Der erste Gesprächspartner an diesem Abend ist jemand aus dem Volk. Kerstin Gräser, Callcenter-Mitarbeiter, 800 Euro netto, sitzt auf dem weißen eckigen Sofa, mit dem Rücken zum Publikum. Sie darf als erste etwas zum Thema „Rendite statt Respekt – Wenn Arbeit ihren Wert verliert“ sagen. Es ist die erste Talksendung von Anne Will als Nachfolgerin von Sabine Christiansen.

Danach geht Anne Will zur eigentlichen Talkrunde über. Die prominenten Gäste sitzen in roten Ledersesseln ohne erkennbare Lehne, brauchen also ein kräftiges Rückgrat. „Lieber Herr Rüttgers, das was sie sagen hat mit der Wirklichkeit der Unionspolitik soviel zu tun, wie ne Kuh mit ner Strahlenkanone“, sagt Beck. Oder so ähnlich. Es ist das übliche. Wenn man die Augen schließt, könnte man fast sogar meinen Anne Will ist Sabine Christiansen. Ihre Moderation nahezu identisch, ebenso die Intonation, nur weniger fahrig wirkt sie, eher gelassen und bestimmt.

Das Studio wirkt warm und kühl zugleich. Warm sind vor allem die gelb, rot und orangen Farben im Hintergrund, die wie heiße Lava durchs Bild fließen. Kühl sind die klaren und geometrischen Formen des Möbilars und das der Hintergrundbilder, die mehr Ecken haben, als so mancher Politiker. Es solle niemand glauben, dass es in ihrer Sendung „kuschelig“ zugehen werde, betonte Will ungefragt bei der Präsentation ihres Studios, schreibt die Frankfuter Allgemeine Zeitung: „Sonst hätten wir noch einen Teppich reingelegt“.

Später wechselt Will noch einmal zur weißen Couchecke, wo dann ein Arzt sitzt, der Burn Out-Patienten behandelt, im Hintergrund sind mit ausreichendem Abstand noch die Prominenten zu erkennen. Ob dieser Schnitt zwischen Politischer Klasse, Wirtschaft, Kirche auf der einen Seite und dem Volk auf der anderen Seite so beabsichtigt ist? Zumindest bekommen die Talk-Gäste mehr Raum, als wenn sie direkt aus dem Studiopublikum heraus befragt werden würden, wie bei Christiansen. Ein direkter (kommunikativer) Kontakt zwischen Volk und Politiker scheint nicht erlaubt zu sein, er muss über die Moderatorin, die vierte Macht, nämlich den Journalismus erfolgen.

Aber auch zwischen den Mitgliedern der Elite kommt kein Dialog/Diskussion zu Stande. Auf dem Karomuster, dass einen Teil des Bodens bedeckt, wirken sie wie Figuren aus einem rundenbasierten Computerspiel. Lediglich am Ende geraten Beck und Rüttgers aneinander. „Herr Beck, wir reden nächste Woche weiter“, sagt Will dann aber abschließend und unterbricht den Streit. Es klingt wie eine Drohung: Wird Kurt Beckung in jeder Sendung zu Gast sein?

Anne Will ist also eher eine Befrage-, als eine Talk-Show, ein abgefilmter Agentur-Text, jedoch ohne nachrichtlichen Wert – oder war ihnen neu, dass man von seinem Einkommen leben können muss, dass Hartz IV für viele zu einem Schlagwort geworden ist oder dass wir bei der Arbeitslosigkeitsbekämpfung jetzt nicht aufhören dürfen? Das sind die Erkenntnisse dieses Abends. Und eine weitere noch: Es ist alles wie immer, am Talkshow-Sonntag.