Das Gute vorweg: Hinsichtlich des Castings der Kandidaten haben die Produzenten der Doku-Soap „Bundestagswahl„, die am Sonntag gesendet wurde, ganze Arbeit geleistet. Wer sich schon bei „Mitten im Leben“, „Schwiegertochter gesucht“ oder „Bauer sucht Frau“ über die seltsamen Menschen wundert, die da auftreten, der hatte auch bei der „Bundestagswahl“ jede Menge freakige Selbstdarsteller zum Bestaunen. Besonders schön ist, dass sie den gängigen, auch aus anderen TV-Sendungen und Filmen bekannten Klischees entsprechen: Ronald Pofalla zum Beispiel schien mir eher der ruhige, religiöse Typ, der am Ende durchknallt. Bei Petra Pau denkt man direkt an seine Kindheit und den „Pumuckl“. Und natürlich war auch der zentrale Charakter der moderenen Seifenoper vertreten: „Ugly Betty“ Angela Merkel.

„Ugly Betty“ heißt ja auf deutsch „Verliebt in Berlin“, und entsprechend passend sind auch die aktuellen Handlungsstränge gehalten: Jene Angela nämlich, die Autoren und Publikum zur Heldin der Sendung auserkoren haben, stand dann direkt zwischen zwei Männern – eine ganz klassische Storyline voller Projektionsfläche für die deutsche Ehefrau. Erst vor einigen Staffeln hatte sie sich von der Vaterfigur des Helmut Kohls getrennt und ist seitdem zur selbstständigen Matriarchin geworden. Und die hat es in sich, Männer sind für sie nurmehr austauschbare Spielzeuge: Bis vor kurzem noch mit Frank-Walter Steinmeier leiert, schlägt Angelas Herz nun für Guido Westerwelle! Hier haben die Autoren einen ungewöhnlichen, aber auch klug gezeichneten Seriencharakter, eine ganz neue Frauenfigur geschaffen.

Jedoch scheinen mir hier die Produzenten gleichzeitig ein ziemlich großes Plotehole aufgemacht zu haben: So wurde eigentlich bereits mehrfach in den vergangenen Staffeln von „Bundestagswahl“ und „Bundestag“ deutlich gemacht, dass es sich bei Guido um einen Homosexuellen handelt. Soll hier etwa ein bereits eingeführter und immer beliebter werdender Charakter komplett umgeschrieben werden? Viel logischer wäre es, hätten die Produzenten die auf der Hand liegende Storyline der homoerotischen Lovestory zwischen Guido und Klaus Wowereit ausgebaut.

Eine große Schwäche der inzwischen schon 17. Staffel von „Bundestagswahl“ war das langweilige Seasonfinal der 16. Staffel von „Bundestag“ (Telemedicus hat die besten Quotes), dass sich auch auf die Spannung des Starts der neuen Season auswirkte. So war das Publikumsvoting von vornherein eigentlich klar und hatte keinerlei Überraschungen zu bieten. Mehr noch: obgleich das Voting anders als bei „DSDS“ oder „Dschungelcamp“ kostenlos ist, voteten nur etwa 70 Prozent der Zuschauer. Andere, so ich auch, hätten jedoch gerne öfter abgestimmt. Eventuell könnten die Produzenten hier über eine Neuregelung der Stimmvergabe nachdenken, so dass überraschendere Ergebnisse und echte Twists Einzug in die beliebte Reality-Show halten.

Die Quoten der von mehreren Sendern übertragenen Reality waren jedoch in Ordnung, und das obwohl zahlreiche Ergebnisse des Votings noch vor Ausstrahlung der Show etwa über Twitter mutmaßlich gespoilert wurden. Übrigens: für den als Geheimtipp geltenden Jens Seipenbusch (Piraten) hieß es leider: „You have been eliminated from the race“. Seipenbusch erreichte nur 2 Prozent der Zuschauerstimmen, was nicht genug ist, um eine Besetzung in der regulären Show zu erhalten.

In der kommenden 17. Staffel wird Angela Merkel nach Abstimmung der Zuschauer erneut die Rolle der „Bundeskanzlerin“ spielen. Das bereits angesprochende Paradox, dass sie dabei vom homosexuellen Guido begleitet wird, sorgt sicherlich noch für die eine oder andere Affäre der Figur der Angela mit anderen Männern. Möglicherweise gelingt es im Laufe der Staffel ja der Figur des Klaus den Guido für sich zu gewinnen.

Als Dark Horse muss hingegen wohl Oskar Lafontaine gelten, der bislang von keinem ernst genommen wurde, beim Publikum zusehends aber an Beliebtheit gewinnt. Völlig unklar bleibt die Rolle des zwischen allen Stühlen stehenden Jürgen Trittin. Ingesamt haben die Figuren und die Dynamik ihrer Beziehungen durchaus Potenzial für eine spannende Staffel. Das zeigte auch schon der an Survivor erinnernde Stammesrat („Berliner Runde“) gestern. Eine Tageszusammenfassung der Reality Show „Bundestag“, ein Spin-Off von „Bundestagswahl“, das über weitere vier Jahre ohne Unterbrechung produziert wird, läuft täglich 20:15 Uhr auf der ARD (sog. „Tagesschau“).

Bundestagswahl/Bundestag, Staffel 17; Genre: Zuschauerdemokratie, ARD, ZDF, RTL u.a., seit 27. September 2009

Mehr:

Weitere Rezensionen nur neuesten Staffel von Bundestagswahl/Bundestag: netzpolitik.org (über die Bedeutung des Voting-Ergebnisses für eben jene), Robin-Meyer Lucht bei Carta über die Hauptdarsteller, Jurist Henning Krieg über die Rechtsfolgen einer Votingpanne, Michael Spreng über die Wahrheiten nach der Wahl und Markus Herrmann hat eine schöne Collage der Figur der Angela angefertigt.