Die Simpsons haben das TV Duell gegen die beiden Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, die sich bei ARD, ZDF, RTL und Sat.1 mit vier Journalisten unterhielten nicht gewonnen. Trotz der massiven Kampagne, die ProSieben im Vorfeld gefahren hatte. Betrachtet man die Sender einzeln und nur den Zielgruppenmarktanteil, lagen die Simpsons dann aber wieder vorn. Auf 19,8 Prozent Marktanteil kam ProSieben bei den jungen Zuschauern. Zum Vergleich: RTL erreichte mit dem Kanzlerduell nur 8,2 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe, Sat.1 gar nur miserable 3,5 Prozent (beim Gesamtpublikum sogar nur 2,3 Prozent). Insgesamt sahen 14,2 Millionen Zuschauer das TV Duell, das sind 7 Millionen weniger als noch 2005. Die meisten Zuschauer (knapp unter 8 Millionen) schalteten bei der ARD ein. (dwdl)

Ich habe das TV Duell auch geschaut, aus Mitleid übrigens bei Sat.1, wo eine hervorragend gelaunte Sabine Christiansen und ein irgendwie fern von allen Sorgen scheinender Stefan Aust das Rahmenprogramm moderierten. Nebenbei habe ich auf Twitter Kommentare dazu gelesen und auch selbst kommentiert:

Twitter_TVDuell

Thomas Television bei Twitter

Das TV Duell hatte in diesem Jahr gleich mehrere Probleme. Zunächst einmal ist es ja so, da sich die SPD standhaft der (in Demokratien eigentlich üblichen) Koalitionsfähigkeit mit Die Linke verweigert, Frank-Walter Steinmeier gar kein ernstzunehmender Gegner ist. Denn wie will der Kanzler werden? Da Steinmeier und Merkel zudem noch beide derzeit Mitglieder der Regierung sind, fehlte bei diesem TV Duell die Opposition auch noch völlig. Dabei ist es ja ebenfalls eine der grundlegenden Ideen der Demokratie, dass die Opposition die Möglichkeit und die Chance haben muss, zur Mehrheit zu werden. Entsprechend haben die drei derzeitigen Oppositionsparteien im Bundestag (in Fraktionsstärke) das TV Duell auch kritisiert. Denn, immerhin: Geht es nach einer aktuellen Forsaumfrage, repräsentieren schon allein Linke und Grüne mehr Wähler als die SPD. Wobei (Forsa)-Umfragen natürlich auch wieder so eine Sache sind.

Wie sehen die Journalisten das TV Duell?

Das Handelsblatt hat sich klar für Frank Walter Steinmeier als Sieger entschieden:

Steinmeier war zu Beginn nervös, verhaspelte sich gleich bei der ersten Antwort. Doch nach einem holprigen Start fing sich der Kanzlerkandidat schnell, schaltete auf Angriff um und überraschte das Publikum mit ungewohnt souveräner Schlagfertigkeit. […] Sicher aber ist nach dieser TV-Debatte, dass die SPD und ihr Kandidat für den Schlussspurt bis zum 27. September neuen Mut schöpfen können.

Der Focus hingegen spricht von einem Kopf-an-Kopf-Rennen und fürchtet für die kommende Legislaturperiode wieder eine große Koalition:

„In seinem Schlusswort appelliert der Herausforderer an die Bürger, sie mögen eine Richtungsentscheidung treffen, gegen Schwarz-Gelb. Die Kanzlerin, die in dem akribisch ausgehandelten Ablaufplan das letzte Wort hat, hat am Schluss ihren präsidialen Ton wiedergefunden und ruft den Bürgern zu: ‚Gemeinsam können wir viel erreichen.‘ Das klingt schon wieder irgendwie nach großer Koalition.“

Die Sueddeutsche sieht ebenfalls ein Remis und glaubt, dass die Kanzlerin weiterhin gute Chancen auf eine schwarz-gelbe Koalition habe. Steinmeier habe sich gut geschlagen:

