Früher war das Internet nicht vor allem das World Wide Web, in dem sich sämtliche Internetanwendungen nach und nach zusammengefunden haben, es gab noch keine Blogs, kein Twitter, kein Facebook. Wer damals mitteilungsbedürftig war, der postete im Usenet, das ist eine Art Forum ohne Web ist, so wie IRC ein Chat ohne Web ist.

Was es zu diesen Zeiten schon gab, war ein Verhaltenskodex darüber wie man sich im Netz zu benehmen hat, der guten Umgangston miteinander regelte und später Einzug in die Grundregeln fast aller Foren, Chats und Communities im Internet gefunden hat. „Vergessen Sie niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!“ ist einer der bekanntesten Regeln/Empfehlungen der sogenannten „Netiquette“. Diese Netiquette ist zum Beipsiel auf dem Server der Freien Universität Berlin mit einem Eintrag vom ursprünglich 1. Dezember 1995 dokumentiert.

Das ist aber erst 14 Jahre her, also im Prinzip noch „ganz frisch“, so dass Bundeszensurministerin Ursula von der Leyen jetzt fordert: Im Internet sollen Benimm-Regeln gelten. Das schreibt Spiegel Online unter Berufung auf die Rheinische Post.

Update. Wörtlich sagte von der Leyen in der RP:

„Ich möchte gemeinsam mit den Verantwortlichen solcher Kommunikationsforen, aber auch mit der Kompetenz der Jugendlichen einen Verhaltenskodex entwickeln. Es geht um achtsamen und wachen Umgang miteinander. Minderjährige müssen beispielsweise wissen, dass sich Erwachsene mit üblen Absichten in ihre Chats einschleichen können. Sie können soziale Kompetenzen im virtuellen Miteinander ebenso erwerben wie im realen Leben. Mobbing im Netz kann nicht toleriert werden. Respektvoller Umgang muss in Chats, blogs oder Foren so selbstverständlich sein, wie wir das auch im Schulalltag mit Streitschlichtern oder Vertrauenslehrern einfordern.“

„Ziel es sei, gemeinsam mit den Verantwortlichen sowie jugendlichen Nutzern einen Verhaltenskodex zu entwickeln“, so der Spiegel über Frau von der Leyens Pläne. Das Internet lacht sich wahlweise kurz kaputt, oder schreibt lange Abhandlungen über den neusten Irrsin aus der Schatztruhe der Ministerin.

Wer solche Vorschläge macht, muss wohl oder übel mit erneuter Häme der Netzcommunity rechnen. Frau von der Leyen beweist mal wieder wie wenig Ahnung Politiker oft von dem haben, wovon sie reden. Aber das kennen wir schon. Die treffenden Bezeichnung „Zensursula“ für die Ministerin wird jedenfalls nicht als Verstoß gegen die Benimmregeln des Internet in die Nettiquette aufgenommen, denke ich.

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