Eine Bestenliste für die Filme 2008 zu erstellen ist schwierig, teilweise sind viele Filme auch aus 2007 in Deutschland noch gar nicht erschienen und von den kommenden Oscar- und Globe-Gewinner sind manche erst auf Festivals gelaufen. Und alles kann man auch gar nicht schauen, es fehlt aus garantiert was. Hier aber trotzdem mal ohne Ranking ein paar der besten Filme 2008. Mainstream-Kino ala Batman, Wall-e oder Iron Man lasse ich mal außen vor. Die Liste ist eher eine Empfehlung für Werke, die manchem vielleicht entgangen sind, oder die man in Zukunft kaufen/gucken sollte.

In Bruges (Brügge sehen und sterben)

Das kleine komische Gangsterdrama um zwei symphatische Verbrecher im wunderschönen winterlichen Brügge gehört zu den symphatischsten Filmen 2008. Vom Chef nach einem misslungenen Auftragsmord nach Brügge geschickt, finden Ray und der ältere Ken ihren ganz eigenen Bezug zur Stadt. Während Ken sich scheinbar in die Stadt verlliebt und Ruhe und Frieden findet, ist Ray wenig begeistert. Kurz darauf wird enthüllt, was der tatsächliche Sinn ihres Aufenthalts ist… wer muss sterben, nachdem er Brügge gesehen hat?

Chop Shop

In Ramin Bahranis Film „Chop Shop“ träumt Straßenjunge Alejandro von einem eigenen Imbisswagen, um sich ein besseres Leben aufzubauen. Großartig gespielt und völlig unaufgeregt erzählt und gefilmt unterscheidet sich „Chop Shop“ von anderen Straßenkinderfilmen wie Tsotsi oder City of God. Hier steht der pure Sozialrealismus im Vordergrund und die Botschaft, nie die Hoffnung zu verlieren. Einer der ehrlichsten und authentischsten Filme 2008, unaufdringlich und berührend.

Slumdog Millionaire

Wahrscheinlich der Film 2008 schlechthin: spannend, emotional, Holly- und Bollywood in einem, bereits jetzt mit Preisen überschwemmt und vermutlich einer der heißesten Anwärter auf Oscars und Globes. Slumdog Millionaire erzählt die Geschichte des indischen Straßenjungen Jamal Malik, der Kandidat bei „Wer wird Millionär“ ist (also der indischen Version). Weil der Verdacht auf Betrug aufkommt, wird ihm unsanft auf den Zahn gefühlt, doch Jamal erzählt episodenhaft sein Leben und warum er all die Antworten weiß und von seiner großen Liebe Latika… dazu der grandiose Soundtrack, unter anderem mit M.I.A. (Paper Planes!!) und viele tolle indische Tunes. Ein echtes Must See.

Milk

Der politische Beitrag zum Filmjahr 2008. „Milk“ ist Guys van Sants biografischer Film über Harvey Milk, den homosexuellen Bürgerrechtler, der als erster offen Homosexueller ein öffentliches Amt in Amerika bekleidet und erfolgreich mit einer Hand voll „schwuler Hippies“ zunächst San Franziskos und später der Gay Community des ganzen Landes gegen Proposition 6 (Berufsverbote und Diskrimminierung Homosexueller) vorgeht. Der Film glänzt vor allem durch Sean Penns herausragendes Spiel (gefolgt von Diego Luna und James Franco) und weniger durch filmische Meisterleistungen, das eher deskriptive Werk entspricht den üblichen Standards für solche Vorhaben.

Fifty Dead Men Walking

Jim Sturgess als Maulwurf bei der IRA und Ben Kingsley als dessen britischer Auftraggeber, der schnell zu einer Art Vaterersatz wird. Nach der realen Geschichte von Martin McGartland. Spannend, gut geschrieben und gefilmt, fehlt kurioser Weise auf allen großen Bestenlisten. Im Vergleich zu The Wind That Shakes the Barley (irische Rebellen) und Hunger (Hungerstrike im irischen Gefängnis), der hollywood-tauglichste IRA-Film, und einer meiner Lieblingsfilme 2008.

Happy-Go-Lucky

Happy-Go-Lucky ist ein Film, den man einfach lieben muss. Die quietschfiedele, knautschfröhliche und ständig lachende Poppy (Sally Hawkins) steht im Mittelpunkt der herrlich witzigen Komödie. Für Hawkins ist es wahrscheinlich die Rolle überhaupt, auf den Leib geschrieben sozusagen, bis ins Detail großartig gespielt. Die Grundschulllehrerin begegnet in diesem Film Menschen, die stellvertretend für den Zuschauer mit ihr im kollidieren, sei es der neurotische, hasserfüllte Fahlehrer oder die ultraspießige Schwester. Doch Poppy hält den Kopf oben und ist wie sie ist. Gutmenschlich, bezaubernd, aber doch ehrlich. Die wichtigste Komödie des Jahres. Und eine neue, eine weniger kitschtriefende Amelie!

Frost/Nixon

Richard Nixon, der bisher einzige US-Präsident der sein Amt niedergelegt hat, stellt sich nach der Watergate-Affäre dem britischen Lebemann und Talkshow-Moderator David Frost zu einem Interview. Was keiner für möglich gehalten hatte: Nachdem Nixon das Interview zunächst absolut im Griff hat (und Frost und seine Rechercheure dem beruflichen Untergang geweiht scheinen), gewinnt Frost letztlich die Oberhand und bringt Nixon dazu seine Fehler einzugestehen. Der Film zeichnet diese kuriose Geschichte nach, ohne sich auf die Seite von Nixon oder Frost zu schlagen und kommt noch dazu mit großartigen Nebendarstellern daher. Kevin Bacon etwa als persönlicher Berater von Nixon brilliert als untergebener, kühler Stratege. Superspannend und herausragend gespielt. Anders und doch noch ein Stück besser als „Good Night and Good Luck“, gerade weil es nicht um Journalismus geht, sondern um die Figuren dahinter.

Mehr Filme 2008 gibts bei Roger Ebert, und interessant sind auch die Nominierungen für die Golden Globes. Hier kann man die Favoriten des Time Magazines nachlesen. Und bei cinema klickt man sich durch die Bestenliste des amerikanischen Film-Instituts.

Nachtrag: auch andere Blogs haben inzwischen Bestenlisten für die Filme des Jahres 2008 erstellt. Bei nerdcore gewinnt The Dark Knight, die Fünf Filmfreunde haben There Will Be Blood und Man on Wire oben auf ihren Listen, sowie einige Geheimtipps.