[picapp src=“4/7/b/9/Protests_Are_Held_7e27.jpg?adImageId=6495348&imageId=6880474″ width=“465″ height=“594″ /]

Nick Griffin, Vorsitzender der britischen Nationalisten, bei seiner Ankunft vor dem BBC-Studio am Donnerstag dieser Woche.

Die BBC-Talkrunde „Question Time„, in der das Publikum die Fragen stellt, hatte am Donnerstag der vergangenen Woche mit etwa 8 Millionen Zuschauern die höchste Einschaltquote ihrer 30jährigen Geschichte. Normalerweise schauen zwei bis drei Millionen Briten zu. Grund war der Auftritt des rechtsextremen Vorsitzenden der British National Party (BNP), der schon im Vorraus für Kontroversen in der britischen Öffentlichkeit gesorgt hatte. Griffin und seine Partei hatten bei den Europawahlen im Juni über 6 Prozent der Stimmen gewonnen und damit zwei Plätze im europäischen Parlament errungen. Aus dem politischen Talk-Alltag kann man sie nunmehr nicht weiterhin ausschließen.

Vier weitere Gesprächspartner waren neben Moderator David Dimbleby am Tisch, um sich mit Nick Griffin auseinanderzusetzen: Jack Straw, der britische Justizminister und Mitglied der Labour Party; Baroness Warsi, Mitglied des Schattenkabinetts der Tories und dort zuständig für Soziales und Minderheiten; Der Innenpolitikexperte der britischen Liberalen Chris Huhne und die Autorin und Kritikerin Bonnie Greer.

Abgesehen von der farbigen Bonnie Greer, die Griffin grundsätzlich zumindest zur Hälfte den Rücken zudrehte und offensichtlich beschlossen hatte, ihn nicht ernst zu nehmen („Ich hab einen ganzen Stapel Bücher für Dich mitgebracht, Du kannst sie gebrauchen…“), hatten sich die übrigen Drei offensichtlich ernsthaft mit ihrem Kontrahenten auseinandergesetzt und waren hochmotiviert und bereit ihn nun als Nazi zu entlarven, seine Strategien und Lügen zu enthüllen. Genau das wird gemeinhin in der öffentlichen Debatte als auch auch das Richtige angesehen: Nazis soll man nicht ausschließen aus der politischen Diskussion (das wäre dann undemokratisch), sondern ihnen gut vorbereitet Argumente entgegensetzen, sie als das enthüllen, was sie sind.

Chris Huhne versuchte das folgendermaßen:

„I would like to have his view, see whether he has been misquoted on this. Because this was video footage. There’s no question of him beeing misquoted ; this is his technique. ‚Perhaps one day‘ – cause he’s gonna trying be very moderate today – ‚perhaps one day, once by beeing rather more settled, we got ourselves in a position where we control the british broadcasting media. Then perhaps one day the british people might change their mind and say: ‚Yes every last one must go, every single member of a ethnic minority““. And this is the man, when we thinking of churchill and fighting facism: „Yes Adolf went a bit too far“. Now, which bit too far, Nick Griffin, did Adolf Hitler go? Was it in gasing the jews? Was it in bombing british cities?“

Der erste Teil von Huhnes Zitat ist wichtig, und zu dem gibt es wirklich einen Videobeweis. Huhne macht jedoch den Fehler Griffins bewiesenes und enthüllendes Zitat mit einem weiteren zu verbinden (dem, er habe gesagt, Adolf Hitler sei ein bisschen zu weit gegangen), aus dem sich Griffin (vielleicht sogar zu Recht) mit dem Vorwurf des falschen Zitierung herausreden kann. Das ist überhaupt nicht nötig und zeigt eine gerade zwanghafte Weise, wie immer wieder versucht wird rechtsextremen Politiker mit der Nazikeule möglichst oft eins überzubraten.

Doch Moderator Dimbleby gelingt es in der Folge, dass Thema wieder auf Griffins Hauptstrategie des Wolfs im Schafspelz zu lenken (gekürzt):

Dimbleby: „And you were there with the american friends of the BNP, and you were with the head of the Ku Klux Klan, David Duke“

Griffin: „No“

D: „He’s there in the picture standing beside you. […] He’s there, I’ve seen it“

[…]

D (zitiert zunächst Griffin aus dem Video): „‚Instead of racial purity we talk about identity, use salable words: freedom, security, identity, democracy. Nobody can come and attack you on those ideas‘. But the truth is, what you were saying there is, that’s just the start of the story. And when we’ve won public support, then we can go to our propper agenda.“

[…]

G: „I shared a plattform arguing with him [David Duke]. And when you trying to win people over to a more moderate position, you have go somewhere to start with, […].“

(Anmerkung: Griffin rühmt seinen angeblichen Verdienst aus einer Horde unzivilsierter Nazis in der BNP eine gemäßigte rechtsnationale Partei gemacht zu haben.)

