Update 31.5.: Susan Boyle gewinnt Britain’s Got Talent nicht.

Wie der britische Sender ITV 1,5 Millionen Pfund möglicher Werbeinnahmen verlor, weil er sich gegenüber dem „Parasiten“ Youtube und den Gegebenheiten der neuen Medien stur stellte.

Wer sich das Verhalten großer Fernsehkonzerne oder anderer Rechteinhaber in Bezug auf Youtube anschaut, sieht, dass die riesige Plattform vielen ein Dorn im Auge ist. RTL lässt Clips löschen, um sie selber auf Clipfish vermarkten zu können. Sevenload, die die Internet-Verwertungsrechte für das deutsche Big Brother haben lies ebenfalls Youtube-Videos löschen. Was natürlich angesichts der Fans, die Stunden damit zubrachten, die Videos bei Youtube einzustellen eine unglaublich dämliche Aktion ist. Ich habe sevenload seitdem den Rücken gekehrt, nicht, weil ich jetzt unbedingt Big Brother Videos bei Youtube sehen will, sondern weil die Art und Weise wie sevenload mit einer externen sozialen Gemeinschaft (also den Big Brother-Fans), beim Versuch ein Business daraus zu machen, umgeht, unanständig ist.

ITV, der britische private TV Sender, den man mit RTL vom Profil her vergleichen kann, und der u.a. das Dschungelcamp, das britische Pop Idol und eben auch Britain’s Got Talent sendet, ist auch so ein unsymphatischer Fall. Als ich im vergangenen Jahr hier Youtube-Videos von X-Factor-Kandidatin Diana Vickers eingebunden habe, musste ich ständig die Videos austauschen, weil ITV diese offenbar löschen lässt. Dabei ist doch gerade das gute Promotion für die zukünftigen Künstler und das Renomee der Show. ITV-Chef Michael Grade hasst Youtube gar so sehr, dass er es im vergangenen Jahr einen „Parasiten“ nannte.

Wie wenig Ahnung ITV offensichtlich von den neuen Medien hat oder wie sehr sie sich gegen sie streuben, wurde trotz des großen Erfolgs des Paul Potts-Videos (48 Millionen Youtube-Zuschauer) mal wieder anhand von Susan Boyle deutlich. Innerhalb von drei Wochen hat die Küchenhilfe aus Schottland, die an der Talentshow „Britain’s Got Talent“ teilnimmt, quasi das Internet überrannt und ist mit 46 Millionen Zuschauern (beim meistgesehen Video auf Youtube von ihr) bald an Paul Potts vorbeigezogen. Insgesamt sind es schon über 100 Millionen Zuschauer. 100 Millionen und wir sehen keinen einzigen bloody Penny, muss sich ITV derzeit denken. Der Verlust durch das verpasste Online-Werbegeschäft beläuft sich Schätzungen zufolge auf 1 bis 1,5 Millionen britische Pfund.

Die Lage ist kompliziert. ITV kann jetzt natürlich nicht das oder die Videos löschen lassen, die andere bei Youtube hochladen, und die millionenfach geschaut werden. Statt dessen hat Britain’s Got Talent Produzent „FreeMantle“ einen offiziellen Youtube-Channel eingerichtet. Wie es aussieht, besitzt FreeMantle die digitalen Verbreitungsrechte für Britain’s Got Talent im Ausland. Sobald wir etwa hier in Deutschland Susan Boyle oder ein anderes Video von Britain’s Got Talent anklicken, will FreeMantle Werbung im Umfeld des Clips senden. Einen entsprechenden Deal hat die Produktionsfirma mit Youtube abgeschlossen.

ITV hingegen kann, wenn überhaupt, nur mit Clips Geld verdienen, die von UK-Nutzern angesehen werden. Einen Deal mit Youtube dazu gibt es noch nicht. ITV möchte am liebsten Pre-Roll-Ads in die Videos einbinden, das mag Youtube aber nicht. Selbst wenn ITV und Youtube sich aber noch einigen sollten: Das Geschäft haben sie jetzt schon verpasst. Geschieht ihnen Recht. Aus Fehlern wird man aber hoffentlich klug.

Nachtrag 29.4.: In diesem Zusammenhang auch relevant: „10 Thesen zum Modernisierungsversagen der Medieneliten“ bei carta. Zitat: „Die Medienindustrie ignoriert weite Teile der technologischen Potenziale des Internets, weil sie nicht zu ihrem Geschäftsmodell passen […]. Wer sich dem neuen Medium derart verweigert, ist an der Misere auch selbst schuld. Das einzig wirklich Erfolg versprechende Mittel gegen massenhafte Urheberrechtsverletzungen sind legale Angebote, die besser und bequemer sind als die der Piraten.“