[picapp align=“none“ wrap=“false“ link=“term=prisoner+%2b+amc&iid=7033676″ src=“0/3/b/5/THE_PRISONER_MINISERIES_accb.JPG?adImageId=7882247&imageId=7033676″ width=“500″ height=“705″ /]

Nummer 6 (James Caviezel) und Nummer 2 (Ian McKellen) vor „dem Dorf“: Sie sind die Hauptfiguren in AMCs Neuinterpretation des britischen Kult-Klassikers „The Prisoner“.

Achtung: Der folgende Artikel kann Spoiler zur Handlung von „The Prisoner“ enthalten.

Als ich mir in dieser Woche die sechs Episoden von AMCs Neuinterpretation der britischen Kultserie „The Prisoner“ anschaute, staunte ich nicht schlecht. Zumindest während einiger der Episoden erinnerte mich „The Prisoner“ an eine Kurzgeschichte, die ich einst selbst mal geschrieben hatte. In meiner Kurzgeschichte ging es um einen Mann, der nach dem Ende der Welt in einer Wüste voller Nichts sitzt, und Dank der Liebe zu seiner verstorbenen Frau, in seinen Träumen nach und nach eine neue Welt erschafft. Der Mann ist der neue Gott und hat den Job des alten (gescheiterten) Gottes übernommen.

Zugegeben, die Idee, dass unsere Realität nur ein Traum sei, ist nicht so originell, dass man da nicht von selbst drauf kommen kann. Tatsächlich beschäftigen sich auch neuere Filme in der einen oder anderen Form mit Schein- und Traumwelten und dem Versuch ihnen zu entkommen. Populäre Beispiele sind sicherlich „The Matrix“ und „Truman Show“.

An letztere Welt, Seaheaven, der friedliche Ort, in dem Truman lebt, erinnert auch „Das Dorf“ in „The Prisoner“. Vor dessen Pforten beginnt die Geschichte. Michael, der später nur noch „Six“ genannt wird, landet wie aus dem Nichts in der Wüste vor dem Dorf begegnet dort einem älteren Flüchtenden, der ihn sofort mit dem Gedanken vertraut macht, dass das Dorf nicht das einzige ist, was es gibt, wie später alle behaupten werden. „Six“ selbst meint noch aus New York zu stammen, aus dem Vorspann erfahren wir, dass er Angestellter einer (futuristischen) Überwachungsfirma war, seinen Job aber hingeschmissen hat.

Sixs (richtigerweise dürfte man die Nummern auch nicht als Worte schreiben, ich machs aber trotzdem) erste Begegnung mit dem Dorf beginnt so, wie auch im Original, er besteigt ein Taxi und möchte weg, doch der Fahrer macht nur örtliche Fahrten, der Versuch in einem Shop eine Karte zu kaufen gelingt, doch die Karte zeigt nichts anderes als das Dorf. Später begegnet Six Two, der sowas wie ein Bürgermeister des Dorfes zu sein scheint. Er, zwei Psychologenzwillinge und 313, eine Krankenschwester, die sich später in Six verliebt, versuchen ihm klarzumachen, dass er krank sei, und es nichts anderes als das Dorf gebe. Er wird zunächst mit einem angeblichen Bruder und dessen Familie zusammen gebracht, dann mit einer passenden Partnerin, bekommt außerdem einen Job, interessanter Weise wieder in der Überwachung.

Natürlich zieht die sechsteilige Miniserie ihre komplette Spannung aus der Frage, was hinter all dem steckt. Wird es Six gelingen aus dem Dorf zu fliehen? Warum ist er überhaupt dort? Welchen Sinn hat das Dorf? Währenddessen bietet „The Prisoner“ Spielraum und Projektionsfläche für jede mögliche Internetpretation. Man kann es religiös sehen, philosophisch und natürlich auch psychologisch. Doppeltürme am Horizont erinnern zudem immer wieder an 911, und die darauf folgende stärkere Überwachung der Menschen. Es gibt also auch eine politische Dimension.

Doch während das Original, von dem ich nicht alle Folgen kenne, viele Fragen offen gelassen haben soll, ist es beim 2009er Prisoner ganz anders. Die finale Episode nimmt sich viel Zeit, alles haarklein zu erklären, warum, wozu und überhaupt. Die Enttäuschung am Ende ist freilich groß: es ist eine Science-Fiction Story, nicht mehr. Der San Francisco Chronicle hat es gut auf den Punkt gebracht:

„And, in the sixth hour, when viewers do get some kind of definitive resolution to the story (which they didn’t get in the original), the first question out of their mouths might be, ‚I watched six hours for that?'“

Über die Auflösung dann überhaupt noch weiter nachzudenken, ist in ungefähr so spannend, wie sich über die immer komplexer werdende Handlung in der Slasher-Reihe „Saw“ Gedanken zu machen, also: gar nicht. Genauso funktioniert „The Prisoner“ eigentlich auch: nachdem der Zuschauer über Stunden teilweise mit wirrsten Handlungssträngen und nicht unbedingt kunstvoll verwobenen Zeit- und Realitätsebenen in die Irre geführt wurde, gibt es am Ende einfach eine simple Fantasieerklärung aus den Köpfen der Autoren.

Wozu? Ausdenken kann man sich viel. Die Bedeutung der vielen, teilweise auch überladenden Motive im Film leidet darunter. Selten hat man sich ein offenes Ende mehr gewünscht als hier. Wobei viele sicher sagen werden: Ja, was denn. Es ist doch offenes Ende?

Weiterempfehlen kann ich den 2009er „The Prisoner“ also nicht unbedingt, dazu ist die Geschichte im Rückblick schlichtweg zu anstrengend und am Ende keinesfalls befriedigend. Allerdings: die Neuinterpretation hat mich erneut auf das britische Original aus den 60ern aufmerksam gemacht. Und das wollte ich sowieso immer schonmal gucken.


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