Zur Debatte um die Qualität des deutschen Fernsehens, die Literaturkritiker Marcel Reich Ranicki versehentlich ausgelöst hatte, weil ihm die Verleihung des deutschen Fernsehpreises verständlicher Weise nicht zugesagt hat, schreibt Harald Martenstein vom Tagesspiegel ein paar grundlegende Worte:

Erfolg und Qualität – das sind, bei Büchern, bei Sendungen, bei Musik, generell, zwei grundverschiedene Eigenschaften. Manchmal fällt beides zusammen, manchmal nicht.

Und damit sind wir schon bei den Grundproblemen des deutschen Fernsehens. Das erste ist, dass der Erfolg vieler Formate im Privatfernsehen sich nicht mit deren Qualität deckt. Wobei hier grundsätzlich von einer auf das Genre gerichtet Qualität gesprochen werden sollte. DSDS ist zum Beispiel ein schlechtes Beispiel: schreckliche Jury, träge Moderation, kaum gute Kandidaten. Gegenbeispiel wäre X-Factor vom Pop Idol-Erfinder Simon Fuller (DSDS) im britischen ITV; Hier mal 3 Kandidaten zur Illustration: 1, 2, 3. Die Qualität wird zum Beispiel schon allein dadurch besser, dass ältere Kandidaten teilnehmen dürfen. Dabei kommt X-Factor ebenfalls von der RTL Group (FremantleMedia), man weiß also wies geht, aber vielleicht ist das deutsche Publikum zu sehr auf niedrigen Anspruch konditioniert?

Betrachtet man den unglaublichen Erfolg und die Akzeptanz beim Publikum, die Reality Formate und Casting Shows haben, so können etwa öffentlich-rechtliche Sender nicht die Augen davor verschließen, schließlich haben sie auch einen Unterhaltungsauftrag. Und während bei RTL und Co. systembedingt (Quotendruck, Rendite, Zielgruppe) Qualität und Niveau leiden können (nicht müssen), wie wäre es, wenn die ÖR solche Formate in ihr Programm holen? Die ARD hats mit dem „Steinzeitexperiment“ schon gemacht, und war damit interessanter und spannender als jede Survivor-Staffel (CBS). Die BBC in Großbritannien war auch mutig und hat das Apprentice-Format von Reality-Pionier Mark Burnett (u.a. eben auch Survivor) ins Programm aufgenommen, ohne bezahlte Business-Tasks, dafür mit Witz, Intelligenz und Charme – und damit unzählige Preise gewonnen (und Quoten, die realtiv gesehen noch über denen von DSDS in Deutschland liegen, eine deutsche Apprentice Version ist allerdings 2005 mit Big Boss gescheitert).

Warum nicht also auch eine Castingshow oder eine Reality auf ARD und ZDF (gut, Gottschalks Musical-Casting gabs ja), aber eben ganz anders produziert als auf RTL oder CBS, mit Kandidaten allen Alters, klassischer Musik? Oder wie wäre es mit einem Amazing Race durch die Kulturhaupstädte Europas? So würde sich moderne, zeitgemäße Unterhaltung, Kultur und Bildung vereinen, ohne dröge oder belehrend zu wirken.

Auch unerklärlich, warum so viele Filmperlen im deutschen Fernsehen zur Nachtzeit, statt zur Primetime laufen. Das großartige BBC-Drama „State of Play“ zum Beispiel versendete Arte mitten in der Nacht (naja fast), in jedem Fall quasi unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

Um all dies wird es am Freitag 22:30 Uhr bei der Diskussion zwischen Gottschalk (sic!) und Ranicki vorrausichtlich nicht gehen, und um Privatfernsehen und Unterhaltung schon gleich gar nicht. Es geht vermutlich dann um Hochkultur. WDR-Intendatin Monika Piel hat derStandart zufolge schon angedeutet, dass im Ersten Programm zur Hauptsendezeit Events, Kultur wie Theater- oder Operninszenierungen wie auch Dokumentationen gesendet werden könnten.

In dem Fall bleibt Kultur dann aber Kultur und holt die Leute weder dort ab, wo sie sind, noch macht es jenen, die sich gar nicht mehr mit (Hoch)Kultur beschäftigen, dieselbe schmackhaft. Wenn man denn Kultur im Fernsehen möchte, dann muss man auch mit den Mitteln des moderenen Unterhaltungsfernsehens und seinen Formaten arbeiten. Und da ist es übrigens völlig verfehlt jetzt etwa auf RTL zu schimpfen oder sich über deren vermeintliche Doppelmoral lustig zu machen. Gerade die RTL Group hat spannende und innovative Formate entwickelt und vorangetrieben. Jetzt gilt es sie im ÖR mit dem Programmauftrag zu füllen. Vielleicht interessiert sich jemand für Puccini, nachdem er in einem hochwertigen Gesangswettbewerb auf ARD oder ZDF etwas daraus gehört hat? Dann können wir nochmal über die Opernübertragungen reden.