Der Regisseur Roman Polanski (Chinatown, Der Pianist), 76, wurde am 26. September diesen Jahres auf dem Flughafen in Zürich verhaftet, seit 2005 besteht ein internationaler Haftbefehl, seit 1978 einer aus den USA gegen ihn. 1977 war Polanski wegen „außerehelichem Geschlechtsverkehrs mit einer Miderjährigen“, einem damals 13jährigen Model und Schauspielerin, angeklagt. Die Anklage hatte ursprünglich „Vergewaltigung unter Verwendung betäubender Mittel gelautet“: Über einen sogenannten „Plea Bargain“ können im amerikanischen Rechtssystem gegen ein Schuldeingeständnis geringere Straßmaße ausgehandelt werden.

Durch die Änderung der Anklage auf diese Weise musste die 13-Jährige zudem nicht vor Gericht aussagen. Roman Polanski wurde zu 90 Tagen Gefängnispsychiatrie verurteilt, kam nach 42 Tagen mit der Empfehlung einer Bewährungsstrafe frei. Als deutlich wurde, dass sich der Richter jedoch nicht an die Empfhelung halten würde, floh Polanski nach Europa, bis er schließlich jetzt verhaftet wurde. (siehe auch: wikipedia)

Seitdem hat es viele Texte darüber gegeben, ob die Verhaftung Polanskis nun gerechtfertigt ist, ob er eine Strafe zu verbüßen habe, wie der Fall moralisch zu beurteilen sei. Eine sehr große Zahl an prominenten Unterzeichnern hat zudem eine Petition gegen die Verhaftung Polanskis gezeichnet. Das Missbrauchsopfer selbst hatte mit Polanski schon 2003 seinen Frieden gemacht: „I’m sure if he could go back, he wouldn’t do it again. He made a terrible mistake but he’s paid for it“.

Im Folgenden zwei Texte, die mir in den vergangenen Wochen zu dem Thema aufgefallen sind, einer im Prinzip contra Polanski und einer pro.

Salon.com: Roman Polanski raped a child

„There is also evidence that Polanski raped a child. There is evidence that the victim did not consent, regardless of her age. There is evidence — albeit purely anecdotal, in this case — that only the most debased crapweasel thinks „I didn’t know she was 13!“ is a reasonable excuse for raping a child, much less continuing to rape her after she’s said no repeatedly. There is evidence that the California justice system does not hold that „notoriety, lawyers‘ fees and professional stigma“ are an appropriate sentence for child rape.

But hey, he wasn’t allowed to pick up his Oscar in person! For the love of all that’s holy, hasn’t the man suffered enough?

[…]

Roman Polanski may be a great director, an old man, a husband, a father, a friend to many powerful people, and even the target of some questionable legal shenanigans. He may very well be no threat to society at this point. He may even be a good person on balance, whatever that means. But none of that changes the basic, undisputed fact: Roman Polanski raped a child.

Telepolis: Polanski und seine Feinde

‚Stehen Künstler etwa über dem Gesetz?‘ […] Solch‘ eine Frage ist natürlich populistischer Unsinn. Denn zum einen hat das keiner behauptet. Zum anderen muss die Antwort aber lauten: In gewissem Sinn ja! Nicht juristisch – deshalb ist dies hier auch kein Freibrief für irgendwelche Verbrechen -, aber moralisch. Nur traut sich das heute keiner auszusprechen, weil eine solche Aussage im derzeitigen Klima allgegenwärtiger Sittenwächter, Lehrer und Schulmeister, gerade auf Seiten der Linken, nicht opportun ist. Auch der Stammtisch der Online-Portale reagierte mehrheitlich recht klar: Wieso soll jemand bevorzugt behandelt werden, bloß weil er hervorragende Filme macht? Gute Frage! Allerdings sollte er deshalb auch nicht benachteiligt werden, und genau das ist hier der Fall.

[…]

Selbst die Anklage unterstellt ihm keine Gewaltanwendung. Zudem besteht Polanski darauf, das Alter seines Opfers sei ihm unbekannt gewesen. Das ist möglich, genauso wie es möglich ist, dass er lügt. Aber es geht nicht darum, ob man ihm das glaubt. Sondern darum, dass er den juristischen Anspruch darauf hat, dass wir es ihm glauben – bis zum Beweis des Gegenteils. Feine Unterschiede spielen aber bei der hier hysterisierten Öffentlichkeit und ihrer eingespielten Empörung längst keine Rolle mehr.“

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