Thomas Lückerath vom Mediendienst DWDL hat eine große Verteidigungsrede auf das deutsche Fernsehen geschrieben. Fazit des leichtverständlichen Artikels: Es gibt genug Auswahl.

Denn das deutsche Fernsehen war nie vielfältiger, sogar besser als heute. Mit inzwischen weit über hundert Fernsehprogrammen findet sich für jeden Geschmack etwas. Wer sich über schlechtes Programm beschwert, sollte vielleicht zur Fernbedienung greifen und einfach umschalten.

Lückerath kritisiert allerdings, nur das Fernsehen müsse sich offensichtlich einer Qualitätsdebatte stellen, nicht aber Literatur, Zeitschriftenmarkt und Internet. Das stimmt nicht wirklich, denn die Debatte betrifft eigentlich alle Medien, in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings im Moment tatsächlich nur das Fernsehen. Dazu sei nochmal Harald Martenstein vom Berliner Tagesspiegel zitiert:

Es ist kein Zufall, dass Reichs Nachfolgerin Elke Heidenreich nur noch lobt und niemals kritisiert. So hätten sie es gerne überall. Nicht meckern, nur feiern. Der Fernsehpreis soll den kritischen und deshalb lästigen Grimme-Preis in den Hintergrund drängen. So, wie Heidenreich Nachfolgerin Reich-Ranickis ist, wie die Filmindustrie den Deutschen Filmpreis auf Mainstream zu trimmen versucht, wie die hübsche Katharina Wagner statt der intellektuellen Nike Wagner Bayreuth übernimmt, wie das Wort Bestsellerautor den Begriff Schriftsteller verdrängt, wie fast überall seit Jahren die Bilder größer werden und die Texte kleiner. Man hat das Gefühl, als solle das Publikum umerzogen werden, hin zur Anspruchslosigkeit von Maden.

Tatsächlich betrifft die Verflachung des Programms alle Bereiche der zum Freizeitvergnügen konsumierten Medien. Wobei auch Bildung und Kultur für manch einen eben Freizeitvergnügen sind. Das bedeutet freilich nicht, dass es keine guten Bücher, keine guten Filme, keinen guten Journalismus mehr gibt, nur drängen sich die flachen Inhalte immer weiter in den Vordergrund. Sei es Charlottes Roches „Feuchtgebiete“, dass die Bestsellerlisten dominiert, Busenklickstrecken in den Onlineportalen der Tageszeitungen, die unaufhörliche Boulevardisierung des Internetleitmediums Spiegel Online oder der Magazinformate in ARD und ZDF und so weiter.

Die Grundlage aber dafür, dass der Zuschauer/Leser/Zuhörer kritischer wird, öfter umschaltet und nicht alles konsumiert, was man im vorsetzt, das ist eine politische Aufgabe. Schlechtes Fernsehen, schlechte Bücher, schlechte Medien, das ist alles auch ein Spiegel der Gesellschaft. Und wo einst Literatur etwa gesellschaftlichen Wandel gefördert hat, so verhindert sie und andere Medien ihn im Dienste der profittablen Verwertbarkeit eher, mehr noch: sie treiben die „Dummen“ und die „Schlauen“ auseinander. Und was das Fernsehen betrifft, so ist es gerade nicht das oftgescholtene RTL, dass hier der schlimmste Akteur wäre. Im Gegenteil: Formate wie „Bauer sucht Frau“, „Rach, der Restaurantester“ oder „Ich bin ein Star holt mich hier raus“, werden von allen Schichten gesehen und sind sicher nicht dümmer als Frank Elstners öde Shows oder der Musikantenstadl… im gebührenfinanzierten Fernsehen. Niveau, Bildung und Kultur haben die öffentlich-rechtlichen Sender längst auf die Sparten- und Digitalprogramme ausgelagert.

Und wenn Stefan Niggemeier sich beim Anblick einer als Sketch gespielten Diskussionsrunde auf dem britischen Privatsender ITV wundert: „Was für eine abwegige Vorstellung, dass das deutsche Gegenstück RTL jemals etwas zeigen könnte, das gleichzeitig so relevant, klug und lustig ist“, dann ist das zwar richtig, aber es würde schon reichen, dies würde auf ARD oder ZDF stattfinden.