Im Internet und in den Zeitungen läuft gerade die 1001. Debatte zur Zukunft des Journalismus und zur Bedeutung von Weblogs. Ursprung war eine Artikelsammlung des SZ-Magazins zur Zukunft des Journalismus, die aufgrund handwerklicher Fehler in der Blogosphäre negative Reaktionen hervorrief. (Mehr dazu bei Stefan Niggemeier)

Im Zusammenhang mit dieser Debatte ist offensichtlich auch Artikel der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel in der Faz erschienen: In der Grotte der Erinnerung. In diesem Artikel schreibt Meckel im Prinzip nichts anderes, als das die Gesellschaft einen profesionellen Journalismus braucht, und das dieser finanziert werden muss, und darüber warum Weblogs das nicht leisten können. Ähnlich wie wohl Ulrike Langer hatte ich beim Lesen des Meckel-Artikels auch den Eindruck, dass sie im Prinzip in erster Linie auf einen privatwirtschaftlich finanzierten, traditionellen Journalismus der Verlage abhebt. Langer zeigt, welche konkurrierende Modelle es im Internet geben kann.

Auch Stefan Niggemeier ergreift in einer Antwort auf Meckel Partei für eine andere Herangehensweise an das Thema. Im Mittelpunkt der Diskussion um die Zukunft des Journalismus sollte nicht stehen, wer Journalismus macht, sondern wie gut der Journalismus ist. Zeitungen hätten die besten Vorraussetzungen für einen guten Journalismus machen aber das was sie Bloggern vorwerfen oftmals selbst falsch:

Kreye [SZ-Feuilletonchef] schreibt: „Emotionen (Angst, Wut, Lust) und Glaube (an Religionen, politische Meinungen, das eigene Rechthaben) spielen im Netz mindestens eine so große Rolle wie Fakten.“ Das stimmt. Aber es lohnt sich, die Wörter „im Netz“ versuchsweise durch „in den Zeitungen“ zu ersetzen. Der Satz verliert nichts an Wahrheit. Im Gegenteil, die Formulierung vom Glauben an das eigene Rechthaben wird erst richtig anschaulich.

Den Tiefpunkt des Rechthaber-Journalismus kann man Woche für Woche im Presseclub bewundern, eine Veranstaltung die nur sehr schwer zu ertragen ist und vor allem von Banalität und Halbwissen gekennzeichnet ist. In einer der vergangenen Folgen behauptete einer der Journalisten sinngemäß niemand hätte die Wirtschaftskrise vorausgesehen. Dass er das so sieht, glaube ich ihm sogar. Journalisten jedenfalls haben sie nicht vorrausgesehen. Tatsächlich hat mein damaliger Politikprofessor schon vor 8 Jahren in einer Vorlesung auf die Gefahren des Casinokapitalismus aufmerksam gemacht. Selbst einer der Katalysatoren der Krise, Lehman Bros.-Boss Fuld, warnte vor der möglichen Krise, ohne jedoch selbst daraus die richtigen Schlüße zu ziehen.

Ich finde, die gesamte Debatte beruht auf zwei falschen Annahmen. Die erste falsche Annahme ist, dass es in einer demokratischen Gesellschaft einen privatwirtschaftlich organisierte Presse geben müsse. Tatsächlich verhindert derzeit diese private Presse, dass die öffentlich-rechtlichen Medien im Netz für Qualität und Journalismus sorgen können. Aufgrund der starken Verlagslobby dürfen sie Inhalte nur begrenzt im Netz speichern. Mehr noch: privatwirtschaftlich organisierter Journalismus kann schon aus systemischen Gründen weniger leisten, als Bürgerjournalismus oder öffentlich-rechtlich finanziert. Er hat nur einen Vorteil: Er kann (in unseren System) Journalisten bezahlen. Das ist alles. Welche Qualität ihre Arbeit hat, steht auf einem anderen Blatt.

Die zweite falsche Annahme ist, dass Weblogs a priori als publizistische und damit journalistische Medien angesehen werden. Und wenn sie (natürlich) diesen Anspruch nicht erfüllen, dann heißt es, Weblogs könnten überhaupt gar keinen Journalismus leisten.

Was aber auch Weblogs, die gar keinen journalistischen Anspruch verfolgen (so wie dieses hier) leisten können, ist einen persönlichen Beitrag zur öffentlichen Debatte zu liefern, eine Meinung aus Tausenden herauszugreifen, nämlich die eigene, die es genauso Wert sein kann gehört zu werden, wie die des Leitartiklers einer Tageszeitung.

