Ich bin ja ein Freund des deutschen Krimis, schaue aber ungern Soko Leipzig. Einerseits weil da so ein Seifenoperndarsteller den Polizisten spielt, andererseits, weil mir oft die Geschichten nicht so sehr gefallen. Soko Leipzig hat aber das Glück freitags zu laufen, wo als das Programm ohnehin schon schlecht ist, und zusätzlich in meiner Studienstadt zu spielen.

Das grundsätzliche Problem, dass ich mit Soko Leipzig habe, sind die arg konstruiert wirkenden Geschichten. Und dann habe ich noch ein grundsätzliches Problem mit dem deutschen Krimi ansich, wenn auch immer es um das Thema „Islam“ geht, scheint es so, als seien die Drehbücher vom „TV-Minister“ Roland Koch geschrieben wurden. Der quasi „real existierende“ Islam ist immer ein Problem. Das ist einerseits gut, denn, ich mag mir gar nicht vorstellen, was der Versuch eines islamfreundlichen deutschen Films anzurichten vermag.

Im gestrigen Soko Leipzig „Aysha“ traf dann beides zusammen: eine arg konstruierte, klischeebeladene Geschichte und diese seltsam kritische Haltung gegenüber dem Islam, die nur gut finden kann, wer vielleicht mal in Berlin von ein paar jugendlichen Türken aus der Unterschicht verhauen wurde, weil er sein cooles Handy nicht hergeben wollte. Da mir das nicht passiert ist, ich aber jahrelang mit einem Moslem zusammengewohnt habe, kommt mir diese Welt doch arg fremd vor.

„Aysha“ hieß früher mal Silke und ist Konvertitin. Das erste Problem des Films ist dann schonmal, dass man ihr die Rolle gar nicht abnimmt, was wie so oft – und das ist konträr zur eigentlich klischeebeladenen Episode – einfach auch daran liegt, dass sie, die Schauspielerin, einfach nicht aussieht wie eine Konvertitin. Die, und das fand ich ganz gut, Gründe für ihre Konvertierung, nämlich das sie im Islam Glück findet, sprechen zusätzlich gegen ihr Handeln, etwa dass sie sich eine Zweitfrau gefallen lässt, früher mit einem ziemlichen Kleingeist verheiratet war, ihre Eltern verstößt und ihren Sohn quasi energisch dazu treibt, ebenfalls die Religion anzunehmen. Wenn schon klischeehaft, dann bitte richtig. Eine hässliche, dicke und ungebildete Frau wäre hier die bessere Besetzung gewesen. Eine kleine Tour der Macher durch Plagwitz hätte gezeigt, dass das auch ziemlich der sozialen Realität entspricht. Eine Frau wie Silke konvertiert nicht und verhält sich dann so engstirnig. Das ist an den Haaren herbeigezogen, oder aber es funktioniert für mich einfach nicht.

In der Episode geht es dann darum, dass Ayshas Mann (Syrier) und dessen Zweitfrau ermordert werden. Als Mörder kommen in Frage, Aysha selbst, die Eltern, ihr Ex-Mann, der kleine Sohn und der Bruder des Toten. Der ist auch so ein seltsamer Fall, eigentlich ein solider und vernünftiger Zeitgenosse, verprügelt er nebenbei mal eben des Ex-Mann von Aysha in bester „Türkenmanier“, weil er ihn für den Mörder hält. Die Eltern sind natürlich grundkleinbürgerlich und erfreuen jedes Zuschauerherz ab 60. Die Mutter dick und hilflos, der Vater hat vermutlich früher Braunkohle ausgebuddelt. Klischees soweit das Auge reicht.

Den Höhepunkt der Absurdität erreicht die Folge in einer Szene, als eine versammelte Kinderschaar sich über „Aysha“, die Kopftuchträgerin, kaputtlacht. Das soll wohl zeigen, wie sehr eine Konvertitin, der Islam angefeindet wird, hat aber ebenfalls kaum etwas mit der Realität zu tun.

Im Grunde weiß die Episode nicht, was sie will, was im Übrigen auch ihr Ziel sein könnte. Keine klare Haltung zu finden, weil immer alles mehrere Seiten hat. Diese Ziellosigkeit ist aber offen für Fehlinterpretationen (wie vielleicht diese hier), Hass und Vorurteile. Wenn man überhaupt etwas aus der Folge lernen kann, dass jeder eben mal austickt und Fehler macht. Das ist reichlich wenig und dazu hätte es das Islam-Thema auch überhaupt nicht gebraucht.

Das alles habe ich so gesehen, dass kann man alles sicher auch anders sehen. Das Grundproblem aber ist, dass sich die deutschen Krimis, die den Islam beinhalten, zu sehr auf Themen konzentrieren, die eigentlich überstrapaziert sind. Fremdenfeindlichkeit, wie sie etwa durch die Kinder gezeigt wird, ist ein ganz banales Thema, dass man nicht dadurch angeht, indem man mit dem Finger draufzeigt und es völlig absurd darstellt. Integrationsprobleme und Migratengewalt sind überstrapaziert, das geht einem nur noch auf den Keks. Interessant ist das Konvertiten-Thema, auf das man sich hier hätte konzentrieren können, was aber unzureichend geschieht.

Statt immer wieder diesselben alten Konflikte aufzuwärmen, sollten sich die Fernsehmacher mal darauf konzentrieren, zu zeigen, was gut am Islam ist. Natürlich haben wir hier in Deutschland das Problem der „anatolischen Bauern“, wie die ewig gestrigen Gastarbeiterfamilien der ersten Generation geschimpft werden (und die sich in nichts von Silkes kleinbürgerlicher Familie unterscheiden), und in deren Umfeld sich befremdlichen Tradtionen des überholten, veralteten Islam noch entfalten, und wir haben das Problem der Migrantengewalt, dass aber ein soziales Problem ist und weniger ein kulturelles.

„Aysha“ versucht durch das Thema Konvertierung und die Charakterisierung der Konvertitin als eine gebildete, intelligente Frau eine neue Sichtweise anzuschneiden, bleibt doch aber in alten Klischees und Theman stecken. Mehr noch: dummerweise handelt die Konvertitin dann auch noch falsch in Bezug auf Sohn und Eltern, was ihre Entscheidung für den Islam ebenfalls als problematisch darstellt.

Das alles bringt uns nicht weiter, das ist ganz billige Effekthascherei und Anbiederei beim alten Publikum, das sicher ganz prima mit den armen Eltern von „Aysha“ mitfühlen kann. Der deutsche Krimi oder andere Genre sollten auchmal eine ganz andere Haltung zum Islam einnehmen. Etwa die, dass diese Religion auch Stifter von Werten, Zusammenhalt und Gemeinschaft sein kann (in einer aufgeklärten Version). Das zum Beispiel „Aysha“ nicht eine Fanatikerin ist, sondern eine gute Frau. Dass es zum Beispiel mal nicht den Türken gibt, der gerne auchmal austickt (so sind die ja, gell…).

Das kürzlich mit dem Bafta ausgezeichnete britische Drama „White Girl“ spricht die wirklichen Konfliktlinien der multikulturellen Gesellschaft an. Die Verlaufen nicht zwischen Islam und kleinbürgerlichen Ossi-Familien, nicht zwischen Konvertierung und Emanzipation, sondern entlang der sozialen Bruchstellen unserer Gesellschaft.

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