Im folgenden Text plädiere ich anhand des Beispiels “Big Brother Celebrity Hijack” dafür, dass insbesondere deutsche Reality-Formate im Fernsehen von ihrer zynischen Darstellung der Protagonisten abkommen sollen. Reality TV funktioniert am besten, wenn es Menschen zeigen, die auch Vorbilder sein können, aber dabei trotz Dramaturgie ehrlich und intelligent sind. “Big Brother Celebrity Hijack” hat das getan – und war erfolgreich, witzig, intelligent und unterhaltsam.

Es ist neun Uhr vierunddreissig. Eine WG. John, ein junger Politiker, dreht zum letzten Mal in seinem Bett rum, während Designerin Amy Cornflakes zum Frühstück macht. In der Sofa-Ecke sitzen bereits die Sänger Nathan und Callista und unterhalten sich über das Musikgeschäft. Designer Jay trinkt verschlafen seinen Kaffee. Niemand hat Sex. Es ist eine nur scheinbar glatte Traumwelt aus Idealen und Zielen, die da gezeigt wird. Die jungen Leute in der beschriebenen WG sind real. Sie sind gecastet, es gibt eine Dramaturgie, aber sie sind authentisch. Und: sie sind symphatisch.Diese zwölf jungen Menschen zwischen 18 und 21 sind vermutlich in der Geschichte von Big Brother die einzigsten deren Karriere nach oben offen ist, deren Lebenswirklichkeit vor und nach dem Haus sich zumindest ein Stück weit an der zusammengecasteten Gruppe orientieren wird. Sie sind ein Gegenentwurf zu denen, die weltweit die Big Brother Container bevölkern. Und sie zeigen, dass Formate wie Big Brother auch anspruchsvoll und intelligent sein können.

Big Brother Celebrity Hijack heißt dieses bislang einmalige Experiment. John Loughton, Mitglied des schottischen Jugendparlaments sollte das Haus nicht nur als erster betreten, sondern auch als letzter verlassen. Mit knapp 54 Prozent der Zuschauerstimmen wurde der nuschelnde Rotschopf und Rockträger Gewinner der Big Brother Experiments und ist inzwischen wieder erfolgreich in der schottischen Politik unterwegs. Im April wurde er Mitglied der Scottish Constitutional Commission, 2009 will er in das schottische Parlament einziehen.

Am herausragendsten neben John war vermutlich die drittplatzierte Konzeptkünstlerin Amy Jackson, die sich in einer Folge weigerte an einer zu freizügigen Tages-Aufgabe teilzunehmen. Der Kunsthistoriker Brian Sewell wollte, dass sich die Bewohner nackt und mit Farbe bemalt über Leinwände rollen sollte. Diese Kunstaktion stellte Amy Jackson vor grundsätzliche Probleme zu ihrem Kunstbegriff, der natürlich mit Sewel ausdiskutiert werden musste (Siehe Video).

Aber auch für jeden anderen gab es unter den insgesamt 12 Hausbewohner ausreichend Identifikations-Potenzial: die ständig-streitenden Zirkusgeschwister Emila und Victor Arata, der unterkühlte Rennfahrer Jeremy Metcalfe, die nicht gerade schlechten Sänger Calista Robertson und Nathan Fagan-Gayle, Tänzerin Latoya Satnarine, das ständig fröhliche und hyperaktive hochintelligente Modell Jade Eden, der fast schon authistisch wirkende Jungunternehmer Liam Young, der in einer Folge miauend im Badezimmer sitzt. Und schließlich der gutmütige Boxer Anthony Ogogo und der homosexuelle Designer Jay Wilson. Es war vermutlich die schillerndste Big Brother Staffel aller Zeiten und ein Geniestreich der zuständigen Caster.

Wer sich die Foren rund um Big Brother in Deutschland anschaut, wird immer wieder feststellen, dass die viele Zuschauer, die mangelnde Qualität der Bewohner beklagen. Stripperinnen, Barkeeper, Arbeitslose – das ist die deprimierende Big Brother Realität. Sie orientiert sich an den vermeintlichen Verlierern der Gesellschaft und zeigt ihnen, dass andere bestenfalls so sind wie sie oder eben noch ein Stück schlechter.

Bei Hijack geht ist es anders. Statt der düsteren Stimme des großen Bruders der Anweisungen gibt und nach dem Befinden fragt, stehen die Bewohner in Interaktion mit täglich wechselnden Prominenten. Unter ihnen Kelly Osbourne, die Sugababes, Russell Brand, Roseanne Barr, eine Journalistin, der Kunsthistoriker, Radiomacher, Schauspieler, Comedians.

Die Gespräche mit dem prominenten Big Brothers sind skurill, witzig, provozierend, intelligent und enthüllend. Sie zielen nicht darauf ab, jemanden nur zu einer medial verwertbaren Emotion zu führen. In der ersten Show der kurzen Staffel fühlt man sich fast erschlagen von dem Potenzial und der Ausstrahlung der 12 Kandidaten, die zwar nicht schüchtern mit ihren Talenten prahlen, aber sie haben ein Talent. Es sind 12 talentierte junge Menschen, die nach und nach ihre Schwächen und Sträken offenbahren und dabei, und das ist das besonder gerade bei Big Brother, vergleichsweise Raum für Voyeurismus oder Selbstentblössung bieten.

Alle anderen Varianten von Big Brother, insbesondere die deutsche können von Big Brother Celebrity Hijack viel lernen. Die deutschen Kandidaten kommen aus dem Nichts und verschwinden dort auch wieder, werden allenfalls Moderator bei 9Live oder Big Brother selbst. Nicht nur Big Brother, alle deutschen Formate in denen Menschen beobachtet oder bewertet werden, sind erschreckend brutal und zynisch im Umgang mit ihren Protagonisten.

Mit 750.000 Zuschauer, und damit über dem Senderschnitt von Channel 4-Tochter E4, hat Celebrity Hijack gezeigt, dass es anders funktioniert. In Deutschland zeigt es “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”, wenn auch noch mit dem alten Looser-Personal unter den Protagonisten. Das Fernsehen braucht Formate, die andere Menschen zeigen als die Verlierer oder die gebauten Stars, die aber trotzdem dramatisiert und unterhaltsam sind. Reality TV ist nicht zwingend Trash-TV. Die TV-Macher müssen verstehen, dass wir nicht Leute sehen wollen, die schlechter sind als wir, sondern auch solche, die besser sind als wir. Genaugenommen solche, von denen wir selbst und ohne Eifersucht entscheiden, dass sie besser sind. An denen wir uns orientieren. Denn das geschieht sowieso. Und so ist es dann auch gut.

Big Brother Celebrity Hijack, 3. Januar 2008 – 28. Januar 2008, E4 (UK)

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