Und an diesem Punkt wird es recht interessant, denn ich will davon erzählen, warum der (deutsche) Journalismus für mich kaum noch einen Wert hat. Ein Blick in die Qualitätsmedien taugt im Wesentlichen nur dazu, sich einen Überblick über die veröffentlichte Meinung zu verschaffen. Zu mehr taugt der Journalismus nicht, denn er ist erschreckend unkritisch. Er stellt Paradigmen nicht Frage, denn er ist selbst Teil dieser Paradigmen, etwa dem von der Sinnhaftigkeit eines freien Marktes.

Wenn ich mich über ein Thema wirklich informieren will, dann komme ich um wissenschaftliche Veröffentlichungen nicht herum, im Zweifel ist die wissenschaftliche Objektivität verlässlicher als die journalistische, die all zu oft Hand in Hand mit Uninformiertheit und Arroganz einhergeht. Das ist ein relatives Privileg, dass ich mir durch das Studium der Politikwissenschaft erworben habe, denn ich hatte Zeit, wissenschaftliche Aufsätze zu lesen und sie richtig zu lesen. Andere Leute haben diese Zeit nicht, und müssen sich darauf verlassen, dass Journalisten ihnen die Welt erklären. Das geschieht ganz offensichtlich unzureichend, denn anders ist es nicht zum Beispiel nicht zu erklären, warum sich so viele Menschen in die goldenen Ketten des Finanzkapitalismus legen lassen.

Hier kommen Weblogs ins Spiel. Tatsächlich kann man in (politischen) weblogs viel Unsinn zu Politik lesen, noch mehr Halbwahrheiten, Halbwissen und Quatsch (möglicherweise auch in diesem). Jedoch kann prinzipiell das Blog eines Politikwissenschaftlers, eines Klimaexperten, eines Arztes aus der Dritten Welt viel mehr erklären und sichtbar machen, als es ein Leitartikler jemals könnte. Der Journalist, der den Politikwissenschaftler, der Klimaexperten oder den Dritte-Welt-Arzt interviewt ist entbehrlich. Ich möchte lieber die ungefilterte Meinung, Analyse des Experten lesen, als das Produkt der Selektionsprozesse eines Journalisten und einer Redaktion.

Der Bedarf nach solchen Informationen wird wachsen und auch die Bedeutung dieser Informationen für die zu Informierenden. Gleichzeitig wird das Internet in Sachen Zerstreuung und Unterhaltung (etwa in Form eines Weblogs wie diesem hier) den Verlagen das Heft aus der Hand nehmen. Larifari ist gefragt auf der einen Seite, hohe Expertise auf der anderen. Dabei kann, so wie in meinem Fall, beides zusammenfallen oder jeweils zwei unterschiedliche Zielgruppen treffen.

Die Schlauen brauchen den privatwirtschaftlich organisierten Journalismus immer weniger, je mehr konkurriende Modelle im Netz oder sonstwo, seien sie öffentlich-rechtlich, stfitungs- oder gar nicht finanziert, die Welt besser erklären können.

Und die Dummen, die klicken auf jeden Busen im Netz. Die Verlage haben das schon begriffen, und reihen Busen um Busen aneinander, auf das der Klickstrom nie abreißen möge. Im Netz wenigstens haben sie den Qualitätsjournalismus, und ich sage: zum Glück, längst aufgegeben und orientieren sich darauf, worauf sich ein ordentlicher Kapitalist, der so ein Verleger ja ist, orientieren sollte: Maximierung von Profit.

Qualitäts-Journalismus wird woanders stattfinden. Das Problem ist weniger, wo der statt findet, wer den bezahlt oder ob der überhaupt bezahlt werden muss (ein bloggender Politikwissenschaftler hat ja schon ein Gehalt). Stefan Niggemeiers ideal vom guten, privatwirtschaftlichem Journalismus ist jedenfalls naiv. Sowas kann es gar nicht geben in dieser Welt. Journalismus darf nicht von Kapitalisten gemacht werden oder solchen die unter der Fuchtel von Kapitalisten stehen, sondern von Bürgern, Idealisten und unabhängigen und hier gebe ich Recht: Profis. Also Leuten die Geld dafür bekommen, dass sie hauptberuflich Journalismus machen. Sei es nun in Weblogs, irgendwo anders im Netz oder gedruckt.

Ich sage übrigens nicht, dass man privatwirtschaftlichen Journalismus erschweren oder verbieten solle, vielmehr wird er, wenn man einen öffentlich-rechtlichen, einen Bürger, einen Expertenjournalismus hat und stark macht, sich selbst erübrigen. Das ist doch eine schöne Perspektive, nicht wahr?

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