Update 31.5.: Susan Boyle gewinnt Britain’s Got Talent nicht.

Die Welt hat vielleicht einen neuen Star: Susan Boyle, 47 Jahre alt, Küchengehilfin aus Schottland. Oder sollte man lieber sagen: eine neue Paul Potts?

Doch von vorn:

Oft ist es so, dass gute Dinge, wirklich gute Dinge eine Zeit brauchen bis sie richtig groß werden. Und wenn sie eigentlich schon längst vorbei sind, dann wirken sie immernoch nach. Britain’s Got Talent ist auch in Deutschland vielen ein Begriff, nicht nur weil es mit dem Supertalent (RTL) eine deutsche Version davon gibt, sondern auch weil Paul Potts, der Gewinner der ersten Staffel, durch den europaweit (?) gelaufenen Imagewerbespot der Telekom zusätzliche Berühmtheit erfuhr. Viel, viel später allerdings nachdem er sich in England bei einer Talentshow auf eine Bühne gestellt hatte und sang. Auch davor schon wurde das Potts Audition-Video aus der ersten Staffel von Britain’s Got Talent bei Youtube millionenfach geklickt. Dieses mal sollte alles noch viel schneller gehen.

Nun ist es so, dass man von Britain’s Got Talent viel Gutes sagen kann. Die Produzenten scheinen nicht nur eine unglaublich unterhaltsam, dynamische Show voller Emotionen zu produzieren, die eine hohe Quote und viel Geld bringt, man scheint auch das Bewusstsein zu haben die beste und erfolgreichste TV-Show der Welt machen zu wollen. Die erste Episode startete am 13. April so stark wie nie zuvor: 10,3 Millionen Briten sahen die erste Folge der dritten Staffel von Got Talent. Am vergangenen Samstag schalteten 11,9 Millionen ein, die zweithöchste Quote in der Geschichte der Sendung (nur das Finale der zweiten Staffel hatte mehr Zuschauer und war die erfolgreichste britische TV-Sendung 2008).

Was war passiert? Susan Boyle war passiert! Oder anders: Britain’s Got Talent macht nochmal, was schon einmal funktioniert hat: eine neue Paul Potts.

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Können sie sich vorstellen, dass diese Frau (über sich selbst: „I’ve never been kissed“) wunderbar singen kann? Ja wahrscheinlich, weil sie den Blogeintrag bis hierhin gelesen haben und es sich denken können. Aber erstmal würde man nicht denken, dass sie da ein zukünftiger Weltstar ist, konnte man bei Potts ja auch nicht. Susan Boyle, die Küchenhilfe, sie könnte einen von diesen Frauen aus jeder Betriebskantine sein. Eine, die immer freundlich ist, aber kaum auffällt, die einem vielleicht leid tut, weil sie, die gute Frau – wie so viele Menschen – doch ein bisschen mehr verdient hätte zu bekommen vom Leben.

Doch dann singt Susan Boyle „I Dreamed a Dream“ aus „Les Misérables“, dem Musical und erschafft mit einem Schlag etwas Wunderschönes. Und keiner – man müsste schon ein sehr kaltes Herz haben oder ein neurotischer Kulturkritiker sein (ist ja schließlich alles „inszeniert“, gell) um sich dieser emotionalen Wirkung entziehen zu können – und keiner ist nicht für einen Moment berührt. So kalkuliert dieser Auftritt auch ist.

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Und die Jury (v.l.n.r.: Simon Cowell, Amanda Holden, Piers Morgan) guckt so, wie sie auch bei Paul Potts oder besser im Telekom-Werbespot geschaut hat: ergriffen. Und das Publikum applaudiert und ist begeistert und wischt sich eine Träne weg. Wieder einmal hatten den meisten von uns unsere Vorurteile („So wie die aussieht, kann die doch nicht singen“) einen Strich durch die Rechnung gemacht, umso stärker folgte die Wirkung von Susan Boyles Auftritt.

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Und Susan Boyle, natürlich, sie hat es geschafft, sie ist eine Runde weiter. Aber Halt! Eine Runde weiter bei Britain’s Got Talent. Nein, nein, das reicht nicht. Susan Boyle ist über Nacht zum Star geworden. Was bei Paul Potts abzusehen, zu erahnen war, ist bei Susan Boyle explodiert. Sie hat 10 Fansites im Internet, ein Angebot für einen Plattenvertrag und eine Einladung zu Oprah Winfrey. (Quelle: sueddeutsche.de). Zählt man die Zuschauer der Youtube-Videos vom Susan Boyle-Auftritt bei Britain’s Got Talent zusammen ergibt sich ebenfalls ein beeindruckendes Bild: Etwa 70 Millionen weltweite Klicks führen zu ihr. Bei den meistgeklickten Einzelvideos aller Zeiten kommt Susan Boyle mit etwa 32 Millionen Klicks ebenfalls bereits ziemlich weit oben an. Nach einer Woche wohlgemerkt.

Wirklich beeindruckend, was die Produzenten von Britain’s Got Talent da geschaffen haben. Und der Titel der Show wird damit zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Die Briten haben Talent. Fürs Showbiz. Und seien wir mal ehrlich: Tatsächlich ist so ein Auftritt viel beeindruckender als jedes Pop Idol oder DSDS-Finale.

Nachtrag: Es ist übrigens eine CD aus 1999 aufgetaucht auf der Susan Boyle „Cry Me A River“ singt (Youtube, 25.01. 2010: neuer Link). Der schottischen Zeitung Daily Record zufolge, soll es sich um eine Charity CD handeln, die nur in 1000 Kopien erschienen ist. Jedenfalls räumt die Aufnahme alle Zweifel aus dem Weg, dass Susan Boyle nur eie Eintagsfliege sein wird.

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