White Girl

White Girl

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit den Film „White Girl“ zu schauen, eine BBC-Produktion aus der Reihe „White Season“, die im vergangenen Frühjahr auf BBC Two lief. Normalerweise würde das ein Filmtipp werden, aber da man den Film offensichtlich nicht kaufen kann, ist das nutzlos, deshalb packe ich das Thema in diesen Beitrag. Als eine Reaktion auf die mal wieder aufkommende Diskussion um das den Islam hassende Blog „Politically Incorrect“ bei Stefan Niggemeier.

„White Season“ beschreibt in Filmen und Dokumentationen die Prekarisierung der weißen Unterschicht. Anders als bei den durchaus guten Realities „The Secret Millionaire“ (in Deutschland „Geheime Helfer“ auf Sat.1) oder Channels 4s „Make Me a Muslim“, handelt es sich um ein Format, das mit weniger Unterhaltungsambitionen und mehr Anspruch auf Themen wie Arbeiterklasse und Migration eingeht.

„White Girl“ ist deswegen ein guter Film, weil er ein behutsamer Versuch ist, den Islam zu erklären und die Bereicherung durch andere Kulturen aufzuzeigen, und er dabei zugleich säkulär ist. White Girl erzählt die Geschichte eines Mädchens aus der Arbeiterklasse, das aus einer zerütteten Familie kommt. Mit Mutter und Geschwistern vor dem brutalen Vater geflohen, zieht sie in eine vornehmlich von islamischen Migranten bewohnte Gegend.

Die Mutter hat es schwer überhaupt frische Milch zu kaufen und einen Job zu finden, geschweige denn kann sie ihre Kinder richtig erziehen. Mehr noch, ihr fehlt jegliches Selbstwertgefühl und der Wunsch für sie und ihre Kinder ein besseres Leben zu führen. Bald schon liegt sie wieder in den Armen des assozialen Vaters. Diese schwache Frauenfigur ist schonmal interessant, da für gewöhnlich in der Debatte um Islamisierung ja die muslimischen Frauen als unterdrückt und schwach angesehen werden. In der weißen Unterschicht aber, ist, so kann man es sehen, die gebährfreudige, ungebildete Frau noch „wertloser“. Sie ist sich selbst nichts wert und ebensowenig ihre Familie (was man selbst von strenggläubigen Muslimas nun nicht behaupten kann).

Das weiße Mädchen Leah nun, kommt in Kontakt mit dem Islam, und findet abseits des Zuhauses in der Moschee Ruhe und Geborgenheit, die islamischen Traditionen und Rituale vermitteln ihr Stabiltät und Struktur. Um mehr geht es bei der vermeintlichen Konvertierung erstmal nicht. Deswegen wie gesagt, der Film ist säkulär, er zeigt das Religion eine Hilfe, ein Wegweiser und Trost für die Menschen ist, mehr nicht.

Sobald die Konvertierung vollzogen ist, bekommt Leah, die nun Kopftuch trägt, Probleme mit ihrer Familie. In einer aufwühlend brutalen Szene, versucht der Vater bei einer Familienfeier, in der Leah schon mit einer Mischung aus Provokation und Überzeugung das Kopftuch trägt und zum Beten in einen Nebenraum geht, diese dazu zu zwingen das Kopftuch abzulegen. Hier zeigt sich ausdrucksstark die symbolisch dargestellte Diskrimmierung und Fremdenfeindlichkeit gegenüber dem Islam. Heftig.

Letztlich aber gelingt es Leah und ihrer Mutter wieder zueinander zu finden, und der Unterdrückung durch den wohlgemerkt weißen, katholischen Vater zu entgehen. Die Mutter kommt sogar mit zum Beten in die Moschee, vollzieht das Waschritual, verlässt aber den Gottesdienst. Dennoch bringt sie die islamische Kirche, die im ärmlichen Vorort der einzige Stifter von Gemeinschaft, Werten und Geborgenheit ist, zusammen. Am Ende trennt sich die Mutter mit dreifach gesprochen Worten „I divorce you“ endgültig vom Vater, einem islamischen Ritual, dass, wie der muslimische Nachbar anfangs scherzt, auch die Scheidungs-Anwälte erspart.

Ohne die weiße Familie also für die eigene Religion endgültig zu vereinnahmen, hilft der Islam der Familie dabei, zueinander zu finden, und die Unterdrückung durch den Vater zu durchbrechen. Ein interessantes Statement. Interessant deswegen, weil es zeigt, dass der Islam nicht der Unheilsbringer ist, der über das Abendland hereinbricht. Unheil bringen immer nur die sozialen Zustände, die gleichwohl auch eine totalitäre Herrschaft ermöglichen können. Überall dort, wo uns in Deutschland oder im europäischen Ausland der Islam und die Migranten als gefährlich begegnen, da sind sie es vor allem, wegen der sozialen Zustände in denen sie leben.

Die Debatte um die Gefahren der Islamisierung, wie sie von hasserfüllten Leuten, wie auf PI oder sonstwo im Internet, oder in Person so mancher Publizisten geführt wird, ist eine Scheindebatte, die andere, eigene politische Agendas (etwa Zionismus im Falle von Henryk M. Broder oder Nationalismus im Falle der neuen Rechten) rechtfertigen und befruchten sollen, die in ihrer Menschenfeindlichkeit dem gezeichneten Feindbild des Islam in nichts nachstehen.

Die Debatte um die Gefahren für Demokratie und Freiheit ist in Wirklichkeit eine Debatte über soziale Zustände und die Prekarisierung des Menschen im Kapitalismus ansich, die nicht ohne die Hilfe universeller oder religiöser Werte überwunden werden kann. Auch nicht ohne die des Islam.

Advertisements