D: „So you where saying these things, not because you meant them, but because it was the way of winning him over? You know, you wanted to win over a racist to your view? And you said, we start by beeing moderate“

(Anmerkung: Was soll dieses Missverständnis eigentlich? Natürlich gibt Griffin nicht vor Duke für seine angeblichen gemäßigten Positionen gewinnen zu wollen, sondern die jungen US-Neonazis)

G: „Not to win over him, but to win over the youngsters […]“

Griffins Rechtfertigung, seine sprachliche, die wirklichen Ziele verhüllende Strategie als einen Versuch junge Nationalisten von zu extremen Überzeugungen zu bewahren, ist hier natürlich hochgradig lächerlich, und das wird auch deutlich. Griffin macht innerhalb dieses hier gekürzt wiedergegebenen Dialogs allerdings noch einen anderen Fehler, als er bezogen auf den Ku Klux Klan-Chef David Duke sagt, der unter ihm (Duke) geführte Teil des Klans sei übrigens ein recht gewaltloser. („I’ve shared a platform with David Duke, who once was the leader of a Ku Klux Klan, and always a totally non-violent one, incidentally…“)

Die BBC hat weitere Zitate aus der Diskussion gesammelt.

Ein weiterer Aspekt bei dem wiederum die BBC einen Fehler gemacht hat, war die Zusammensetzung des Publikums, die auch in einer britischen Seifenoper klischeehafter nicht hätte sein können. Fehler, denn natürlich will Griffin im Nachhinein Beschwerde dagegen einlegen und natürlich wirkt die vermutlich bewusste Auswahl von vor allem gebildeten Migranten auch wiederum als Manipulation, bestärkt jene, die die Mär von den linken Systemmedien allzu gerne hören.

Sämtliche vorstellbaren Minderheiten waren also aufgreiht (Anhänger den BNP waren allerdings auch im Publikum, applaudierten gelegentlich). Das ging sogar soweit, dass beim Thema Homosexualität zwei aus Sicht der Regie wohl eindeutig homosexuell aussehende Männer eingeblendet wurden (einer der beiden hatte zumindest die Frage gestellt). In diesem Punkt war Griffin übrigens eindeutig: Homosexualität gehöre in die Privatsphäre. Er finde es widerlich, Schwule in der Öffentlichkeit (beim Küssen) zu sehen.

Das Ironische an der Geschichte ist, das Griffin mit solchen Sprüchen vermutlich auch Protestwähler unter denen gewinnen könnte, die er eigentlich verachtet: Abweichend von Kontinentaleuropa sind britische Muslime entschieden und nahezu einstimmig gegen Homosexualität. Griffin fischt hier bewusst nach aus seiner Sicht Stimmvieh, indem er gönnerhaft sagt, auch Moslems und andere Minderheiten können natürlich weiterhin in Großbritannien bleiben (wenn sie keine Schmarotzer sind). Es ginge ihm vielmehr darum, dass keine neue hinzukommen. Das Boot sei quasi voll.

Für Griffin hat sich Question Time möglicherweise gelohnt. Focus berichtet, sein Auftritt hätte der Partei viele neue Mitglieder oder zumindest Interessenten beschert, 22 Prozent der britischen Wähler ziehen einer Umfrage zufolge zudem ernsthaft in Betracht die BNP zu wählen, vier Prozent sind fest entschlossen. Das wären weniger als bei der Europawahl und auch Vergleichszahlen nennt Focus nicht. Der Punkt ob solche TV Auftritte von Rechtsextremen ihnen Zulauf bringen, sollte gut untersucht werden. Wahr ist vermutlich, dass Probleme mit der Integration von Migranten und insbes. Moslems viele Briten in die Arme der BNP getrieben haben, so glaube ich.

Tatsächlich gelang Griffin ein eigentlich banaler Einwand auf die Frage, warum man ihm überhaupt glauben schenken sollte, der aber schwer wiegt:

Dimbleby: „Why should anybody trust what you say, why should anybody think it’s anymore than a fassade“

Griffin: „Why should anybody trust any politician, all of us?“

Hier zeigt sich das eigentliche Problem in der Wirkung von TV Auftritten von Rechtsextremen und dem Umgang mit ihnen. Zu Recht wird bei ihrer Behandlung eine Härte an den Tag gelegt, die im Umgang mit anderen Politikern zu vermissen ist. Der liberale Politiker, der sozialdemokratische, der konservative, sie alle lügen, zumindest müssen wir das vernünftigerweise annehmen. Nur sind die Folgen ihrer unaufgedeckten Lügen für die Gesellschaft vielleicht nicht so fatal, wie im Falle eines Rechtsextremen.

Wenn wir also etwas aus Question Time lernen wollen, dann das Härte, Beharrlichkeit, Quellensicherheit, solides Hintergrundwissen, die Frage nach der Motivation, was hinter den Worten steht, das all diese Dinge nicht nur im Falle des journalistischen Umgangs mit einem Rechtsextremen eine Tugend sind, sondern im Falle jedes Politikers. Das Erscheinen des Rechtsextremen macht erst wieder deutlich, was Journalismus eigentlich leisten könnte, und es wirkt oft so holprig, peinlich, daneben, weil Journalisten viel zu wenige Nazis interviewen.

Question Time mit Nick Griffin ist in mehreren Teilen auf Youtube verfügbar