Gestern Abend wurde in der Kölner Vulkanhalle der diesjährige Grimme Online Award vergeben. Zu den acht Preisträgern des Jahres 2009 gehören auch drei Blogs.

Ich freue mich besonders, dass „Carta“ einen Preis beim Grimme Online Award gewonnen hat. Carta ist ein Autorenblog zu den Themen Politik Medien und Ökonomie. Die Jury begründet die Auszeichnung unter anderem folgendermaßen: „Die Stärke des Autorenkollektivs von „Carta“ ist es, dass in den Beiträgen größere Zusammenhänge in den Blick genommen und angemessen verortet werden. Somit dient die Website als sinnvolle Ergänzung zu den vielfältigen Einzel-Blogs, die sich mit Medien, Politik und Wirtschaft befassen. Hervorzuheben sind darüber hinaus die – prominent platzierten – redaktionell sorgfältig ausgewählten Links zu relevanten Beiträgen anderer Medien.“

Ich persönlich finde Carta derzeit eines der spannendsten Projekte im Netz und mit Abstand das lesenswerteste deutsche Blog. Mit nur etwa 80.000 Seitenaufrufen pro Monat ist das erst im vergangenen Jahr gestartete Blog bislang scheinbar eher ein Geheimtipp. Das wird sich in Zukunft hoffentlich ändern. Allerdings: Carta bietet keine Mainstream-Meinungen und leichte Erklärungen, sondern denkt gerne auch mal ein paar Ecken weiter. Herzlichen Glückwunsch. Carta-Autor Robin Meyer-Lucht freut sich über den Preis: „Wir freuen uns wahnsinnig über diese Anerkennung und Bestätigung für unsere Ideen und Ansätze durch den Preis.“

Ein neher „politisches Statement“ (wenn auch inoffizielles) ist der Preis für das Blog des freien Sportjournalisten Jens Weinreich. Nicht nur weil Weinreich einer der wenigen Sportjournalisten des Landes zu sein scheint, der nicht nur einen als Journalist verkleideten Fan darstellt, sondern auch, weil Weinreich vor einiger Zeit eine juristische Auseinandersetzung mit dem Chef des Deutschen Fußballbundes, Theo Zwanziger, hatte. Weinreich hatte Zwanziger in den Kommenatren eines anderen Blogs einen „unglaublichen Demagogen“ genannt, worauf es einen heftigen juristischen Schlagabtausch gab, der zunächst in anderen prominenten Blogs, später dann auch in einigen Medien als „Mundtot machen“ eines unabhänigen Journalisten gedeutet wurde. Mit dem Grimme Online-Preis erfährt diese Deutung des mutigen Davids der sich (nicht nur im Falle DFB) gegen die Goliaths der Sportindustrie auflehnt eine Bestätigung und David „Jens Weinreich“ eine entsprechende Ehrung. Gemessen an den Seitenaufrufen seines Blogs ist Jens Weinreich auch ein echter David, nur knapp 50.000 Mal werden im Monat die Seiten seines Blogs angeklickt.

Offiziell hat die Jury allerdings kein Wort über diesen Hintergrund verloren. In der Begründung des Preises für Weinreich heißt es: „Journalisten-Blogs existieren zahlreich im Web, doch nur wenige dieser von professionellen Autoren gestalteten Blogs bieten einen Einblick in die journalistische Arbeit. Zu den wohltuenden Ausnahmen gehört das Blog des Sportjournalisten Jens Weinreich, in dem er Themen und deren Hintergründe so tief beleuchtet, wie es ihm offenbar nur im Web möglich ist. Weinreich belegt in seinem Blog mit viel Fleiß und Engagement, dass intensive, investigativ-journalistische Recherche harte Arbeit ist.“.  Jens Weinreich selbst schreibt: „Ich bedanke mich bei allen, die hier vorbei schauen, kommentieren, verlinken, streiten, whistleblowen, widersprechen, fragen, hinweisen und auf andere Art und Weise meinen Horizont erweitern. Und bei jenen, die mir mit Spenden in einer juristischen Auseinandersetzung geholfen haben, die der Jury kein Wort mehr wert war – was mir übrigens besonders gefallen hat.“

Das dritte ausgezeichnete Blog beim Grimme Online Award 2009 ist schließlich das „Design Tagebuch„, ein Fachblog, das sich unter anderem mit den Themen Gestaltung, Design und Fotografie beschäftigt, und sich aber an eine breite Leserschaft richtet. Die Grimme Online-Jury schreibt zur Begründung: „Eine zentrale publizistische Leistung des Diplom-Designers Schaffrinna ist seine herausragende Auswahl der analysierten Websites, Logos und Themenfelder. Die Beiträge sind von hoher Relevanz, aktuell und nehmen häufig große Medienbetriebe, Unternehmen und Institutionen in“. Autor Achim Schaffrina schreibt im Designtagebuch über die Ehrung: „Ich komme gerade aus Köln zurück. Mit im Gepäck habe ich den Grimme Online Award 2009, den ich für das Design Tagebuch in der Kategorie “Wissen und Bildung” überreicht bekommen habe. Ich finds grandios und kann es noch nicht so recht fassen.“ Im Gegensatz zu den beiden anderen ausgezeichneten Blogs ist das Design Tagebuch mit über 300.000 Seitenaufrufen im Monat ein echter Schwergewichtler.

Doch die Anzahl der Seitenaufrufe ist sowieso nur für den kommerziellen Erfolg entscheidend. Die meistgeklickten Blogs der deutschen Blogosphäre haben Millionen Seitenaufrufe im Monat, bieten wie das Schäppchenblog MyDealz maximal eine Art von Nutzwertjournalismus, im Falle von Bildblog Häppchenjournalismus und Aufklärungssimulation oder im Falle von Promipranger auch gar keinen Journalismus und stehen eher unter einem kommerziellem Stern. Es ist schön, dass das Grimme Institut in diesem Jahr diejenigen Blogger unter die Preisträgern gewählt hat, die das Medium nicht nur (oder auch gar nicht) zum Geldverdienen nutzen, sondern tiefgründige und engagierte Arbeit leisten. Lest mehr solche Blogs!