Am vergangenen Donnerstag zeigte RTL II Episode 198 der Dokusoap „Frauentausch“ und begab sich damit wieder einmal in allertiefsten Niederungen der TV Unterhaltung. Das einzig gute, was man überhaupt über diese Dreckssendung sagen kann, ist, dass sie sichtbar macht, dass es solche Menschen gibt.

Aus dem Jahre 2004 gibt es von der Filmhochschule Potsdam Babelsberg eine Abschlußarbeit zum Thema „Identitätskonstruktionen in der Mediengesellschaft“. Der Autor Tobias Schäfer beschätigt sich darin mit Frauentausch. Abschließend schreibt er:

Darüber hinaus erfüllt die Sendung – indem sie Einblick in verschiedene gesellschaftliche Subsinnwelten, Milieus und Lebensauffassungen gewährt – eine Orientierungsfunktion für die jugendlichen Milieuangehörigen, die in der pluralisierten Gesellschaft vor die Aufgabe gestellt sind, ihre Identität zunehmend selbstverantwortlich herzustellen.

Vorab hatte Schäfer festgestellt, dass Frauentausch vor allem bei jungen Zuschauern Zuspruch findet, während ältere die Sendung eher ablehnen, da ihre „identitätsrelevanten Grund- und Werthaltungen durch die Sendung herausgefordert und z.T. in Frage gestellt werden.“

Abschließend stellt Schäfer fest:

Denn es stellt sich die Frage, was es für den Sozialcharakter des Menschen bedeutet, wenn er seine Identität in einer Gesellschaft, die von Medien durchdrungen ist, zunehmend durch mediale Interaktionen konstituiert und soziale Interaktionen dem gegenüber an Bedeutung verlieren.96 Dies ist auch deshalb von Interesse, weil viele mediale Interaktionsangebote, auch „Frauentausch“, aus ökonomischen Motiven produziert werden.

Das ist der eine Punkt. Ein anderer ist, dass angesichts solcher Szenen wie oben, Identität nur in Ablehnung des gezeigten gefunden werden kann, also nicht etwa durch Orientierung an Vorbildern, oder durch kritische Rezeption verschiedener selbstgewählter Lebensstile.

Darüber ob RTL II als privatwirtschaftliches Unternehmen hier überhaupt in der Verantwortung steht, ein Bewusstsein für die eigenen Arbeit und deren Auswirkungen zu schaffen kann man streiten. Würde es geschehen, wäre der logische Schluß diese Verantwortung dann wahrzunehmen, und Frauentausch entweder zu verändern, im Sinne der obigen Argumentation (Identifikation, Vorbilder) oder komplett aus dem Programm zu streichen.

Doch all das berührt noch gar nicht die moralische Seite der Medaille. Wie wenig Anstand muss man bitte haben, um überhaupt ein Programm zu produzieren, dass nicht nur negative Identifikation stiftet, sondern unter dem ökonomischen Aspekt eigentlich ausschließlich der Unterhaltung durch voyeuristische Vorführung unbedarfter Menschen dient. Wenn da geschrien, gepöbelt, verzweifelt und gekreischt wird, wenn da Konflikte herausgefordert werden, dann ist das perfekt gemachter Zynismus im Sinne quotenträchtiger Profitabilität.

Bei den zuständigen Autoren, Redakteuren und Programmverantwortlichen fehlt jegliches Gefühl für Moral und Anstand, für Verantwortung und Selbstreflexion. Wie abgebrüht muss man bitte sein, um damit sein Geld zu verdienen, etwa als Kameramann oder Redakteur. Welche Lügen reden sich diese Leute ein, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen? Wie kann man es überhaupt mit sich selbst ausmachen, Menschen die ganz augenscheinlich nicht in der Lage sind, zu verstehen und zu reflektieren, was sie da tun vorzuführen?

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