This is England

This is England

„This is England“ ist ein Film über die englische Skindhead-Bewegung am Übergang zum Nationalismus. In Arbeitervierteln enstanden, verband die proletarisch orientierte Jugendkultur einst sowohl schwarze, jamaikanische als auch weiße Jugendliche, die ein gemeinsames Interesse an etwa Reggea-Musik teilten. Bald bildeten sich Subkulturen, einige modebewusster, andere orientierten sich stärker am proletarischem Look. Die Schwarzen gingen irgendwann ihren eigenen Weg. Später rekrutierte die Nationale Front Englands Skinheads für ihre Bewegung. Das Bild in der Öffentlichkeit ist bis heute in erster Linie mit Nazis gleichgesetzt.

In Shane Meadows Film „This is England“ treten all die verschiedenen Personen und Stilrichtungen in einer Clique auf. Irgendwo in England 1983. Für die Hauptfigur des Films, den zwölfjährigen Vorstadtjungen Shaun wird die zunächst von dem unpolitischem Skin Woody (der an die ersten Skins erinnert) geführte Gruppe zum Ort der Geborgenheit, an dem Bullying durch Gemeinschaft und Respekt ersetzt wird. “ Als Coming-of-Age-Film handelt This Is England naturgemäß von dem Verlust der Unschuld,“ schreibt Welf Lindner in einer hervorragenden Kritik auf critic.de.

Denn als das ehemalige Mitglied Combo aus dem Gefängnis zurückkehrt, halten Nationalismus und Rassismus Einzug in die Clique. Bald spaltet sie sich, Shaun bleibt bei Combo, der zur gefährlichen Vaterfigur wird. Shauns richtiger Vater ist im Falkland-Krieg gefallen. Combo nimmt Shaun mit auf die Treffen der Nationalen Front und zeigt ihm, wie ein vermeintlich guter Engländer mit den Pakistanis umzugehen habe.

Meadows Film darf in erster Linie nicht als Film über die entstehung von rassistisch motiviertem stumpfsinnigem Nationalismus verstanden werden. Obgleich es hervorragend gelingt die soziokulturllen, die politischen, die psychologischen Motive dieses Verhaltens offen zu legen. In erster Linie ist der Film ein Portrait der Skinhead-Bewegung von ihren Ursprüngen bis zum Nationalismus.

Besonders die Wirklichkeitsnähe, Ausgewogenheit und Meadows Blick für Details und Charaktere machen die Stärke des Films aus. Während Nebencharaktere klischeehaft und blass bleiben gelingt es Meadows und Schauspieler Stephen Graham die wichtige Figur Combos auf eine Art zu beschrieben und darzustellen, wie man es selten gesehen hat. Selbsthass, Verzweiflung, Verirrung und Agressivität bilden hier eine dichte Einheit, die einen komplexen und durchdachten Charakter zu zeichnen vermögen.

Doch das allein ist noch zu wenig, um die Geschichte einer Subkultur, die Hinwendung zum Nationalismus zu beschrieben. „This is England“ beschreibt auch die gesellschaftlichen Zustände in Thatchers England. Er verdeutlicht wie die Generation Shauns, den Vater um Krieg verloren und durch soziale Verwarlosung der Vorstädte geprägt, sich einer Subkultur zuwenden und durch sie beeinflußt werden konnte.

In seiner Zeichnung einer verlorenen Generation ist „This is England“ realistischer als „Trainspotting“, in seiner Auseinandersetzung mit den Gründen und Motiven für Hass und Rassismus klüger als „American History X“ und als Portrait der Skinhead-Szene wirklichkeitsnah, komplex und ausgewogen.

This is England sollte man im Übrigen nur auf Englisch gucken, selbst dann, wenn man kein englisch kann (Untertitel), denn ich war geschockt, als ich mir nach dem Film noch den deutschen Trailer auf der DVD ansah. Das war schrecklich. Vielleicht auch ein Grund warum hierzulande der Film recht wenig Bekanntheit erfuhr. Deutsche „Nazijugendkultur“-Filme wie „Kombat Sechzehn“ vermögen jedenfalls in keinster Weise zu leisten was „This is England“ schafft.

This is England, Großbrittanien 2006, IMDB, Trailer bei Youtube, auf DVD im Handel