Jurorin Mountford, Autowäsche mit offener Tür: subtile Komik in den Bemühungen des realitätsfremden Business-Nachwuchses

Jurorin Mountford, Autowäsche mit offener Tür: subtile Komik in den Bemühungen des realitätsfremden Business-Nachwuchses

Never before in the history of carwashing have so few cars been washed by so many people in such a long time. (Margaret Mountford)

The Apprentice (Der Lehrling, in Deutschland: Big Boss, 2005), das seit vier Jahren überaus erfolgreich bei der BBC läuft, geht in die fünfte Runde. Und die startete so stark wie noch nie zuvor: 8,1 Millionen Briten sehen die erste Episode.

Doch das Schlimme zuerst: Frances, die von einer Schauspielerin gespielte Figur der Sekretärin Sir Alan Sugars aus Staffel 3 und 4 ist scheinbar nicht mehr dabei und wurde durch eine junge, blonde Dame ersetzt. Und ich dachte, sie hatte nur mal eine Schwangerschaftsvertretung. Nie wieder werden wir also Sätze hören wie „Sir Alan will see you now“, „You can go through to the boardroom now“ oder das fast schon lasziv gehauchte „Yes, Sir Alan“, Sätze wie sie nur Frances sagen konnte.

Aber das ist nur ein Detail am Rande der vermutlich besten Reality Show der Welt. Details spielen bei The Apprentice allerdings seit jeher eine große Rolle. Vielleicht ist es ja Einbildung, aber die Produktionswerte der Sendung kommen mir unglaublich hoch vor. Jeder Kameraschwenk, jeder Schnitt scheint seine Bedeutung zu haben, nichts scheint rein zufällig so zu sein, wie es ist. Alles wirkt durchdacht, wunderbar komponiert und sieht dabei auch noch unverschämt gut aus. Einzig die inzwischen etwas zu langen Boardroom-Sequenzen wirken nicht aus einem Guß. Es scheint, als seien die Kommentare Sir Alans und die der Kandidaten gezielt montiert, was nicht sein sollte.

Subtile Komik

Die größte Stärke von Apprentice ist der wunderbar subtile Sinn für Komik. Komik die in der Hauptsendung für sich steht und die man auf den ersten Blick nicht unbedingt entdeckt. Noch mehr als beim (deutschen) Dschungelcamp wird die eigentümliche Komik so mancher Situation durch den Moderator der die Sendung flankierenden Zusatzshow „You’re Fired“ (die unbedingt zum kompletten Apprentice-Erlebnis gehören sollte) stilsicher ironisiert. Da stört es auch kaum, dass in der „You’re Fired“-Show nervige Celebrities zur Kommentierung und zum Dialog mit dem ausgeschiedenen Bewerber eingeladen werden.

Es gibt also viel zu entdecken in Apprentice, das, wenn man den Sinn der Macher für diese subtile Komik teilen kann, einen zum Tränen lachen bringen kann. Unvergessen sind sicher Momente, wie der in der vierten Staffel, als die Kandidaten in Marrakesch versuchen einem muslimischem Metzger ein koscheres Hühnchen abzukaufen und dieses zu allem Überfluss noch mit der christlichen Kreuzigungsgeste verdeutlichen.

Auch in der ersten Episode der fünften Staffel gab es sie wieder, die seltsam realtätsfremden Schwächen des angeblich hoffnungsvollen Business-Nachwuchses (eine Kritik der Qualität der Kandidaten bei der Times). So versuchten die männlichen Kandidaten bei der ersten Aufgabe mit Autowäsche möglichst viel Geld zu verdienen, ließen aber die Türen beim Reinigungsvorgang offen. Und bei den Damen bricht eine Kandidation bei den Preisverhandlungen mal eben mit dem Prinzip König Kunde: „I think, you got it all wrong“. Und es geschah einer der Apprentice-typischen Fehler, bei dem der Preis für eine Dienstleistung von den Kandidaten viel zu hoch eingeschätzt wurde. 300 Pfund für eine Autowäsche? Normalerweise zahlen wir 20, sagt der Mitarbeiter des Autohauses. Dann sollten sie mal schnell mit ihrem Manager reden, 20 Pfund für eine Autowäsche? Völlig unmöglich, insistiert Teammanagerin Mona. Und man fühlt sich an die Szene der vierten Staffel erinnert, als eine Wäschreinigung mehr als das 10fache des üblichen Preises kosten sollte, der 24 Stunden Hotline wegen, wie später im Boardroom argumentiert wurde…

Aber selbst der ständig leidend erscheinende Blick einer Kandidation oder der merkwürdige Gang eines anderen Kandidaten oder ein Satz wie: „Nice to meet you too. Now… we’re here“ mit dem sich eine Kandidatin beim Kunden vorstellt und dabei voller Tatendrang die Handflächen auf den Tisch stützt, entfalten bei The Apprentice ein wunderbares Unterhaltungspotenzial. Es sind, ganz wie beim Dschungelcamp, die kleinen, gut beobachteten Dinge, die Apprentice so außergewöhnlich gut machen. Die Tatsache, dass es sich nicht wirklich um den besten Business-Nachwuchs des Landes handelt, stört dabei genauso wenig, wie die Tatsache, dass es im Dschungel in der Regel nur C bis Z-Promis gibt. Es sind die Charaktere, die Details und die Ironie (die bei Apprentice viel weniger eine Ironiesimulation ist als beim Dschungelcamp), die das ganze so gut machen.

Haltung statt Emotion

The Apprentice ist aber nicht nur hervorragend produziert und mit einem subtilen Sinn für Komik ausgestattet. The Apprentice ist, und das passt natürlich sehr gut zu England, eines der ganz wenigen, wenn nicht sogar das einzige Reality Format, das Haltung hat. Beobachtet, was die Kandidaten so 24 Stunden im Haus treiben, geheult und gestritten wird bei Apprentice höchst selten. Trotz des impliziert rücksichtlosen Bildes des Unternehmers und einem manchmal bloody vulgären Alan Sugar gibt es bei Apprentice noch sowas wie Sitten, Anstand und Knigge, die ihre Erscheinung zuvorderst natürlich in Nick Hewer und Margaret Mountford finden. The Apprentice gehört dabei aber nicht zu gutmenschelnden Realities wie Secret Millionaire (Channel 4) oder Geheime Helfer (Sat.1), sondern ist eine jener bemerkenswert klug gemachten Reality-Shows, bei denen man herzlich über die Kandidaten lachen darf, ohne das denen dabei an irgendeiner Stelle wirklich die Würde genommen wird. Also vergleichbar mit dem Dschungel oder „Bauer sucht Frau“ (RTL) oder „Papa gesucht“ (RTL).

Leute die keinen Bezug zu den feinen ironischen, aber niemals menschenverachtenden Darstellungsformen des besseren Reality TVs haben wird The Apprentice natürlich auch nicht gefallen. Und da gibt es, so wie beim oben verlinktem Times Online-Artikel von Caitlin Moran noch die Leute, die in seltsam reflexartiger kultur- und medienkritischer Manier plötzlich anfangen von „deludo, second-string sales reps“ zu schwafeln. Das alles ändert jedoch nichts daran, dass jeder der Reality mag, in den kommenden Wochen einen Pflichttermin bei BBC oder der Internetplattform seines Vertrauens hat, um für eineinhalb Stunden „The Apprentice“ und „You’re Fired“ zu genießen.

Offizielle BBC-Seite zu The Apprentice

The Apprentice, BBC, Series 5, seit 25. März 2009, mittwochs 21 Uhr GMT

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