrer erzählt, der ihm ungefähr gesagt: „Eines Tages, da hast Du so ein komisches Gefühl, Du wachst auf, und fühlst Dich plötzlich wieder normal“.

Die Geschichte über den blinden Tom in Episode 2 ist weniger erkenntnisreich. Natürlich hat Tom, offensichtlich seit seiner Geburt blind, ein normales Leben. Gleichwohl, die Geschichte um ein Date mit der Ex des Mitbewohners und den darauf folgenden Liebeskummer, ist überaus nett geschrieben. In einem Moment in der Geschichte stellt der Zuschauer fest, dass es gerade die fiese Art, wie sich der (was später sehr klar wird) ansonsten sehr gute Freund, in das Date einmischt, die Normalität ist, um die es hier geht. Weil, man denkt natürlich zuerst, dass es besonders gemein sei, einem Blinden ein Date versauen zu wollen. Aber genau das ist es natürlich nicht. Es ist gemein, vielleicht, aber nicht weil der Blinde blind ist. Auch in seinem Leben geht es um Frauen, Sex. Das ist kein Almosen. Und weil es das nicht ist, ist sein Mitbewohner sauer, dass es ausgerechnet seine Ex ist, für die sich Tom interessiert.

Die Geschichten in „Cast Offs“, sie sind voller Verzweiflung, sarkastischem Humor, Hoffnung, und nicht zuletzt: voller Normalität. Man kann „Cast Offs“ als Lehrstück über Diversity sehen, als überaus authentische Lektion über die Akzeptanz von Behinderten (und auch Schicksalschlägen im Allgemeinen). Die rührig-menschlichen Geschichten können einem aber auch schlichtweg zu gutmenschlich sein. Doch „Cast Offs“ ist ehrlich und fern jedes Zynismus. Gutes Fernsehen also.

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