Zahme Kontrahenten: Mathias Matussek und Gregor Gysi (c) Phoenix

Zahme Kontrahenten: Mathias Matussek und Gregor Gysi (c) Phoenix

In der neuen Phoenix Talkshow „Macht trifft Meinung“ treffen ein Politiker und ein Journalist, der über den ersteren einen „Verris“ geschrieben hat zu einem Streitgespräch aufeinander. In der ersten Folge, die Phoenix gestern ausstrahlte und die online abrufbar ist, waren das Gregor Gysi von der Linkspartei und Matthias Matussek vom Spiegel. „Gregor Gysi vs. Matthias Matussek“ heißt es da im Vorspann wie in einem Boxkampf oder einem Killerspiel, untermalt von spannungsgeladener Musik. Der eigentliche Talk dann war allerdings weitaus zahmer.

Matussek hatte Gysi (vor einem Jahr) im Spiegel vorgeworfen, dass er einen peinlichen Auftritt lieferne, mit Kalauer-Kaskaden ablenke, ein nicht zufassender Polit-Clown sei er, unerkennbar wofür er eigentlich stehe. Gysi sei Paris Hilton -ohne Hündchen. (Archiv-Version des betreffenden Spiegel-Artikels)

Gysi konnte sich letztlich gegenüber Matussek als Sieger durchsetzen. Offiziell gibt es keinen Sieger oder Verlierer, das ist meine Bewertung. Was daran lag, dass Matussek quasi die Rolle eines interviewenden Journalisten einnahm, als sei er gar nicht im Fernsehen. Dabei machte er zunächst zahlreiche Fehler. So bezifferte er das Partevermögen der SED zunächst mit 6,2 Milliarden, dann mit 6,2 Millionen. Später muss sich Matussek korrigieren lassen, dass eine Demonstration gegen den Krieg im Kosovo nicht vor dem Roten Rathaus, sondern auf dem Alexanderplatz in Berlin stattgefunden habe.

Gysi konnte, offensichtlch hervorragend vorbereitet, allen Vorwürfen und Unterstellungen Matusseks etwas entgegensetzen, was Matussek, beinah gelangweilt, ja aphatisch wirkend zur Kenntnis nahm, aber nicht weiter entkräftete oder als Lüge (wenn es denn eine sei) enttarnte.

Matussek, der im Laufe des Gespräches zeitweise so aussah, als würde er augenblicklich anfangen zu weinen, beging dabei den Fehler, sich möglicherweise seinen Teil zu denken, als sich in Dikussionen verstricken zu lassen. Dabei vergas Matussek, dass er ander als in seiner Arbeit als Printjournalist, den Erkenntnisgewinn für den Zuschauer, die Annährung an die objektive Wahrheit, nicht in Form eines Artikels nachreichen kann, sondern während der 25minütigen Talks leisten muss.

Ob Parteivermögen der SED, die vermeintliche inoffizielle Mitarbeit Gysi bei der Staatssicherheit, Bonusmeilenaffäre, die angebliche Symphatie zum Völkermörder Milosevic, bei allen angesprochenen Themen behält Gysi die Deutungshoheit. Die Umdeutung durch den Journalisten (die sich hoffentlich an der Wahrheit orientiert) findet nicht statt. Die steht ja auch schon im Spiegel.

Das Problem ist, dass der Talk den Eindruck eerzeugte, dass alles was Matussek im Spiegel geschrieben hat, falsch ist, auf Vorurteilen beruht, quasi Kampagnenjournalismus ist, unfair und zum Teil schlichtweg falsch. Das erreicht zu haben ist die Leistung Gysis in diesem Streitgespräch gewesen. Und daher muss ihn als Gewinner bezeichnen. Der Verlierer ist Matussek, der ein beschädigtes Bild vom Journalisten zurücklässt.

Weitere Stimmen zum ersten „Macht trifft Meinung“-Talk:

Jörg Thomann von der Faz schreibt über „Macht trifft Meinung“, „der flinke Linksausleger [Gysi] wich immer wieder aus. Und tänzelte dann seinen berühmten Gysi-Shuffle, der den Kontrahenten zusehends sprachlos machte.“ […] „Wenn schon ein Verbalkraftprotz wie Matussek auf verlorenem Posten steht, sehen wir schwarz für die zarteren Naturen unserer Zunft. Sie sollten sich besser nicht aus der Deckung ihrer Schreibstuben wagen – denn wenn die Macht die Meinung trifft, kann es manchmal ganz schön wehtun.“

Beate Strobel vom Focus über die erste Ausgabe von „Macht trifft Meinung“: „Matussek, fern seiner Bücher und auf unsicherem Terrain, versucht sich in die Rolle des Moderators zu retten.“ […] „Gysis Rache an Matussek: gelungen. Nichts schmerzt einen Journalisten mehr, als sprachlos zu wirken.“

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