In dieser Woche war richtig was los im deutschsprachigen Internet und sogar darüber hinaus. 15 deutsche Internetprominente, die man auch als Blogger, Publizisten und/oder Medienexperten beschreiben kann, haben am vergangenen Montag eine Schrift mit dem Titel „Internet Manifest“ ins Netz gestellt (Es handelt sich aber um ein Online-Journalismus-Manifest). Hier nun die wichtigsten Fakten, Kritikpunkte und meine Meinung zum „Aufreger der Woche“. Ich persönlich trete für ein öffentlich-rechtlich organisiertes Modell des Onlinejournalismus ein, dass viele grundsätzliche Probleme komplett überflüßig machen würde.

DIE FAKTEN

Hintergrund der 17 Behauptungen darüber, „wie Journalismus heute funktioniert“ sind als realitätsfremd oder falsch angenommene Strategien der derzeitigen Standesvertreter der Branche, insbesondere Verlage wie Burda oder Springer, sowie der Gewerkschaft Deutscher Journalistenverband (DJV):

  • Die Hamburger Erklärung: In der Ende Juni 2009 von zahlreichen deutschen (Burda, Springer, Gruner+Jahr, Spiegel) und internationalen Verlegern unterzeichneten Hamburger Erklärung wenden sich die Unterzeichner gegen die Nutzung ihrer Inhalte ohne das dafür bezahlt wird. Kernpunkt ist etwa, dass Google in seiner Newsseite, die Inhalte von Verlagen einbindet ohne dafür zu bezahlen. Die Gegenseite meint: Das lässt sich ohne weiteres technisch von den Contentanbietern verhindern, aber darum geht es nicht. Statt nur die Besucher, die Google bringt, wollen die Verlage jetzt auch noch Geld von Google.
  • Das Leistungsschutzrecht und der DJV: Auch der Deutsche Journalistenverband wandte sich genau wie die Verleger gegen die Rolle von Google im Internet: „Die Firma vereinigt in bisher nie gekannter Weise Funktionen als Anbieter von Betriebssystemen für Computer und Handys, Internetsuchdiensten, Inhalten wie komplett digitalisierten Büchern sowie ganz besonders auch die Anzeigenvermittlung. Hier droht ein Monopol mit nie gekannter Meinungsmacht“, schrieb DJV-Chef Michael Konken im Juli. Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer teilte darauf seinen Austritt aus dem DJV mit und fragte sich, „ob man nicht etwas tun müsste“.
  • Mehr zu den Hintergründen des Manifestes bei Stefan Niggemeier.

DIE KRITIK

Das Internet Manifest, das ja eigentlich ein Onlinejournalismus-Manifest ist, wurde in der Blogosphöre auch mit reichlich Kritik aufgenommen. Einige Blogger sind der Meinung, das alles sei banal und man wolle sich nur wichtig machen. Blogger Malte Welding machte sich entsprechend lustig über das Manifest. Eine ähnliche Idee hatte auch Blogger und Journalist Benji Lanyado: Warum das Internetmanifest nervt. Ix hingegen hat das Manifest Behauptung für Behauptung auseinander genommen, ebenso wie Jörg Wittkewitz bei digitalpublic.

Etwas härter bei ihrer Kritik zugange waren, wie gewohnt, Chris von f!xmbr und Don Alphonso auf der blogbar. DA stellt die berechtigte Frage, welche Motivation (neben der vorgeblichen Sorge um den Journalismus) hinter dem Handeln der 15 Manifestverursacher steckt und kommt zu dem etwas ironischen Schluss, dass es sich um den Versuch handele einen Verband zu gründen. So nach dem Motto: Wenn die Blogs keine Kohle mehr abwerfen und die PR Agentur pleite ist, dann bleibt einem noch die Möglichkeit Verbandsfunktionär zu werden. Viele weitere Meinungen im Internet unterstellen ähnliche Absichten, etwa die man wolle sich als Berater empfehlen und gut honorierte Plätze auf Talkshows und Podien als Internetexperte (weiterhin) sichern.

Chris nun findet die ersten Bruchstellen in der Ideologie der Manifestierer: So hatte die ehemalige Tagesspiegel.de-Chefin und jetzige Guardian Mitarbeiterin Mercedes Bunz auf der Website der britischen Vorzeigepostille einen Blogbeitrag über das Internet Manifest geschrieben, ganz so, als wäre sie selbst nicht daran beteiligt. Auf diesen Umstand weist sie nur in einer Klammer im dritten Absatz hin. Stefan Niggemeier findest das „geschenkt“. Betrachtet man allerdings, dass es sich ja um ein Manifest zum Journalismus handelt, ist das ganz und gar nicht zum darüber hinwegsehen. Ähnlich „PR in eigener Sache“-mäßig mutet auch dieser Bildblog-Artikel an, in dem Springerchef Döpfner mit eigenen Waffen entwaffnet werden soll: Die Bild habe einen Zeit-Artikel „geklaut“, ganz so wie es im Falle von Google News mit den eigenen Inhalten in der Hamburger Erklärung (siehe oben) kritisiert wird. Was Bildblog verschweigt: Die Zeit hatte das betreffende Jauch-Interview in Auszügen als Pressetext freiwillig zum „klauen“ herausgegeben, was völlig üblich ist.

