Heut war in den Qualitätsmedien- und Blogs ein guter Tag, was das Dschungelcamp betrifft. Wie ich es schon ahnte, hat einer die stilsichersten Blogger, nämlich Gregor Keuschnig (das ist der Name einer Figur aus einer Erzählung von Peter Handke) endlich die längst überfällige Kritik der Kritik (der Kritik) des Dschungelcamps geschrieben.

Aber von vorn: Die „Ach ist das alles schrecklich“-Kritik gehörte eigentlich spätestens seit dem Ende der ersten Staffel der Vergangenheit hat (sollte man meinen), aber mindestens einer (Christoph Stölz von der Berliner Morgenpost nämlich) hat es dieses Jahr auch wieder getan, die Altherrenversion der Empörung für die Zielgruppe der Lokalzeitung:

Was habe ich aber gesehen? Einen Generalangriff auf Augen und Ohren, der – paradox genug – trotzdem schnell langweilig wurde. Endlose Trailer-Vorspiele, Geschwätz der mäßig prominenten Akteure Lorielle, Ingrid, Günther, Nico etc. auf Hotelterrassen. Eifersuchts-Rituale der Bussi-Gesellschaft, Schickeria-Häme, „psychologisch“ aufgeschminkte Interviews.

Peinlich. Keine Frage. Auf der anderen Seite gab es immer wieder jene, die (unkritisch) all dem Treiben zugejubelt haben, es sei so gutes Fernsehen, sagen wir , so ironisch, einfach das Beste im Fernsehen überhaupt. Anführer dieser Community ist zweifellos Stefan Niggemeier, der heute in der FAS mal wieder nachgelegt hat, und neben der Kritik an der menschenverachtenden Berichterstattung diverser Boulevardmedien über das Camp, die Qualität und Deutungstiefe des Camps heraushob:

Es ist ein bisschen beunruhigend, dass es so viele Dreiviertel-Prominente zu geben scheint, die sich offenbar unter einem Zwang sehen, der Welt zu beweisen, wie tough und echt sie sind. Und es ist noch beunruhigender, dass sie glauben, dass der Gang in das Dschungelcamp der richtige Weg dafür ist. Aber so unwahrscheinlich es klingt: In dem Moment, in dem Lorielle diese Cocktails trank, verlor sie nicht, sondern gewann an Würde. […]

Zum Geheimnis des überwältigenden Erfolges von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ gehört, dass die Show nicht nur an die niedersten Instinkte appelliert (aber natürlich auch), sondern auch das Gehirn intelligenter Menschen anspricht. Sie ist hervorragend produziert, von Menschen, die offensichtlich Spaß an der Arbeit haben, und vielschichtig […]

Angesichts solcher Lobesreden auf die RTL-Show, die ich allerdings komplett genauso sehe, verwundert es jedoch, dass es abseits der banalen Empörung etwa einer Berliner Morgenpost kaum kluge Kritik am Camp selbst sowie eine Kritik der lobhudelnden Kritik gibt. Gab! Gregor Keuschnig schreibt in einem amüsanten und überaus lesenswerten Beitrag auf seinem Blog über die kriterienlosigkeit und Lobpreisung der Fernsehkritik allgemein und das Camp:

Was soll man von einer derart affirmativen „Kritik“ halten? Eine Kritik, die ihrem Geschmacksurteil jegliche ästhetische Komponente ausgetrieben hat und nur noch auf einer Art Mainstreamstrich zu trippeln scheint. Als „Ersatzreligion“ des so abhanden gekommenen Kriterienkatalogs (der ausser das eigene Vergnügen nichts mehr kennt) dient nur noch die moralisch saubere Fernsehsendung. […]

Die gängige Geschmacksfernsehkritik mit moralischem Imperativ kennt nur noch „gut“ und „schlecht“. „Deutschland sucht den Superstar“ ist „schlecht“, weil Dieter Bohlen (angeblich) hilflose Teenager beleidigt (jeder Beleg – es gibt deren viele – wird akribisch aufgesammelt). Das „Dschungelcamp“ ist „gut“, weil es „intelligent“ gemacht ist (es bleibt bei dieser Behauptung). „Big Brother“ ist – im Moment wohl eher – „schlecht“, Stefan Raab gilt immer noch als „gut“, Harald Schmidt nicht mehr usw. […]

Wenn Niggemeier vermerkt, die Show habe eine Distanz zu sich selbst, vergisst er, dass gerade diese Distanz als Distanzsimulation ein essentieller Bestandteil des Konzepts ist. Statt dieses in eine Kritik einzubauen (die freilich weit entfernt von einem kulturkritischen Lamento sein müsste), argumentiert man lieber sendungs- bzw. format-immanent […]

Und damit ist es dann doch wieder irgendwie wahr. Auf der Metaebene und der Metaebene der Metaebene usw. ist das Dschungelcamp allemal etwas, womit sich intelligente Menschen beschäftigen können. Eine derart kritische, vielfältige Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen und das Bedürfnis danach könnte , in jeder Hinsicht auch ein Schlüssel zu besserem Programm sein.

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