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Oktober 5, 2011 um 10:17
Sandro Valecchi
“Margin Call”, die Abgründe der Finanzkrise und das Ende einer Investment-Bank
Das kritische Hollywood mit Anspruch auf Qualität und “True Story” hat sich dem Fanal um das Ende einer Investmentbank-Bank im Höhepunkt der internationalen Banken- und Finanzkrise gestellt und Realität mit filmischer Darbietung gelungen verknüpft. Die Realität: Am Wochenende vom 12. bis 14. September 2008 besiegeln in New York die mächtigsten Finanzführer der Welt das Ende der angeschlagenen Investmentbank Lehman Brothers. Anfangs ahnte niemand, dass sie damit die Weltwirtschaft in den Grundfesten erschüttern werden. Richard Fuld, CEO und damit erster Mann bei Lehman, hatte die Lage völlig verkannt und in entscheiden – wirklich existenziell wichtigen Momenten – völlig falsch gehandelt.
Der Film “Margin Call” thematisiert die Finanzkrise des Jahres 2008 und knüpft mit seinen Charakterdarstellern dort an, wo die Mitarbeiter und Entscheider getriebene der Krise wurden. Im Focus der Kameraführung stehen die letzten 24 Stunden vor der objektiv unabwendbaren Katastrophe. Der Analyst Peter Sullivan stellt fest, dass die Bewertungen der Hypotheken seiner Investmentfirma ganz erheblich fehlerhaft, mit sog. Toxischen Papieren ohne hinreichende Sicherheiten überladen sind und die Investment-Bank am Rand des Ruins steht. Die Verantwortlichen der Firma, Buchalter Sam Rogers (gespielt von Charakterdarsteller Kevin Spacy), Jared Cohen, Sarah Robertson und John Tuld (mit klarer Anspielung auf Lehman-Chef Fuld, gespielt von Jeremy Irons) beschließen, diese „toxischen Papiere“ abzustoßen und bringen damit den Stein ins Rollen, der für die internationale Finanzwelt und letztlich auch für sie selbst verheerende Folgen hat.
In der Realität stritten Richard Fuld (Lehman) und Henry Paulson (US-Finanzminister) über das Schicksal der Investment Bank Lehmam Brothers. Als seinen „Hauptfeind“ betrachtete Fuld den damaligen US-Finanzminister Henry Paulson. Paulson war lange Zeit der Chef des ewigen Lehman-Konkurrenten Goldman Sachs und damit gewissermaßen der Goldstandard im Bereich des Investmentbanking. Nun sollte exakt eben dieser Paulson in seiner Funktion als US-Finanzminister über das Schicksal der Bank seines alten Rivalen entscheiden. Es war der Showdown zweier Giganten der Wall Street. Ein Zeitzeuge, Larry McDonald, betrachtet dies als den entscheidenden Moment der Finanzgeschichte: „Wir haben wirklich gehofft, dass Mr. Fuld dem Finanzminister die Hand reicht, und Frieden schließt.“
Doch Richard Fuld verkennt den Ernst der Lage und verspekuliert sich im wahrsten Sinne des Wortes abermals. „Das Treffen verlief gar nicht gut. Offen gesagt, Mr. Fuld sagte so etwas wie: Ich sitze schon viel länger im Sessel, als Du in Deinem als Minister. Ich fahre das Risiko zurück, wie ich es will.’ Also, ein absoluter Testosteron-Moment. Wirklich keine gute Voraussetzung für alles Weitere.“
Die Realität: Die Wall-Street-Bosse hätten sich einigen müssen. Das Problem: Die beiden wichtigsten Figuren im Zentrum der Krise sind alte Rivalen und konnten sich persönlich nicht ausstehen.
Der Thriller “Margin Call” ist angelehnt an den Handel von Terminkontrakten. Der Vorteil liegt darin, dass man mit Kapital agieren kann, das man genau genommen überhaupt nicht zur Verfügung hat. Nur ein kleiner Teil des eingesetzten Kapitals muss tatsächlich auf dem Konto des Brokers (“Margin Account”) hinterlegt sein. Entwickelt sich das Geschäft jedoch gegen den Trader, kann es zum gefürchteten “Margin-Call”, dem Anruf des Brokers zur Erhöhung “der Margin”, kommen: man muss echtes Geld auf das Konto nachschießen um zu verhindern, dass die offenen Positionen zwangsaufgelöst werden.
Als “Margin Call” (auch “Variation Margin Call” oder “Performance Bond Call” definiert) wird die Nachschusspflicht bezeichnet, die bei Verlust der festgelegten Mindestdeckungshöhe des “Margin Accounts” angefordert wird. Diese Pflicht zum Nachschuss dient dem Broker als Sicherheit, wenn die vorher geleisteten Einschüsse aufgebraucht sind, also beispielsweise bei einem entstandenen buchmäßigen Verlust zu Lasten des Anlegers. Zwar ist ein gewisser Spielraum beim “Margin Account” vorhanden, jedoch darf der Wert nicht unter die vorgegebene und festgelegte “Maintenance Margin” fallen. Falls der Aufforderung zum Nachschuss nicht unverzüglich nachgekommen wird, ist der Broker berechtigt, die Deckung des Kontos auch gegen die Interessen des “Traders” durch die Schließung der Position herbeizuführen. „Eine hoch-spekulative Verfahrensweise“, erklärt Analyst Sandro Valecchi: „letztendlich ist sicherzustellen, sofern man “auf Margin” Handel treiben will, dass im Fall eines “Margin Calls” noch genügend Reserven vorhanden sind, auf die in kürzester Zeit zurückgegriffen werden können.
Die Aussage des Film ist in einer rhetorischen Frage verfasst: „Wann haben wir damit begonnen, die Übersicht zu verlieren?“ Die unausgesprochene Antwort lautet: „Der Markt kann nicht beherrscht werden.“
V.i.S.d.R.
Sandro Valecchi, Analyst, 10555 BERLIN