Die zweite des Staffel des Supertalents begann am Samstag Abend relativ unspektakulär. Die Erwartungen sind allerdings hoch: Schließlich ist wohlkalkulierte Emotion auf allerhöchstem Niveau durch den Telekomspot mit Paul Potts auch dem deutschen Publikum inzwischen präsent. Potts war ja schon vor über einem Jahr durch die britische Show Britain’s Got Talent berühmt geworden. Inzwischen haben die Briten mit der zweiten Staffel großartig nachgelegt, wenn auch die schiere Anzahl (6 Folgen in der Finalwoche) der Shows gegen Ende ermüdend wurde.

Stefan Niggemeier schrieb auf dem Fernsehlexikon-Blog zum Start der zweiten Staffel in Großbritannien damals folgende sehr wahre Zeilen:

Ob die Leute, die für RTL Das Supertalent produziert haben (und gerade an der zweiten Staffel arbeiten), sich wohl manchmal die Inselvariante Britain’s Got Talent angucken und dann leise weinen, um wieviel besser so eine Sendung sein kann, wenn man mitreißende Kandidaten hat und ein hingerissenes Publikum, Ant & Dec statt Marco Schreyl als Moderatoren, Simon Cowell statt Dieter Bohlen in der Jury – und vor allem, wenn man weiß, wie man die Auftritte so komponiert und instrumentiert, dass sich auch den kalkuliertesten Emotionen kein Zuschauer entziehen kann.

Was von dieser Kritik kann man, soweit es nach der ersten Folge möglich ist, RTL noch vorhalten?

Zunächst einmal zu den Emotionen: viel zum gerührt sein gab es noch nicht, obgleich Bruce Darnell naturgemäß weinen musste. Es wäre auch unpassend gewesen zu arg auf die Tränendrüse zu drücken. Im Gegenteil, Kompliment, die Geschichte des HIV-infizierten, homosexuellen Sängers Carlos aus Argentinien wurde zurückhaltend und respektvoll präsentiert, Carlos trug sie ohne unpassende Fragen der Jury oder der Moderatoren einfach in einem Einspieler vor. Zusammen mit Bildern des leicht verlebt aussehenden Ehemanns Harald ergab sich ein stimmiges und symphatisches Bild.

Dennoch zeigt sich eine große Schwäche des Programms, statt die Bilder einfach für sich wirken zu lassen, wird im Falle des Jubels von Off-Stimme Marco Schreyl in banalen Worten das erklärt, was die Bilder bereits zeigen. Überhaupt scheinen was die Visualisierung betrifft einige Probleme zu bestehen. Oder fällt nur mir auf, das die Kameraeinstellungen seltsam anmuten, die Kandidaten oft nicht korrekt präsentieren (abgeschnittene Füße, Herausfallen aus dem Bild) und überhaupt irgendwie komisch sind? Sieht manchmal aus, als hätte es der Praktikant eines Regionalsenders abgefilmt. Gut hingegen ist die Idee, die Geschichter der Jury sehr groß zu zeigen während des Auftritts; wenn die aber ausdrucklos sind und man es zu oft macht, ist es auch wieder sinnlos. Im Zweifel wird es doch verwertbare Reaktionen im Publikum geben.

Die Jury ist übrigens nicht so schlecht. Bruce Darnell ist erwartungsgemäß eine Bereicherung und irgendwo zwischen der Skurillität von Sharon Osborne und David Hasselhoff (America’s Got Talent) und ihm selbst – lustig halt und ein Showman. Sylvie van der Vart entspricht halt dem Zeitgeist und ist vor allem schön und nett. Amanda Holden (Britain’s Got Talent) oder Cheryl Cole (X-Factor) sehen ja praktisch identisch aus. Und weinen kann sie auch gut, passt also. Dieter Bohlen zu kommentieren ist unnütz: er passt immerhin besser in dieses Format als zu DSDS. Was fehlt ist der Zyniker, also jemand wie Piers Morgan, der schlechte Kandidaten auchmal weiterlässt, weil das Publikum sie mag, wohl wissend dass sie für nur noch mehr peinliche Momente sorgen werden und auf der anderen Seite auchmal harte Worte findet. Es muss ja nun keine reine Kuschelveranstaltung sein.

Von der Moderation hat man noch nicht viel gesehen, und das was man gesehen hat, war im Prinzip überflüßig. Dem allgemein als untalentiert geltenden Moderator Marco Schreyl hat man das große Talent Daniel Hartwich zur Seite gestellt, wohl um für lustige Dialoge zu sorgen. Es ist aber gar nicht lustig. Zu tun haben beide nichts: es gab bislang keine Interviews im Wartebereich, kaum Eindrücke von hinter der Bühne und auch sonst nichts, wobei man sie filmen könnte. Mir ist unklar, warum beide überhaupt anwesend sind. Wobei: Weniger Schreyl ist mehr.

Ganz große Fehler machen die Supertalent-Produzenten keine, große Show-Momente gabs aber auch noch nicht. Und da die erste Folge wohl auch als Teaser gedacht war, lässt sich anhand der angekündigten Bilder nicht sagen, dass noch Weltbewegendes auf uns zukommt. Die Hauptteaser waren ein ehemaliger DSDS-Kandidat (aus der Freak-Abteilung) und zwei dicke untalentierte Schwestern. Auf die sollen wir uns nächste Woche „freuen“. Hier werden dann mal wieder die Fremdschämerwartungen des Publikums bedient. Was im Falle der Schwestern mal wieder so ein klassischer Fall von unangebrachtem, aber eben typisch deutschem TV-Zynismus ist. DSDS lässt grüßen.

Supertalent wird anders als Britain’s Got Talent nicht von FreemantleMedia produziert sondern logischerweise genau wie DSDS von der deutschen Grundy UFA, was eben für diese Art der Unterhaltung spricht. Andererseits hilft auch ein Blick nach America: Trotz Simon Cowell (dem man nun nicht vorwerfen kann, nicht zu wissen, wie gute Unterhaltung funktioniert) als Produzent und Jurymitglied ist America’s Got Talent unerträglich. Dagegen ist Supertalent fast schon wieder einen Fernsehpreis wert… naja, besser nicht.