Man On Wire

Man On Wire

Die für für den Oscar nominierte Dokumentation „Man On Wire“ hält viele Interpretationsmöglichkeiten offen, darüber, was sie außer einer Nacherzählung des gewagtesten und aufregendsten Drahtseilaktes der Geschichte sein könnte.

Sie kann die Geschichte eines Mannes sein, den Egomanie und Genialität gleichermaßen kennzeichnen. Sie kann die Geschichte eines modernen Till Eulenspiegel sein, ein Heist-Movie, dass die Planung und Durchführung einer spektakulären, illegalen Aktion erzählt, sie kann auch einfach als eine Liebeserklärung an die unglaubliche Schönheit der Balance auf einem Drahtseil verstanden werden. Oder: Die Geschichte des Mannes auf dem Drahtseil ist ein Aufforderung Träume, sein Leben zu leben:

To me it’s so simple that life should be lived on the edge of life. You have to exercise rebellion. To refuse to tape yourself to rules, to refuse your own succes, to refuse to repeat yourself, to see every day, every year, every idea as a true challenge and than you are going to live your life on a tight rope. (Philippe Petit)

Es ist die Geschichte von Philippe Petit, der am 7. August 1974 auf einem zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers gespanntem Drahtseil balanciert, achtmal hin und her, für 45 Minuten, sich mit dem Rücken auf das Seil legt, in die Wolken blickend, als schwebe er dort in der Luft, in dieser Zeit so selbstsicher der zuvor bestehenden Möglichkeit des Todes entflohen, dass er gar noch mit den herangeeilten Polizisten seine Scherze treibt. Als er später verhaftet und sogar in eine Psychatrie eingewiesen wird, fragt man ihn nach dem Grund seines Handelns: doch es gibt keinen. Das gerade sei die Schönheit des Ganzen.

Die Begeisterung über diese Schönheit wird besonders deutlich in den Reaktionen seiner damaligen Freundin Annie, die noch im Interview für den Dokumentarfilm von ihren Gefühlen überwältigt ist. Sie wurde, wie viele andere Freunde und Eingeweihte in den „Coup“, für den Film noch einmal befragt; neben den Interviews ergeben Originalaufnahmen und nachgestellte Szenen, Fotos und die starke Musikuntermalung in ihrer Komposition ein in großen Teilen atemberaubendes Werk.

Dabei zeichnet der Film ein ziemlich klares Bild des Charakters von Petit, seiner bedingungslosen Obsession, den daran zerbrechenden Freundschaften und dem Ende der Beziehung zu Annie, seines komplizierten, aber zugleich einnehmenden Charakters. Der schwächste Teil des Filmes ist sicherlich die etwas zu lang geratene Planung und Durchführung der Aktion, die zwischenzeitlich einige Längen aufkommen lässt.

Dennoch ist „Man On Wire“ eine herausragende Dokumentation und auch ein Portrait und auch eine Botschaft. Schönheit, Charakterstudie, Heist-Movie, es ist eine Mischung aus allem, dass diesen Film unbedingt sehenswert macht.

Und auch, sollte man die nicht unausgesprochene Botschaft des Filmes unterschätzen, des Tanzes zwischen den inzwischen zerstörten WTC-Türmen. Diese Freiheit, die darin liegt, heute, in einer Zeit, in der Freiheit nur mehr als Ballast angesichts wachsender Sicherheitsbedürfnisse erscheint. Seien es reale Gefahren wie Terrorismus, als auch die unklare Ängste des einzelnen, die hindern das Leben auf einem gespanntem Drahtseil zu führen.

Man On Wire, UK/US 2008, IMDB, Trailer bei Youtube, seit 22. Januar im Kino, weitere Artikel zum Film: sueddeutsche.de, 5 Filmfreunde