Habt ihr gestern auch „Wetten, Dass…?“ geschaut? Wahrscheinlich ja, insofern ihr den Abend vorm Fernseher verbracht habt, kam ja auch sonst nix. Vielleicht fangen wir mal mit dem Guten an. Das Publikum war super, die Luftbilder von der Arena auf Mallorca aus der das ZDF sendete, waren toll und die Sprüche die Thomas Gottschalk macht, wenn er ins Publikum geht, haben nichts von ihrem Witz verloren. Festzustellen ist auch: Otto ist immernoch ziemlich lustig.

Mein erster Eindruck am gestrigen Abend von „Wetten, Dass…?“ war der, das ich mich fragte, ob das ZDF Thomas Gottschalk gegen einen Bordellbesitzer als Moderator ausgetauscht hatte. Tatsächlich aber hatte sich Gottschalk nur als Bordellbesitzer verkleidet, um die Sommerausgabe zu moderieren. Im Laufe das Abends störte das Kostüm allerdings nicht weiter.

Gottschalks größtes Problem des abends war allerdings weder, dass Naomi Campbell wieder ausgeladen wurden war, noch das ab und an auchmal etwas schief ging, worüber Gottschalk souverän hinwegmoderierte, sondern seine Bessenheit vom Thema Zielgruppen-Quoten. Gleich mehrmals kokettierte er mit dem Thema in der Sendung. Nachdem unglaublich schrecklichen Auftritt Placido Domingos (eine Wetteinlösung) sagte Gottschalk sinngemäß, jetzt habe er sicher 200 bis 300 Zuschauer in der Zielgruppe verloren, die hole man sich jetzt aber zurück (mit einem Auftritt des mir unbekannten Highschool-Musical Stars Ashley Tishdale).

Und auch als die unerträglichen Prominenten-Kinder von Howard Carpendale und Hardy Krüger auf dem Sofa Platz nahmen, musste direkt nochmal über das Thema Zielgruppe gesprochen werden (die beiden spielen in so komischen Serien mit, die Namen wie „Forsthaus Falkenau“ oder „Der Landarzt“ haben, fragt mich jetzt aber nicht, was das ist). Gottschalk scheint es ziemlich mitzunehmen, dass er in der Zielgruppe nicht mehr so gut ankommt. Dabei gibt zumindest Quotenmeter heute Entwarnung: Gottschalk räumt ab, vergangene Quoten wurden überflügelt, schreibt das Portal über die Ausgabe von „Wetten, Dass…?“ in himmlische Höhen. Und zur Ehrenrettung Gottschalks sei auch gesagt, das er von einem schlechten Moderator noch zu unterscheiden ist und der nachlassende Erfolg von „Wetten, Dass…?“ am wenigsten an ihm liegt.

Mit 9,29 Millionen Zuschauern erreichte Gottschalk allerdings nichtmal so viele Zuschauer wie „The Apprentice“ am vergangenen Sonntag in UK. Darüber, dass britische TV Sendungen die angeblich erfolgreichste Fernsehsendung Europas seit einiger Zeit locker schlagen, hatte ich gestern schon ausführlich geschrieben (Großbritannien hat 20 Millionen weniger Einwohner als Deutschland). Es waren immerhin 60.000 Zuschauer mehr als im März und sogar 35,8 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. „Wetten, Dass…?“ bleibt also erstmal auf Augenhöhe mit Sendungen wie DSDS oder Dschungelcamp (das es zumindest 2010 auch gar nicht mehr gibt).

Auch die Mallorca-Ausgabe von „Wetten, Dass…?“ funktionierte genauso so, wie man das von „Wetten, Dass…?“ gewohnt ist. Das heißt, so wie die Macher glauben, die gesamte Familie erreichen zu können. Es gibt Gäste für die Mutti und Omi, so mal nen Opernsänger zum Beispiel, einen Actionschauspieler für Papi und beinah enthüllte Titten für den Opi, einen Teeniestar und Ice Age (war im Grunde nur eine Werbeeinblendung der Content-Industrie) für die Kleinsten. Das alles für sich genommen nichtmal Mittelmaß ist, wird dabei gerne übersehen.

Bewunderswert ist es, dass Gottschalk immer Gäste einladen kann, die vor allem er selbst toll findet (was dazu führt, dass manche Promis schon gefühlte 50 PR-Termine auf dem „Wetten, Dass…?“ Sofa hatten; Michelle Hunziker war allerdings gerade erst zum vierten Mal da, ich glaube, da muss noch nachgelegt werden). So war es offensichtlich, wie sehr Gottschalk die Musikauftritte von dieser Beatles Coverband und den Simple Minds (nein, dass sind keine öffentlich-rechtlichen Programmplaner) genoß. Da steht er dieser Mann, der sich trotzig und heuchlicherisch gegen die Quotendebatte wärt (die man im ÖR prinzipiell gar nicht führen sollte) inmitten von 9000 Menschen in bester Laune, die Kameras kreisen durch die Arena und für einen Moment hat man das Gefühl eine gute Fernsehshow zu sehen.

Bei diesem Moment bleibt es. Denn es ist vor allem Gottschalks Moment. Alles andere ist handwerklich professionelles Mittelmaß, das Regeln folgt, die vielleicht in den 80er und 90er Jahren mal galten um eine Samstagabendshow zu machen, die aber 2009 keinen mehr vom Hocker reißen. Dieser Moment der Freude, wenn Gottschalk begeistert seinen Lieblingsmusikern zuhört, er überträgt sich nur schwer auf das Publikum zu Hause, und er ist von kurzer Dauer.

In der nächsten TV-Saison wird sich Gottschalk wieder dem Alltag stellen müssen. Da sich RTL in der Werbekrise scheinbar vorgenommen hat kleinere Brötchen zu backen und erstmal nicht mehr als 6 Millionen Zuschauern braucht, die locker mit bewährten und nicht zu teuren Formaten eingefahren werden, droht „Wetten, Dass…?“ auch fürs erste keine Gefahr auf dem deutschen Fernsehthron. Was weiterhin fehlen wird, ist die Fernsehsendung am Samstagabend über die wirklich alle sprechen, in der etwas passiert, was man sehen muss, was man noch nie gesehen hat, die uns verbindet und sprachlos macht.

andere Blogs zu Wetten, Dass…?: Peer Schader über die seltsamen Reaktionen der Spon-Forenuser auf eine Spiegelkritiküber Wetten, Dass…? (von ihm selbst).

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