Die politische Talentshow „Ich kann Kanzler“ muss man eigentlich auf zwei verschiedene Arten kritisieren. Erstens hinsichtlich der Botschaft die sie, und ihre Kandidaten über Politik und Politiker transportierten, zweitens hinsichtlich der Qualität der eigentlichen TV-Show. In beiden Fällen fällt das Urteil vernichtend aus. „Ich kann Kanzler“ war, kurz gesagt, „beschissen“. Und mit „beschissen“ kennt sich das ZDF hinsichtlich Unterhaltungssendungen ja auch bestens aus.

Das traurigste an „Ich kann Kanzler“ (IKK) war eigentlich das Bild vom Politiker das da transportiert wurde. Man hatte den Eindruck bei Politik ginge es darum, selbst eine Idee zu haben und diese dann möglichst irgendwie durchzukriegen. Wobei diese Idee dann aber nichtmal mutig und jenseits des Mainstream liegen darf, sondern möglichst keinen verschrecken soll. Es ist dieser merkwürdige Zwitter aus dem was einem selbst am meisten nützt und dem Versuch es mit populären Schlagworten, wie Familie, Bildung oder (Steuer)-Gerechtigkeit auf mehrheitsfähig zu trimmen. Also genau das, was Politik in Deutschland ist.

Und ich dachte immer, dass Politiker diejenigen sind, die Ideen, Kritik, Wünsche und Forderungen aus der Gesellschaft aufgreifen und diese dann in Politik umsetzen. Weit gefehlt. Es verwundert daher wenig, dass es da einen Geschäftsführer aus Bayern gab, der folglich in seinem Sinne ein einfacheres Steuersystem wollte. Die arbeitslose, alleinerziehende Mutter von vier Kindern wollte Elternkompetenzzentren (oder so) bauen lassen, der Abiturient wollte das Bildung billiger wird (für die zu Bildenden), die Migrantin will Migranten fördern, der rechte SPDler steht voll auf Ficken und Bildung (Macht Kinder, baut Schulen).

So kochte jeder mehr oder weniger sein eigenes, aber populäres Süppchen. Weder gab es Ideen jenseits des Mainstream (die waren vorher aussortiert wurden), noch ein klare politische Botschaft für eine andere, demokratischere Politik im Sinne aller. Nur die gleiche, geschmacklose, trübe Brühe nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner-Prinzip.

Viel schlimmer wiegt allerdings, dass, wenn die Kandidaten überhaupt etwas zu sagen hatten, 80 Prozent davon hohle Phrasen waren. Beinah hatte man das Gefühl, IKK sei gar keine politische Talentshow, sondern der Versuch Politiker möglichst treffend zu parodieren.

Überhaupt scheint es bei der Auswahl der sechs Finalkandidaten auch gar nicht um Talent gegangen zu sein, sondern darum, dass möglichst jeder Zuschauer sich nicht angepisst fühlt und jede irgendwie populäre Mainstream-Politik-Idee, an der es in der Realität noch happert (Steuern, Bildung, Integration) in der Sendung vertreten ist. Alle Kandidaten waren, wie die FAZ heute schreibt, potenziell mehrheitsfähig, auf der Höhe des Zeitgeistes und wie gemacht für die deutsche Politik. „Nur ja niemanden verprellen. Das hatten die sechs Finalisten der Politcastingshow übrigens gemeinsam.“

Das alles hätte wenigstens unterhaltsam sein können, wäre da eben nicht das ZDF gewesen, dass sich diese ansich ja supertolle Sendung ausgedacht hat. Steffen Seibert, eigentlich ja eher Journalist als Entertainer (was selbst im ZDF ein ungewöhnliches Gegensatzpaar ist), hatte definitiv den Tiefpunkt seiner TV-Karriere. Die nervöse, banale und stinklangweilige Art, wie er die Sendung verwaltete, sollte selbst hartgesottene ZDF-Zuschauern mit der Müdigkeit kämpfen lassen.

Und so ging es auch Anke Engelke, die völlig fehlplatziert war und irgendwie überhaupt nichts zu sagen hatte. Als es darum ging, dass beim späteren Sieger Jacob Schrot Politikerposter im Zimmer hängen, verfiel die Comedienne fast zwanghaft in eine ihrer Rollen aus Ladykracher, was aber auch nicht lustig, sondern irgendwie 2004 war. Die anderen Jurymitglieder Henning Scherf, einst selbst Politiker und Günter Jauch, der seit Jahren erfolgreich einen Journalisten simuliert, blieben im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Und es wundert mich auch überhaupt nicht, dass Jauchs Firma diese Sendung produziert hat.

Das alles war klar. Man muss schon sehr blauäugig sein, wenn man gedacht hatte, das ZDF könnte auch nur irgendetwas spannendes, unterhaltsames, mutiges, jenseits des Mainstream stehenden produzieren. Das ist allein deshalb schon nicht möglich, weil das ZDF sowieso nichts anderes ist, als ein dem Mainstream verpflichtetes Sprachrohr der deutschen Parteiendemokratie, dessen jüngste Ausgeburten es an diesem Abend präsentierte. Der stern schreibt (in seinen TV-Kritiken wie immer treffend):

Zwar wurde ständig etwas von „neuen Ideen für Deutschland“ erzählt, aber diese hießen: mehr Bildung, bessere Familienpolitik, mehr Integration, ein gerechteres Steuersystem, Optimismus und „Machen statt Meckern“. „Peacenicks“ oder „Dritte-Welt-Bewegte“, Globalisierungskritiker, strenge Ökologen oder Feministinnen; auch nur Ansichten, die quer zum Mainstream liegen oder parteipolitische Schemata sprengen, kamen gar nicht erst vor. Auf die Welt schaute keiner. Letztlich maßen nur innenpolitisch fixierte freundliche Kinder der Wohlstandsgesellschaft ihre Fähigkeit zu Rede und Selbstdarstellung.

Mit 6,3 Prozent Marktanteil sendete das ZDF erwartungsgemäß auch an der jungen Zielgruppe komplett vorbei. Mit jungen Ideen und Mut zu einer anderen Politik hatten die Nachwuchspolitker auch ohnehin nichts am Hut. Sie waren lediglich das Abziehbild jedes anderen Berufspolitikers in Deutschland. Immerhin kann man sagen, Jacob Schrot der mit deutlich absoluter Mehrheit zum Sieger des Abends gewählt wurde, hat eine glänzende Karriere als Politiker vorsich. Aber Achtung, nur nicht anecken. So habens Steffen Seibert, Günter Jauch, Anke Engelke und Henning Scherf ja auch zu was gebracht.

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