Slumdog Millionaire: Jamal Malik (Dev Patel) blickt auf das moderne Indien. Wie ist es wirklich?

Slumdog Millionaire: Jamal Malik (Dev Patel) blickt auf das moderne Indien. Wie ist es wirklich?

Hollywood liebt „Slumdog Millionaire“, den ganz großen Gewinner der 81. Oscar-Verleihung. Abzusehen war das: Slumdog hatte schon überall abgeräumt: Britisch Independet Awards (3 Auszeichnungen), den britischen Filmpreis Bafta (7), Screen Actors Guild Award (1), vier Golden Globes und nun acht Oscars.

Warum ist das so? Nun, zunächst einmal ist Slumdog eine dieser ganz großen Liebesgeschichten, viel kitschiger als Titanic, märchenhaft, aber auch so cool, dass er locker auch Jungs gefällt, auch solchen, die sonst vielleicht eher auf Ballerei stehen. Slumdog Millionaire ist optisch und akkustisch absolut atemberaubend, schnell, emotional und künstlerisch. Slumdog ist aber auch innovativ, in dieser Art hat man noch nie eine so gelungene Mischung aus Hollywood und Bollywood gesehen.

Und er ist voller Themen. Am Anfang sitzt der junge erwachsene Jamal Malik in der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär“ und er weiß auf jede Frage eine Antwort. Das erweckt Misstrauen, zwei Polizisten verhören ihn und Jamal beginnt seine Geschichte zu erzählen. Episodenhaft nun, erfahren wir kleine, rührende spannende Geschichten aus Jamals Leben (die jeweils die Antwort auf eine der Fragen enthalten), eine Geschichte, die einen westlichen Blick auf die indische Kultur wirft, den Zuschauer in das schmutzige Mumbai führt, zugleich mit Bollywood spielt. Wir erfahren aus dem Leben von Slumkindern, treffen mit Jamal auf seine baldige große Liebe Latika, sehen wie sein großer Bruder in die Kriminalität abrutscht, wie sich Indien verändert und wächst, aber doch auch weiterhin den selben Verbrechern Raum bietet, die Jamal, Salim und Latika als Kinder im dreckigen Mumbai ausbeuteten und an die später Salim und Latika im kapitalistisch blühendem Mumbai zunächst noch gebunden sind.

Regisseur Danny Boyle, der mit „Trainspotting“ und „The Beach“ schon ähnlich ungewöhnliche Filme vorlegte wollte einen Wohlfühlfilm drehen wie er selbst sagte. Sein Bezug zu den sozialen Problemen Indiens ist immer nur der filmische, im Gegensatz zu anderen Straßenkinderfilmen wie „Salaam Bombay“ (1988) oder „Chop Shop“ (2007) fühlt man sich als Kinozuschauer nie angewidert oder wirklich schockiert bei „Slumdog Millionaire“. Trotz allem bleibt es ein schöner, märchenhafter und natürlich dramatisierter Film.

Es ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Trotz seiner filmischen Qualitäten hat „Slumdog Millionaire“ eine Kontroverse ausgelöst. Schnell kam der Vorwurf auf, der Film würde ein Armutsporno sein, vor allem auch die indischen Kinder, die den jungen Jamal und die junge Latika spielen ausbeuten. (Mehr dazu hier: Slumdog-Kontroverse). Doch das Thema ist (wie immer) komplex: Neben der Frage, ob man sich als westlicher Kinobesucher so unkritisch einem Feelgood-Movie im Slummillieu hingeben darf, steht auch die Frage, ob die dramatische Zuspitzung von Jamals Lebenswirklichkeit dem echten Indien, den echten Slums überhaupt gerecht wird. Kriminalität, Kinderausbeutung, Schmutz, Armut – viele Inder fühlen sich provoziert, glauben der Film stellt nur die Schattenseiten des Slumlebens dar. Tatsächlich aber, erwiesen sich die Bewohner solcher Slums „als gut informierte, kritische und mündige Wähler. Mehrfach brachten sie mit ihren Stimmen Regierungen zu Fall, von denen sie sich hintergangen fühlten. Daher kommt heute keine Partei mehr an den Stimmen der Armen vorbei.“ (Bericht in der tageszeitung)

Was denn nun? Wird Armut romantisch verklärt, oder wird die indische Armut zu kritisch, zu einseitig dargestellt? Soll man sich darüber überhaupt gedanken machen oder lieber den Film genießen, so wie er ist. Diese Frage ist schwer zu beantworten. Aber diese Debatte muss geführt werden, bringt sie doch vielleicht die indische Mittelschicht dazu, zu sehen, dass es diese Armut gibt, den westlichen Kinozuschauer dazu, zu verstehen, dass die Welt ein wenig komplexer ist als ein Hollywood-Film ist.

Beiträge auf anderen Weblogs: René Seifert zum „Slumtourismus“.

Slumdog Millionaire, USA/UK 2008, IMDB, Trailer bei Youtube, Roman bei Amazon (kein kommerzieller Partnerlink, englisch), deutscher Kinostart: 19. März 2009

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