No Man's Land

No Man's Land

„No Man’s Land“ ist ein außergewöhnlich gut geschriebener und gedachter und darüber hinaus auch funktionierender Film. Er erzählt eine kleine, absurd-satirische, ja fast schon makabere Geschichte aus dem Bosnien-Krieg (1992-95). Das interessante ist, dass diese Geschichte in ihrer Metaphorik so gut funktioniert, dass man sie schon fast als modernen Klassiker bezeichnen kann. „No Man’s Land“ könnte auch kein Film, sondern ein literarisches Drama sein, dass neben Werken wie Biedermann und die Brandstifter, das Leben des Galilei usw. in jedem Deutschunterricht Pflichtlektüre ist. Denkt man es sich so, erklärt das, wieso der Film zumindest laut DVD-Cover mit 40 Preisen (darunter Oscar, Globe und Cannes) als „meistprämierter der Gegenwart“ gilt.

Die Soldaten Ciki (Bosnier), Nino (Serbe) und Cera (Bosnier) finden sich in den Wirren des Bosnienkriegs in einem Schützengraben zwischen den Fronten wieder. Cera, totgeglaubt, liegt (als Falle gedacht) auf einer entsicherten Mine. Bewegt er sich, geht alles in die Luft. Ciki, der Cera und sich selbst retten will, beschließt nur in Unterwäsche bekleidet zunächst allein, dann nochmal mit Nino die weiße Fahne schwenkend auf sich aufmerksam zu machen. Das führt dazu, dass beide Seiten, Bosnier wie Serben, die Vereinten Nationen verständigen, weiß ja niemand ob es sich um die eigenen Leute oder sogar Zivilisten handelt. Das Interesse der UN-Befehlshaber ist nicht groß, sich dort einzumischen, doch ein französischer Soldat, später in Kooperationen mit einer englischen (dann vielen) Journalistin begibt sich auf eigene Faust zum Schützengraben.

Der Film schlägt sich auf keine Seite, und kritisiert zumindest zwischen den Zeilen alle Beteiligte. Die taktierende UN, die sensationsgeilen Kriegsreporter, die verfeindeten Kriegsparteien. So streiten sich Ciki und Nino während sie auf Rettung warten um die Frage der Kriegsschuld, kommen abwechselnd in den Besitz einer Waffe (was dazu führt, den jeweils anderen zu einem Schuldgeständnis zu bringen) und schließen als sie beide eine Waffe haben (sie einigen sich darauf, sie über der Schulter zu tragen) Waffenstillstand. Zumindest für den Moment und im gegenseitig Bewusstsein, dass ein Bruch sofort mit einer Gegenreaktion bestraft würde. Ganz so wie es in den internationalen Beziehungen ist.

Anders als Ulrich Behrens von Filmstarts, der schreibt: „Fast entsteht Nähe, Annäherung zwischen den beiden“ würde ich nicht zu viel Wert auf die Annährung legen, denn letztlich zeichnet die Beziehung von Ciki und Nino die nicht zu überwindende Feindschaft zwischen Serben und Bosniern aus.

An auch künstlerischer Dichte gewinnt der Film, wenn man ihn, so wie das immer ist, in der Originalsprache schaut, denn dort werden die verschiedensten Sprachen gesprochen, was auch Verständigungsprobleme aufzeigt und eben Atmosphäre schafft. Dabei ist die Komik des Films über die Feinde, die „Opfer“ von Medien und Vereinten Nation werden immer präsent. Regisseur Danis Tanovic gelingt eine tragischkomische Metapher über den modernen Krieg, der als Film neben echten Anti-Kriegsfilm- Klassikern wie „Im Westen nichts Neues“ oder „Die Brücke“ in einem Atemzug genannt werden muss.

Der als nicht außergewöhnliche Kriegsgeschichte startende Film verknüft mit seinem klugen, traurigen Ende alle Fäden zu einem sinnvollen ganzen, und kulminiert in einer (Un)moral davon, dass es in diesem, in allen Kriegen, keinen Schuldigen, Unschuldigen, keinen Gewinner und keinen Verlierer gibt. Er lässt alles offen und schließt doch alles ab. Ein Film den man nicht so schnell vergessen wird, und der viel Wahres über den Krieg sagt.

No Man’s Land, Belgien/Frankreich/Großbritannien/Slowenien, 2001, IMDB, Trailer bei Youtube, auf DVD erhältlich

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