Vor einigen Jahren soll es bei der ARD ein Papier gegeben haben, „in dem steht, dass alle Filme, die in der ARD gezeigt werden, sofort verstanden werden müssen, dass sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten dürfen und dass Motive sich in bestimmten Abständen wiederholen müssen.“ (Faz)

5,36 Millionen Zuschauer sahen gestern auf der ARD den Film Frau Böhm sagt nein„, der ganz im Zeichen dieser Vorgaben gestanden haben könnte. Gemessen an seinem komplexem Thema – dem Verlust der Anständigkeit und Moral im neoliberalem Unternehmertum – war der Spielfilm geradezu banal. Er widerspiegelt all die Emotionen und oberflächlichen Einsichten, die man in den letzten Jahren als Zuschauer bereits in unzähligen Talkshows vermittelt bekommen hat. Dem guten deutschen Unternehmertum sind im Zuge der Globalisierung die Werte, die Moral verloren gegangen. Darüber sind wir nun alle sehr enttäuscht, können es aber auch nur beklagen, nicht ändern, sollten versuchen selbst anständig zu bleiben.

Im Gegenzug zu dieser Banalität bietet der Film eine durchdachte und tiefgründiger gezeichnete Hauptfigur, Rita Böhm, die als graue – aber nicht zuletzt durch Senta Berger, die sie spielt, auch elegante – Maus seit 25 Jahren in einem deutschen Unternehmen die Vorstandsbezüge bearbeitet. Ihre obersten Werte: Korrektheit, Verlässlichkeit, Verschwiegenheit.

Die sueddeutsche schreibt:

„Rita Böhms Leben ist Kargheit, Gewohnheit, Ritual. Ein Käsebrot auf einem Brettchen, ein Stück grüne Gurke dazu und Nachrichten aus dem alten Transistorradio, das ist ihr Feierabend. Tagsüber verlässt sie ihr schlichtes Büro mit Gummibaum selten. Ihre Loyalität isoliert sie vom Rest der Belegschaft. Aus Flurfunk und Kantinentratsch hält sie sich raus. Sie kannte noch den Firmengründer, Heinz Walter Rotenbaum. Der sagte immer ‚Vorstand bedeutet Vorbild für Anstand.‘ Früher.“

25 Jahre, 178 Tage Resturlaub, nie einen Fehler gemacht, immer loyal gewesen. Dann wird die Firma von einem ausländischen Investor geschluckt. In der neuen Sekretärin Ira Engel wird Frau Böhm mit der nachfolgenden Generation konfrontiert. Beide Frauen müssen erstmal in Beziehung zueinander gesetzt werden, was dadurch gelingt, dass sich Frau Böhm kurz um die Tochter von Ira Engel kümmert, nachdem die einen Hörsturz erlitten hat.

Die Befreundung mit der Tocher fällt gar nicht so schwer, besitzt Frau Böhm als verbindendes Element doch einen geretteten Igel als kleinen Freund, der Stacheln hat, so dass man ihm nicht zu nahe kommen muss. Der Film droht sich in der Mitte in solcherlei schönen (eigentlich aber unnützen) Beschreibungen seiner Protagonistin zu verlieren (Als Charakterstudie ist der Film wirklich nicht schlecht). Auch wird uns nicht vorenthalten, dass sich Rita Böhm zu Weihnachten neben einem Glas Sekt auch eine neue Brille gönnt, fast schon als kleine Rebellion nach dem Motto „Einmal denke ich auch an mich“.

Denn draußen herum denken alle nur an sich. 80 Millionen Euro Boni möchte sich der Vorstand genehmigen, nach dem der Deal mit dem neuen Investor perfekt ist. Doch der Vorgang den Frau Böhm anweisen soll, er ist nicht formal nicht korrekt. Bislang ohne eindeutige Haltung wird ihr nun bewusst, dass es nicht mehr mit rechten Dingen zugeht. Frau Böhm sagt nein.

Der Tagesspiegel sieht den Auslöser von Frau Böhms Sinneswandel nicht nur darin, dass die fehlerhafte Zahlungsanweisung ihr die Missstände in einer Sprache deutlich macht, die sie versteht, sondern auch im positiven Einfluß der jungen Ira Engel: „Frau Böhm wiederum, die dem Unternehmen gegenüber jahrzehntelang loyal war und alle Chefs gedeckt hat, muss erst von Ira lernen, dass Loyalität nicht immer heißt zu schweigen und nichts zu unternehmen.“

„Die Perspektive im ARD-Film ist gut gewählt. Denn sie holt den moralischen Abwägungsprozess und die detektivische Recherche in ein dem normalen Zuschauer nachvollziehbares Milieu und zu authentischen Figuren herunter …“, schreibt der Spiegel lobend über die Vereinfachungen die der Film vornimmt, um niemanden zu überfordern. Nicht verwunderlich ist es daher, dass am Ende Frau Engel, die die Vorgänge zu ihrem eigenen Vorteil nutzte, von Rita Böhms moralischer Überlegenheit noch auf die Seite der Anständigen gezogen wird.

Der Versuch des Films über die Protagonistin eine Erkenntnis, Einsicht über das derzeit hochaktuelle Thema unternehmerischer Verantwortung und Moral zu vermitteln, glückt, bleibt aber oberflächlich. Die Aufgabe von „Frau Böhm sagt nein“ scheint es eher zu sein zu unterhalten, Emotionen beim Zuschauer zu bedienen, als mit komplexeren Hintergründigkeiten zu verwirren. Insofern sagt der Film vor allem etwas über den ARD-Fernsehfilm aus, weniger über den Zustand der Wirtschaft.

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