Ich bin kein Experte, was Michael Hanekes Filme betrifft, er gilt allerdings als jemand, der sich intensiv mit dem Bösen beschäftigt. Das Böse, das in seinen Filmen oft ohne Erklärung bleibt, versteht er wie kaum ein anderer zu beschreiben. So ist es zum Beispiel eine der großen Leistungen Hanekes in „Wolfzeit“ das Element des Bösen wie in keinem anderen Endzeit-Drama einzubinden, wobei die abschließende Szene auch etwas von Erlösung hat.

In seinem bekanntestem Film „Die Klavierspielerin“ versteht er es zudem, auch das Kranke (im menschlichen Geist), hier allerdings nach der Vorlage des Romans von Elfriede Jelinek, ebenso beindruckend zu inszenieren.

Nachdem nun Lars von Trier möglicherweise mit dem Antichrist in Cannes gescheitert ist, einem Film der ja auch Krankes und Böses verbinden zu scheint, kann Hanneke in diesem Genre diesmal mit „Das weiße Band“ offensichtlich besonders glänzen.

Hanns-Georg Rodek von „Die Welt“ hat einen lesenswerten Artikel über Haneke und das Böse geschrieben. Der Aufhänger: Erstmals, so glaubt Rodek gesehen zu haben, enthüllt Haneke in „Das weiße Band“ den Ursprung des Bösen, so schreibt Rodek:

„Das weiße Band“ ist wieder ein anderer Fall. Der plötzliche Einbruch des Bösen war – von „Bennys Video“ bis „Caché“ – stets eine Konstante in Hanekes Werk. Der Österreicher hat es stets vermieden, Erklärungen mitzuliefern…

[…]

Im Gegensatz zu sonst suggeriert Haneke dem Zuschauer allerdings eine wahrscheinliche Lösung. Das hängt damit zusammen, dass er diesmal auch eine plausible Erklärung für den Ursprung der Gewalt anbietet.

[…]

Nun ist das obrigkeitsstaatliche Denken als Erklärung für den Ersten (und Zweiten) Weltkrieg bei weitem nicht neu, vom „Untertan“ bis zu „Im Westen nichts Neues“; allerdings haben wir dies kaum je so auf die kleinsten Einheiten der Dorf- und Familiengemeinschaft heruntergebrochen gesehen.

Das klingt fast ein bisschen Banal, und es klingt fast nach Dogville (Lars von Trier), also das Herunterbrechen des Bösen auf ein einzelnes Dorf. Wobei Dogville den schönen Zusatz hat, die gute Grace am Ende auch böse handeln zu lassen. Das ist aber auch wieder ein anderer Ansatz.

Ob Rodek Recht hat, glaube ich noch nicht so Recht, denn seine im Artikel vorkommende Aussagen, die Schurken in Funny Games würden sich über Erklärungsversuche des Bösen lustig machen, ist arg kurz gegriffen. Tatsächlich machen sie sich über den Zuschauer des Films lustig, und damit ist gesagt, dass dieser der Ursprung des Bösen ist, das Böse existiert in Funny Games, weil wir es so wollen. Es ist eine ironische Antithese zu den spaßigen Gewaltpornos  eines Quentin  Tarantino. (Dessen Cannes-Film „Inglourious Basterds“ dieses Jahr bedauerlicherweise wieder einmal die meiste Aufmerksamkeit der Mainstreammedien erhält).

Ob Haneke wirklich einen neuen Blick auf das Böse wirft, ob Inglourious Basterds erwartungsgemäß Mainstreamquark ist, der Antichrist aber vielleicht in Wirklichkeit besser als alle sagen, all das werden wir normalen Kinofans erst viel viel später erfahren. „Das weiße Band“ startet erst am 12. November 2009 in den deutschen Kinos. Viel besser siehts bei den anderen Filmen auch nicht aus. Und sowas macht mich: böse😉