Wenn sich die Schlauen streiten, macht es Spaß dabei zuzuschauen. Ausgangspunkt ist ein Text, der auch von Gregor Keuschnig vom Begleitschreiben hätte geschrieben sein können. Adam Soboczynski von „Die Zeit“ schreibt über das Netz als Feind der Intellektuellen, ein Beitrag, der er auch den Onlinechef der Zeit ein wenig verdutzt gemacht hat, je nachdem wie man diesen Tweet von Wolfgang Blau interpretiert.

Ich persönlich bin entweder nicht so schlau, wie die Leute, die Soboczynskis Text kritisieren oder genauso schlau wie Soboczynski selbst, denn mir gefällt er außerordentlich gut. Wenn man allerdings bedenkt, dass carta und Knüwer (dazu später), denen der Text heftig aufstößt, ja Teil des kritisierten Wepapparats sind, und folglich den Angriff mit einem Gegenangriff beantworten müssen, könnte mein Gefühl mir Recht geben.

Bedenkt man zudem, dass Knüwer den Vorwurf der wortgewaltigen Unwissenheit selbst nicht durch Gegenargumente belegt und Carta die Kommentatoren dazu auffordert welche zu suchen, könnte man fast meinen, da sind alle des gleichen Geistes Kind.

Der Hauptgrund aber, warum ich denke, dass Soboczynski Recht hat, ist dass ich bzw. mein Blog in großen Teilen genauso ist, wie das, was er kritisiert, und die Figur Thomas Television (das bin ich) denkt genauso, wie es Soboczynski unterstellt. Dazu ein paar Auszüge aus seinem Text:

Die in der Existenzkrise befindliche Zeitung ebenso wie ihr Pendant im Netz seien veraltete Machwerke von Oligarchen; Foren, Blogs, selbst Plattformen wie Pirate Bay, über die urheberrechtlich Geschütztes illegal bezogen werden kann, hingegen verkörperten antiautoritäre Freiheit, Gegenöffentlichkeit und seien damit moralisch veredelt.

(x) Check!

Geschwindigkeit siege über Behäbigkeit, Spontaneität über Professionalisierung, der Unvergütete über den Honorierten.

(x) Check!

Ein Autor, der ein bestimmtes Niveau nicht unterschreitet, hat schlechterdings seinen Job nicht gut gemacht, sich einfach nicht durchringen können, sein Schaffen als Dienstleistung für Durchschnittskonsumenten zu begreifen.

(x) Check! Die besten Nacktsichtungen auf diesem Blog!

Der Reiz des Netzes besteht in der notorischen Aufhebung der geschlossenen Form vom Internetauftritt eines Anbieters, der auf diesen Umstand wiederum reagiert, indem er Beiträge möglichst populär verschlagwortet, damit sie in der Ergebnisliste von Google weit oben auftauchen.

(x) Check! Nackt, Sex, Porno, Paris Hilton, Rihanna, Lady Gaga

Robin Meyer-Lucht von Carta ist der Text ziemlich übel aufgestoßen, er schreibt von „lauten Provokationen, die ihre mangelnde Substanz kaum zu verbergen vermögen“ und die „nur noch als Fieberanflug erklären“ zu sind, „der sich in kaum etwas anderem als Ignoranz und Elitarismus zu entladen vermag“.

Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer, immerhin der 336st wichtigste Intelektuelle des Landes (2007) findet den Text „Amateurjournalismus“, „Unsinn“ und findet Kraft in dem Glauben, er (der Text, nicht Knüwer) schade der Zeit, unterstellt Soboczynski würde sich nicht mit dem auskennen was er tut.

Kann sein, dass nur Schlaue verstehen, warum Soboczynski gar nicht schlau, sondern unwissend ist, und sein Text totaler Unsinn. Ich finde den gut (den Text). Und jetzt wird man fragen, warum mich, wenn ich mich dabei doch so erwischt fühle, mich das gar nicht stört.

Das liegt daran, dass Soboczynski den Fehler macht, etwas für seine Argumentation heranzuziehen, was den Anspruch nicht so zu sein niemals erfüllen sollte. Nur weil es viele halbwissende Blogs, SEO-Internetseiten, verhinderte Lyriker, Titten-Dienstleister, 200 DSDS-Fanblogs und Amateure im Netzt gibt, heißt das ja nicht, dass es all das andere nicht gibt oder es alles andere verdrängt.

Marcel Weiß von netzwertig hat eine ähnliche Gegenargumentation gefunden, er schreibt, „die gesamten Aussagen Soboczynskis über das Internet sind auf dem gleichen niedrigen intellektuellen Niveau wie ein Text, der über die Misstände im Print-Journalismus und dessen Weltbild berichtet, sich dabei aber nur mit der BILD – immerhin auflagenstärkste Tageszeitung Europas – beschäftigt und von dieser auf den Rest des Printgeschehens extrapoliert.“ (Was eine interessante Weiterentwicklung des beliebten Argumentes: „Diese Medienkritik ist auf Bildniveau“ – gern genommen bei Niggemeier – ist, auch nicht schlecht).

Solange alles da ist, und es ist da, gibts gar kein Problem. Sich dadurch oder den Intellktuellen, das Intellektuelle ansich angegriffen zu verstehen, ist eine rein subjektive Reaktion. Die kann muss aber nicht mit der empirisch überprüfbaren Realität übereinstimmen.

Die Welt ist eben bunt (und voller Titten).