Das Folgende ist ein Kommentar zu: Susan Boyle in Klinik nach Got Talent-Finale

Einen Fall, wie den der Susan Boyle hat es so wohl noch nicht gegeben. Das ist überraschend, den jeder kulturkritische Soziologe etwa wird wohl beim Anschauen einer Reality-Show schonmal auf den Gedanken gekommen sein, dass der plötzliche, konstruierte Ruhm irgendwie auch ungesund sein könnte. Es ging zulange gut.

Es hat beides schon gegeben, Menschen die über Nacht Stars wurden, und Prominente, die mehr Zeit in Entzugskliniken und Heilanstalten verbringen als auf der Bühne. Überraschenderweise hat es noch keinen Fall gegeben, bei dem jemand recht unschuldiges, unbedarftes so schnell berühmt wurde, und dann an all diesem Trubel so schnell zerbrach.

Ich erinnere mich an eine DSDS-Kandidatin, die in der ersten Staffel Schluß machte, weil es ihr zuviel wurde, an erschöpfte Big Brother-Kandidaten, an viel Heulerei in Reality Shows, aber das war alles wenig beunruhigend. Selbst eine Lisa Bund im Dschungelkamp, kämpfend um Ruhm und Anerkennung, am Ende ein nervliches Wrack, sie war nicht mehr als ein Kollateralschaden. Das ist Showbiz, kommt vor, machen das ja freiwillig, werden gut bezahlt, kann man sagen. Außerdem wars ja „nur“ ne blonde Zicke, ne Attention Whore, Wannabee, wie auch immer.

Irgendwann musste es aber mal passieren, es musste die Falsche treffen. Und zwar richtig. Verdächtig lange hat sich das „Jeder kann ein Star sein“-Paradigma der Fernsehunterhaltung gehalten. Um welchen Preis, sollte man fragen. In einer Gesellschaft, in der nichtmehr nur die Schönen, die Talentierten, die Besten, die die am härtesten arbeiten Ruhm ernten, sondern gezielt die gesucht werden, die ganz und gar nicht makellos sind, um nicht mehr nur zynisch als Negativbeispiel dazustehen, sondern im Gegenteil zu echten Stars werden. In einer Gesellschaft, in der Ruhm aber gleichzeitig als das höchste zu erreichende Ziel gilt, muss es früher oder später zu Störungen kommen.

Und zu Opfern. Bislang haben das Spiel um den Ruhm all die „Simples“, ob nun etwa in Deutschland ein Holger Göpfert oder Michael Hirte, recht gut überstanden. Es ist nicht bekannt, dass sie Schaden davon getragen haben. Aber die Entwicklung hin zum Normalo als Star hat in diesem Ausmaß auch gerade erst begonnen. Nachdem Susan Boyle bei Britain’s Got Talent ihre erste Audition hatte, explodierte irgendwo etwas in der nach Entertainment, Projektionen und Emotionen gierenden Popkulturwelt. Plötzlich, quasi über Nacht, war Susan Boyle ein Weltstar.

Es war der Tag, andem das wohl weltbeste TV-Format Britain’s Got Talent zu eben diesem endgültig wurde. Und aus einer Küchenhilfe aus Schottland wurde jemand, der auf einmal (fast) so bekannt war wie der amerikanische Präsident. Mann kann auf viel vorbereitet sein, aber darauf nicht. Und selbst die besten Psychologen, das beste Team, das sich um die Kandidaten kümmert, können all das nicht kompensieren.

Es sind schon große Stars am Ruhm zerbrochen, ob Michael Jackson, Amy Winehouse, Whitney Houston, Robby Williams, Lars von Trier – die nach dem Höchsten streben, sie fallen tief; begleitet von Medien und Öffentlichkeit. Was aber bei diesen Profis Jahre dauert, bei Susan Boyle geschah es in wenigen Wochen. Von der Küchenhilfe zum Weltstar, dann zum Opfer der Schlagzeilen, dann zum „nur noch“ Zweiplatzierten, und nun in der Klinik. Erschöpft, ausgebrannnt.

Es war der Tag an dem Britain’s Got Talent (BGT), an dem das Fernsehen seine (neue) Unschuld verlor. Gerade Shows wie BGT konzentrieren sich auf gezielt kalkulierte Emotionen, auf die Gemeinsamkeiten der Gesellschaft, auf Verbindung, Werte. Das war etwas neues, eine Unschuldigkeit. Dass sie dazu eine „Unschuldige“ opfern mussten, war vielleicht solange möglich wie die „Unschuldige“ schadlos bleibt, mit Millionen Pfund letztlich in eine bessere Zukunft entlassen wird. Doch das Spiel, es ging nicht auf.

Der tiefe emotionale Fall der Susan Boyle, er ist nicht mehr nur ein Kollateralschaden. Er ist ein Signal, ein Weckruf an die TV-Macher. Wenn der Vorhang fällt, steht hinter all dem konstruierten Ruhm kein neuer Star, sondern im schlimmsten Fall eine gebrochene Frau. Das Fernsehen erst hat selbst die zerstörerische Kraft des Ruhms entfacht und wir, die Zuschauer überall auf der Welt, haben sie katalysiert.

Für Susan Boyle hoffen wir in diesen Tagen das Beste, dass sie sich erholt und Glück findet, vielleicht eine Platte aufnimmt, tut was immer sie will. Susan Boyle hat uns eine Geschichte erzählt davon, wie jemand, von dem man es nicht glaubte, Ruhm erlangen kann. Die Geschichte wollten wir hören. Und die Macher, sie haben vielleicht für einen Moment geglaubt, sie seien Gott. Jetzt sehen wir, wie sie, Susan Boyle, daran zerbrochen ist. Der Fall Susan Boyle hat uns aber auch gezeigt, wo die Grenzen liegen, die das Fernsehen nicht überschreiten sollte. Menschen sind nicht nur schöne Geschichten, sondern Menschen. Fernsehen muss das lernen.

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