„Im Ergebnis, über die Kategorien hinweg: ein Remis, das aber der Kanzlerin und ihrer Politik für eine schwarz-gelbe Koalition beste Chancen lässt. Dabei hatte Sozialdemokrat Steinmeier, der Außenseiter, seine Sache besser gemacht, als manche vermutet hatten.“

Die Zeit schreibt über den gescheiterten Versuch, das TV Duell als Elefantenrunde gleich auf vier TV Stationen zu übertragen:

Geirrt haben sich die Verantwortlichen der vier beteiligten Sender ARD, ZDF, Sat1 und RTL, die geglaubt hatten, dass eine solche Elefantenrunde der TV-Stationen funktionieren kann. Zu sehr waren die Moderatoren bemüht, im Konkurrenzkampf untereinander eine gute Figur zu machen. Zu sehr waren sie damit beschäftigt, ihre Fragen und Themen durchzupeitschen, als dass sie es gewagt hätten, den seltenen Momenten, in denen sich doch mal ein Streit zwischen den Kontrahenten anbahnte, freien Lauf zu lassen.“

Die Faz hat sich in einer ausführlichen Fernsehkritik den vier Übertragungen des TV Duells angenommen und schließt auch mit der Möglichkeit einer neuen großen Koalition:

„Kein Duell, eher ein Duett, aber ganz sinnstiftend und nett, darauf ungefähr konnten sich auch die beiden journalistischen Gastkommentatoren im ZDF einigen, Helmut Markwort, der Chefredakteur des „Focus“ und Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der „Süddeutschen Zeitung“. Diese beiden, die sich sonst eher fetzen – in der gebotenen Sachlichkeit selbstverständlich – waren an diesem Abend genauso nett zueinander wie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Auch mit dem Zweiten sah man eine einzige Werbeveranstaltung für die große Koalition.“

Weitere Presseartikel zum TV Duell: Sowohl taz als auch Bild/.de entscheiden sich für die lustige Überschrift: Yes, we gähn.

Und was sagen die Blogger?

Christoph Bieber kritisiert bei Carta die schlechte Moderation des TV Duells durch die vier Moderatoren der beteilgten TV Sender:

„Die Atemlosigkeit des vom Moderations-Quartett ausgelösten Wettlaufs durch die Wahlkampf-Agenda und die bisweilen respektlose Zankerei um Fragen und Antworten haben dem Format in diesem Jahr noch mehr geschadet als in den Auflagen von 2002 und 2005.“

Michael Spreng (koordinierte 2002 Stoibers Wahlkampf) kommentiert auf seinem Blog, dass Frank Plasberg an der entscheidende Stelle des Duells (Maybritt Illner hatte nach den Kosten der Bankenrettung und wer sie in Zukunft trage, gefragt) einen maßgeblichen Fehler machte:

Aber ausgerechnet der sonst so pfiffige Frank Plasberg befreite Merkel und Steinmeier aus der Bredouille und warf zur Unzeit das Stichwort Gesundheit in die Debatte. Und damit war die Chance vertan, beide zu konkreten Aussagen zu zwingen, wer für die Krise bezahlen soll. Plasbergs Eingangshinweis (”Wenn nicht jetzt, wann dann?”) wurde von ihm selbst ad absurdum geführt.

Albrecht Müller wirft den beiden Duellanten auf den Nachdenkseiten eine erkennbare Primitivität der wirtschaftspolitischen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen vor, sie hätten außerdem zu wichtigen politischen Fragen nichts richtungsweisendes, schlimmer noch: auch das gleiche, zu sagen. Müller war, wie Spreng, ebenfalls hinter den Kulissen der Politik tätig, allerdings auf Seiten der SPD und in den 70er Jahren.

Weitere Blogposts: Jörg Lau von der Zeit bekommt einen Wutanfall über die vier Moderatorendarsteller beim TV Duell, über Journalisten und Intellektuelle.