MEINE MEINUNG:

Als einer der wichtigsten Punkte bei der Beurteilung des Internet Manifests erscheint mir, ähnlich wie Don Alphonso, die Frage nach der Motiviation der Autoren. So ist etwa Stefan Niggemeier ja niemand der selbstlos aus Sorge um den Journalismus ein medienkritisches Blog betreibt, sondern jemand der aus Medienkritik ein Geschäftsmodell gemacht hat. Nun kann Niggemeier aber in der glücklichen Lage sein, mit den eigenen Idealen sogar noch Geld verdienen zu können. Im Falle von Sascha Lobo lässt sich eher vermuten, es gehe wie immer um Publicity und Kohle und dann erst um die Sache.

Jedoch ist es unwichtig, diese Motiviationen zu bewerten, die spannende Frage ist: Wenn 15 Publizisten, die oft auch Unternehmer sind oder für die privatwirtschaftliche Presse arbeiten, so ein Manifest verfassen, liegt da der Schwerpunkt nicht eben auch bei jener?

Zwar schreibt Stefan Niggemeier in den Kommentaren zu seinem ersten Artikel zum Internet Manifest

„Ich weiß nicht, wie qualitativ hochwertiger Online-Journalismus bezahlt werden soll. Auf Dutzende Arten: Mit Bezahl-Modellen. Mit Abo-Modellen. Durch Mikro-Payment. Durch Werbung. Durch Spenden. Durch Stiftungen. Durch Quersubventionierungen […] Durch Premium-Modelle. Durch Communitys. Durch Kleinanzeigen. Durch Sponsoren. Durch Dinge, die man heute noch gar nicht kennt.“

… und stellt damit klar, dass es nicht nur darum geht, den privatwirtschaftlich finanzierten und im Netz oftmals schrecklichen Journalismus zu verbessern, sondern es auch andere Modelle geben kann, aber eines erwähnt er nicht: das öffentlich-rechtliche Modell.

Denn tatsächlich ist es so, dass die Verlage im Netz nicht nur unzureichend guten Journalismus im Netz machen (wobei ich immer auch die Frage stellen würde: Wer sagt eigentlich, dass sie unbedingt Journalismus im Netz machen müssen?), sondern sie verhindern auch, dass andere diese Aufgabe übernehmen: durch den Einfluß der Verlagslobbyisten auf die deutsche Politik hat der Gesetzgeber den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Netz enge Grenzen für journalistische Angebote gesetzt: so dürfen die ÖR keine journalistischen Angebote ins Netz stellen, die keinen Bezug zu einer Sendung haben. Auch der Abruf von Sendungen ist zeitlich reglementiert, in vielen Fällen muss der entsprechende Inhalt nach einer Woche aus dem Netz.

Dabei wird angesichts der im Netz weit verbreiteten Anti-GEZ-Haltung und so mancher Sümpfe in den Anstalten oft vergessen, dass eine öffentlich rechtliche Anstalt für die Presse einen klaren Informations- und Meinungsbildungsauftrag, also einen journalistischen Auftrag hat. Im Falle eines Verlages ist der Auftrag: Profit. Der Journalismus ist nur nachgeordnetes Mittel zum Zweck. Die Entwicklung im Netz zeigt: Wenn dieses Mittel nicht mehr funktioniert, dann gibt es eben auch keinen Journalismus, sondern Gossip, Titten und Klickstrecken. Und da hilft es auch nichts, wenn es im Manifest in Punkt 13 heißt: „Eigentum verpflichtet“.

Es ist also ganz einfach: Statt sich darüber zum empören, dass die Verlage keinen ordentlichen Journalismus im Netz machen oder völlig falsche Strategien zu dessen Finanzierung haben, warum nicht einfach eine öffentlich-rechtliche Internetanstalt fordern. Dann hat sich das Problem von selbst gelöst. Die Verlage können dann getrost das machen, was aus ihrer Sicht richtig, also lukrativ, ist. Niemand brauch sich dann Sorgen um den Onlinejournalismus zu machen, sondern nur noch darum, wie genau er die Möglichkeiten des Internet nutzen soll. Kurzum: Es muss eine öffentlich-rechtliche Grundversorgung im Internet geben, die weit über das hinausgeht, was sie derzeit darf. Dann erledigt sich das Problem mit den Verlagen von selbst bzw. über den Markt. Fragt dort niemand nach Journalismus nach, muss da auch keiner welchen produzieren. Und wird der hinter Zugangsbarrieren angeboten, oder ist er schlecht: auch egal.

It’s as simple as that!

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