Zunächst sah alles danach aus, als würde DSDS so langweilig werden, wie ich vermutet hatte. Nach dem großartigen X Factor-Finale in Großbritannien im vergangenen Dezember lag die Messlatte auch ziemlich hoch. Die Castings glänzten diesmal dadurch noch mehr „over the top“ zu sein, als wir das bisher kannten. Im Artikel über die „Geräuscheexplosion“ beim FAZ Fernsehblog hat Peer Schader die seltsame comichafte Inszenierung der Castings treffend beschrieben.

Doch während drüben in Amerika Pop Idol trotz tollem neuen Jurymitglied Kara DioGuardi (neben Randy Jackson, Simon Cowell und Paula Abdul; steht hier weil das öfter mal gesucht wird) immer und immer langweiliger wird, schafft es DSDS mit einer kleinen, aber interessanten Änderung für Spannung zu sorgen. Die Phase zwischen Castings und Mottoshows wurde verändert: Der sogenannte „neue Recall“ ist jetzt eine Art Doku-Soap, die ein wenig an das Konzept von „Germany’s Next Top Model“ erinnert. Im Recall in Teneriffa sollen, so will es die Produktion, sollen die Doku-Elemente des Formats gestärkt werden. So dürfen die Zuschauer den Kandidaten nun, geht man nach den Teasern, zuschauen, wie sie sich verlieben oder kopfüber an einem Seil hängend singen (bei Top Modell musste eine Hauswand ähnlich sinnfrei im 90-Grad-Winkel herabgegangen werden).

The Curious Case of Holger G.

Der erste große (vermeintliche) Gewinner und Zuschauerliebling dieser Neuausrichtung ist Holger G., ein Verwaltungsangestellter aus Würzburg (Clipfish-Video), der sich schwer artikulieren kann und verkrampft wirkt, aber einmal am Keyboard sitzend plötzlich zur rockenden Rampensau wird. Dieter Bohlen zufolge liegt er musikalisch irgendwo zwischen Paul McCartney und Ringo Starr, ergänzt um die Erscheinung von Forrest Gump.

Tatsächlich ist der gönnerhaft behandelte (im Sinne engl. patronize) Simplicissimus spätestens seit Paul Potts Siegeszug ein neuer Phänotyp der Casting-Maschine. So fragte Bild.de auch folgerichtig: Ist Keyboard-Holger der neue Paul Potts? Die Frage ist nicht abwegig , abgesehen mal vom gesanglichen Talent. Während American Idol auf der Tränendrüsenschiene noch auf Kandidaten mit einem irgendwie schlimmen Schicksal setzt, was auch bei Paul Potts neben seiner Erscheinung ein Thema war, ist es in der Logik des DSDS-Formats nur folgerichtig, dass nach dem Erfolg (72 Prozent beim Televoting) von Michael Hirte bei der zweiten Staffel des Supertalents, jetzt auch Holger G. seinen Auftritt bekomment.

Denn irgendwie mögen wir sie ja auch, die Freaks und Ver-Rückten bei DSDS, sie bekommen inzwischen ihre eigenen Live-Auftritte in den Mottoshows und jeder kennt sie. Aber einer wie Michael Hirte oder Holger G, die sind gar keine Freaks, über die will man nicht lachen, die will, ja muss man einfach mögen, weil sie ein bisschen komisch sind, weil sie einem vielleicht leid tun, aber weil sie auch was können. Diese seltsame Mischung aus Mitleid, Verwunderung und Gönnerhaftigkeit, dass ist dann aber auch wieder das zynische an den Reaktionen, die der zum Star gemachte Simple erzeugt. Bei Paul Potts stört das wenig, bei Michael Hirte war es an der Grenze, bei Holger G. ist es schon fast ein Stück drüber hinweg. Und es ist so typisch deutsches Fernsehen. Einerseits werden bei DSDS Menschen vorgeführt (Peer Schader schreibt: „Aber das eigentlich Herabwürdigende an „DSDS“ ist, dass die Sendung durch die Nachbearbeitung der Castingszenen aus echten Menschen, die offensichtlich nicht wissen, dass sie nicht singen können, Comicfiguren macht, und die sich dagegen nicht mehr wehren können.“). Auf der anderen Seite gibt es dann das andere Extrem, wie oben beschrieben. Geichzeitig wird hier auch eine gefährliche Unterscheidung in „würdige“ und „unwürdige“ Kandidaten unter den „einfachen Leuten“ gemacht. Die einen werden der Lächerlichkeit preisgegeben, die anderen gönnerhaft behandelt. Ich dachte immer, jeder hätte den gleichen Respekt verdient.

Die eigentlich gute Idee, die auch eine ganz menschliche Botschaft sein könnte, die hinter der Geschichte von Holger steht, sie mag nicht so richtig gelingen bei DSDS. Zu sehr hängt dem Format das sorgsam auf- und ausgebaute „Trash-Image“ an. Die neue Doku-Soap-Ausrichtung versöhnt etwas mit den Sünden der Vergangenheit. Während man aber bei anderen Formaten wie „Britain’s Got Talent“ bei jeder noch so kalkulierten Emotion allerdings gerne vergisst, dass es sich hier um eine Produktion mit ganz klaren ökonomischen Profitabsichten handelt (die zu diesem Zwecke menschliche Emotion ausbeutet), so ist das bei DSDS immer präsent.