Macht Sinn: Bundestagsliste bei Twitter

Macht Sinn: Liste aller deutschen Bundestagsabgeorneten und Fraktionen bei Twitter.

Gestern Abend habe ich entdeckt, dass Twitter (zumindest bei mir und einigen anderen Accounts) die Listen-Funktion, von der seit kurzem die Rede war, freigeschaltet hat. Leute, die einen Twitter-Klienten benutzen, kennen das wahrscheinlich schon: man kann somit Accounts verschiedenen Gruppen zuordnen, also beispielsweise Nachrichten, Sport, Social Media, Videopiele usw.

Dadurch dass solche Listen jetzt direkt bei Twitter im Web abonniert werden können, kann man ihnen auch folgen. Das hat dann etwa den Vorteil, dass man sich nicht mehr selbst Accounts zusammensuchen muss, denen man folgen will, sondern einfach Listen anderer abonniert. Natürlich kann man auch selber Listen erstellen. In beiden Fällen gilt: Die Leute auf den Listen, die man abonniert oder die man auf seine eigenen Listen setzt, denen muss man nicht gleichzeitig followen. Außerdem kann man ein und denselben Account auf verschiedene Listen setzen.

Hier also meine ersten Gedanken zu dem neuen Feature und dazu, wie man Listen einsetzen könnte, und wie sie Twitter verändern werden:

I Welche Arten von Listen sind denkbar:

a. Verzeichnisliste

Diese Liste erfüllt die Funktion, alle Accounts zu einem bestimmten Thema zu sammeln. So hat @christoph_z etwa eine Liste mit allen twitternden Bundestagsabgeordneten gemacht (siehe Screenshot). Ich (@tvundso) habe eine Liste Deutsche Presse gemacht, in der ich versuche alle twitternden Printredaktionen und deren Onlineableger, sowie Ressorts und Lokalredaktionen zu sammeln. Auch beruflich twitternde Redakteure dieser Redaktionen, Medienmagazine und Watchblogs zur Print/Online-Presse sollen da mit drauf. Es bieten sich viele hunderte solcher Ideen an. Musiker, Blogger, Filmfans, Werber, Weinliebhaber, Fußballclubs, Autofirmen – alles kann verlistet werden.

b. Thematische Empfehlungsliste:

Diese Liste wird vermutlich die am meisten verbreitetste öffentliche Liste werden (man kann natürlich auch private Listen anlegen). Jemand stellt lesenswerte Accounts zu einem Thema zusammen und hilft damit aus einer Vielzahl von Accounts die besten herauszufiltern. Ich bin zum Beispiel in diesem Zusammenhang auf die diese Social Media Liste gestoßen.

c. Meinungsführerliste

In Deutschland gibt es nicht so viele Stars und Meinungsführer zu bestimmten Themen im Netz, Leute etwa wie @NicoleSimon oder @saschalobo, in Amerika schon. Hier könnte das Interesse groß sein, den Listen bekannter Blogs, Journalisten, Computernerds oder Prominenter zu folgen, etwa der Liste von Mashable. Wer den erwähnten Sascha Lobo toll findet, der hat direkt eine Auswahl unzähliger sortierter Listen zur Verfügung, denen er folgen könnte.

d. Spaßliste

Natürlich verleitet die Listenfunktion auch dazu unsinnige Listen zu erstellen, die entweder lustig sein können, oder sogar gemein um anderen eins auszuwischen. Denkbar wären Dinge wie „Biggest Idiots I Know“ oder „Worst Politicians ever“.

Nachtrag 28.12.2009: Eine interessante Idee ist es auch, Twitter Listen dazu zu nutzen, ein Schauspiel aufzuführen: So wurde an Weihnachten 2009 „Kevin allein zu Haus“ via Twitter-Liste nachgespielt. Genial.

II Welche Wirkung könnte die Listenfunktion bei Twitter haben?

a. Gatekeeperfunktion

Die Listenfunktion bei Twitter fügt Twitter eine echte Gatekeeper-Möglichkeit hinzu (bisher war jeder sein eigener Gatekeeper). Mit Listen lässt sich aus einer Vielzahl von Accounts aussortieren wer wirklich wichtig ist. Die Gatekeeper werden in diesem Prozeß einmal mehr nicht die klassischen Journalisten sein, sondern die Meinungsführer im Web 2.0, mehr sogar noch: Die klassischen Medien müssen sich mit ihren Twitter-Acounts erstmal „würdig“ erweisen in der Liste eines Gatekeepers aufzutauchen.

b. Entwertung der Follower

Folgen oder Gefolgt werden wird mit Listen, wenn sie denn von der Mehrzahl der Twitter-Nutzer angenommen werden, unwichtiger, zumal Listen unabhängig vom individuellen Folgen erstellt und benutzt werden können (Ausnahme: der Gelistete blockt den Listenden, siehe Kommentare). Entscheidend wird es für Leute sein, die Botschaften unters Volk bringen wollen, auf einer guten Liste zu stehen, vergleichbar etwa dem PageRank in Suchmaschinen. Nicht viele Links/Follower sind entscheidend, sondern die richtigen (Listen). Nur wer auf vielen gutsortierten und reichlich verfolgten Listen steht, wird in Zukunft auf Twitter noch wahrgenommen werden.

c. Twitter als Broadcastmedium

Durch die Einführung von vorausgewählten Listen macht Twitter seine Benutzung und seinen Einstieg einfacher. Interessierte Internetnutzer müssen sich nicht mehr selbst mühsam zusammensuchen, wem sie folgen wollen und dabei womöglich 90 Prozent der guten Accounts übersehen, sie folgen einfach (nur noch) den Listen der Meinungsführer, Gatekeeper und Twitterprofis. Das regt die passive Nutzung von Twitter zusätzlich an. Twitter wird damit von einem sozialen Netzwerk zusehends auch zu einem Broadcastmedium nach dem Prinzip: Wenige -> Botschaft -> Viele, macht damit auch klassischen Broadcastmedien als Nachrichtenproduzent wiederum Konkurrenz, die im Twitterzeitalter nicht mehr selbst Gatekeeper sein werden, sondern im Nachrichtenstrom unter vielen anderen mitschwimmen.